Mitzpe Ramon, 860 Meter über dem Meeresspiegel im Herzen der Negevwüste, ist einer der abgeschiedensten Orte des Landes. Doch schon bald könnte er mehr sein als nur ein Geheimtipp für Himmelsbeobachter. Denn hier, am Ramon-Krater, soll mit der »Space City« Israels ambitioniertester Innovations- und Forschungsstandort für Weltraumtechnologien entstehen.
Das ehrgeizige Projekt will Mitzpe Ramon zur Weltraumstadt Israels machen: Geplant ist ein Campus mit Missionskontrollräumen, Labors zur Simulation von Mars-Bedingungen, Start-up-Programmen sowie einem internationalen Forschungs- und Bildungszentrum. Der Plan steht – umgesetzt ist er bislang noch nicht.
Zwei professionelle Teleskope im Sand
Im Hier und Jetzt bringt Ira Machefsky, US-amerikanisch-israelischer Hobbyastronom, an diesem Ort regelmäßig nach Einbruch der Dunkelheit Interessierte auf seine Weise den Sternen näher. »Welcher ist der Nordstern?«, fragt er fröhlich in die Runde und zeigt mit einem grünen Laserstrahl in den Himmel. »Wo seht ihr die Venus?« Vor ihm stehen zwei professionelle Teleskope im Sand, mit denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die unendlichen Weiten des klaren Himmels über sich schauen – und staunen.
Das Projekt bedeutet eine bewusste Investition in die oft benachteiligte Peripherie des Landes.
Staunen soll auch die Space City auslösen. Die Liste der Unterstützer liest sich wie ein Who’s who der israelischen und internationalen Innovationslandschaft: von der Innovationsbehörde in Jerusalem über die Israel Space Agency bis hin zu globalen Technologiepartnern wie beispielsweise NVIDIA, die ihre KI-Expertise einbringen sollen. Hinzu kommen philanthropische Geldgeber wie der Jewish National Fund USA und die Mirage Foundation.
Gemeinsam wurden rund 100 Millionen Schekel, umgerechnet etwa 27 Millionen Euro, investiert. Das Projekt ist damit nicht nur ein Signal Richtung Sterne, sondern auch eine bewusste Investition in die oft benachteiligte Peripherie des Landes. Denn es soll nicht nur Bekanntheit und Ruhm bringen, sondern vor allem auch Jobs.
Das Projekt integriert zudem Start-up-Programme und internationale Bildungsangebote und soll darüber hinaus einen akademischen Campus schaffen, der Forscher aus aller Welt nach Mitzpe Ramon lockt. Israels Wirtschafts- und Innovationsminister Nir Barkat sprach bei der Präsentation des Vorhabens von »einem historischen und aufregenden Moment für die Negevwüste« und betonte, das Projekt sei Teil einer langfristigen Strategie zur Stärkung von Wissenschaft, Innovation und wirtschaftlichem Wachstum im Süden des Landes.
Enge Verzahnung von Forschung, Hightech-Entwicklung und Unternehmertum
Ein zentrales Merkmal der Space City ist die enge Verzahnung von Forschung, Hightech-Entwicklung und Unternehmertum. Start-ups, oft mit dual nutzbaren Technologien, sollen direkt vor Ort gefördert werden. Die Ideen reichen von Robotik und autonomen Systemen bis hin zu neuen Material- und Energielösungen, die unter extremen Bedingungen getestet werden – mit möglichen Anwendungen sowohl im All als auch auf der Erde.
Partnerschaften mit internationalen Unternehmen sollen technisches Know-how bereitstellen und Zugang zu globalen Netzwerken ermöglichen, während staatliche Stellen und Investoren helfen, die Projekte in die Tat umzusetzen, hob Barkat hervor.
Auf dem Plateau sieht man in klaren Nächten dieselben Sterne wie vor Tausenden Jahren.
Roy Naor, Geschäftsführer und Mitbegründer des Unternehmens Creation Space, das das Projekt leitet, erklärt: »Die Space City wird es uns ermöglichen, Unternehmern eine vollständige Infrastruktur zu bieten – von Accelerator-Programmen bis zu technologischen Entwicklungslabors. Das verkürzt den Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt erheblich.« Gemeinsam mit staatlichen Institutionen und internationalen Partnern will Creation Space Mitzpe Ramon »in das größte zivile Weltraum-Innovationszentrum Israels verwandeln«.
Die Vision ist konkret
Die Vision ist konkret: Auf dem Campus sollen nicht nur klassische Forschungseinrichtungen entstehen, sondern auch spezialisierte Labors, von Mars-Umweltsimulatoren über Robotik- und autonome Systeme bis hin zu einer Kontrollzentrale, von der aus Raumfahrtmissionen überwacht und gesteuert werden können.
»Unser Modell in der Space City ist einfach: Wir identifizieren Herausforderungen im Weltraum, für deren Lösung große Budgets bereitstehen«, so Naor. »Darauf aufbauend, fördern wir Unternehmen, die sogenannte Dual-Value-Lösungen entwickeln – Technologien also, die sowohl auf der Erde als auch bei künftigen Weltraummissionen eingesetzt werden können.«
Was verbindet einen Hobbyastronomen mit den Köpfen hinter der Space City?
Was aber verbindet einen Hobbyastronomen mit den Köpfen hinter der Space City? Mehr, als man vermuten würde. Beide richten ihren Blick in den Himmel – wenn auch mit unterschiedlichen Instrumenten und Zielen. Während Machefsky den Besuchern Geschichten über Sternbilder, Galaxien und die Weite des Universums erzählt, arbeiten Ingenieure und Wissenschaftler an Technologien, die eines Tages echte Raumsonden oder autonome Rover steuern könnten.
Auf dem Plateau über dem Ramon-Krater sieht man in klaren Wüstennächten noch immer dieselben Sterne wie vor Tausenden von Jahren. Doch ihre Bedeutung hat sich gewandelt. Heute inspirieren sie nicht mehr nur zu ruhigen Gesprächen über ferne Galaxien, sondern auch zu ernsthaften Debatten über Raumfahrt, Innovation und wirtschaftliche Zukunftsperspektiven im Süden Israels.
Die Einheimischen können die Eröffnung der Space City kaum erwarten. Hoffentlich, so hofft man in Mitzpe Ramon dieser Tage, werden eines Tages die Start-ups hier ihre Lager aufschlagen, bevor sie ins All starten. Und wer weiß: Vielleicht schaut Ira Machefsky dann den Raumschiff-Ingenieuren über die Schulter und sagt mit einem Lächeln im Gesicht: »Schaut genau hin – dort oben könnte eure Zukunft liegen.«