Tagung

Wirklichkeit eines Traums

Lang anhaltender Beifall am vergangenen Freitag in Frankfurt am Main nach einem in perfektem Hebräisch gehaltenen Vortrag über arabische Perspektiven auf das zionistische Projekt. Ein Blickwinkel, den wir hierzulande kaum kennen, gestand Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland. Menna Abukhadra, Dozentin für Hebräische Sprache und Literatur an der Universität Kairo, war Referentin auf der Tagung »Hundert Jahre Balfour-Deklaration«.

Die meisten Ägypter wüssten weder, was Zionismus bedeute, noch hätten sie Kenntnisse über das Judentum als Religion, stellte Abukhadra fest. Das Image sei schlecht. Im akademischen Milieu aber habe sich das in jüngster Zeit geändert. Seien Israelstudien anfänglich vor allem Feindstudien gewesen, ermögliche das Internet heute einen unmittelbaren Zugang: Wer will, könne online hebräische Zeitungen lesen, Fernsehkanäle verfolgen und auch Hebräisch lernen.

Reaktion Mehr als 160 Teilnehmer konnte Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, im Festsaal des Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums begrüßen. In seiner Einführung wies Kiesel auf den engen Zusammenhang zwischen israelischer Staatsbildung und europäischer Geschichte hin: Der Traum vom eigenen Staat sei eine Reaktion der jüdischen Welt auf Jahrhunderte des Antijudaismus und Antisemitismus.

Die Balfour-Deklaration ist ein offizielles Regierungsschreiben, das am 2. November 1917 an Baron Lionel Walter Rothschild gesandt wurde, einen führenden Vertreter des britischen Judentums. Der britische Außenminister Arthur Balfour teilte darin mit, dass die Regierung des Vereinigten Königreichs die »Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina« unterstütze. Eine Formulierung, die 1922 ähnlich in den Text des britischen Völkerbund-Mandats für Palästina einging. Rothschild wurde gebeten, die Zionistische Weltorganisation darüber zu unterrichten. Deren wichtigster Repräsentant war Chaim Weizmann (1874–1953). Für das zionistische Projekt sei Weizmann bedeutsamer gewesen als Theodor Herzl, meinte der Historiker Motti Golani von der Universität Tel Aviv. Er müsse als der Moses des modernen Israel gelten. In den Verhandlungen mit Balfour, die der Deklaration vorausgingen, spielte er eine führende Rolle.

Die Erklärung war kein selbstloses Geschenk an die Zionistische Bewegung. Mitten im Ersten Weltkrieg wollte die britische Regierung ihre eigenen Interessen im Nahen Osten sichern. Die Wiederbelebung eines jüdisch-nationalen Staates schien ein Weg dazu zu sein, erläuterte Golani. In diesen Kontext gehörte zu Beginn des Ersten Weltkriegs auch die Gründung der Jüdischen Legion durch Zeev Jabotinsky (1880–1940), die dazu beitragen sollte, die osmanische Herrschaft in Palästina zu beenden.

Jabotinsky Den in Odessa geborenen Schriftsteller stellte Christian Wiese, Inhaber des Frankfurter Martin-Buber-Lehrstuhls, vor. Er sei Mitstreiter und Widersacher von Weizmann in der zionistischen Exekutive gewesen. Jabotinsky habe weder dem demokratisch-liberalen noch dem sozialistischen oder religiösen Zionismus etwas abgewinnen können, sondern sich eher am italienischen Faschismus orientiert.

Allerdings glaubte er, in einem künftigen Israel grundsätzlich mit jeder Herrschaftsvariante leben zu können, solange der Staat jüdisch sei. An der zionistischen Führung kritisierte er, zu zaghaft mit den Briten zu verhandeln und nicht entschieden genug für eine jüdische Bevölkerungsmehrheit in Palästina einzutreten. Im Unterschied zum späteren Staatspräsidenten Weizmann erlebte Jabotinsky die Gründung des Staates nicht mehr.

Als Mandatsmacht in Palästina rückte Großbritannien nach und nach vom Grundgedanken der Balfour-Deklaration ab. Ihre restriktive Einwanderungspolitik machte es unzähligen Juden unmöglich, vor den Nazis nach Israel zu fliehen. Gleichwohl verabschiedeten die Vereinten Nationen am 30. November 1947 mit britischer Unterstützung einen Plan zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Letzterer wurde nicht gegründet; stattdessen brachen Israels arabische Nachbarn am 14. Mai 1948, dem Tag der israelischen Staatsgründung, einen Vernichtungskrieg gegen Israel vom Zaun, den sie allerdings verloren. Bis heute bezeichnen die Palästinenser Israels Staatsgründung als »Nakba« – arabisch für »Katastrophe«.

Ihre »unterschiedlichen Narrative« trennten Juden und Palästinenser auch heute noch voneinander, betonte Arie Kizel von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Haifa. Sprächen die einen von der Selbstbestimmung des jüdischen Volkes, sei Israel für die anderen eine Fortsetzung des westlichen Kolonialismus.

Nation Kizel ging auch auf jüdische Reaktionen auf die Balfour-Deklaration ein. Diese seien keineswegs ungeteilt positiv gewesen. So etwa habe der für Indien zuständige Minister der britischen Regierung, Edwin Samuel Montagu, vehement gegen die Deklaration protestiert und sie sogar als antisemitisch bezeichnet – und zwar, so Montagu, weil es keine jüdische Nation gebe. Dieses Argument, so Kizel, wurde später von den Palästinensern übernommen. Zur historischen Bedeutung der Deklaration meinte Kizel, diese sei der erste Schritt zur internationalen Anerkennung des historischen Rechts der Juden auf ihre Heimat. Die Deklaration wurde auch in der israelischen Unabhängigkeitserklärung erwähnt, die David Ben Gurion am 14. Mai 1948 verlas.

Deutlich wurde auf der Tagung, dass die Verwirklichung der zionistischen Idee im modernen Staat Israel alles andere als ein spannungsarmer Prozess war. Für den Historiker Motti Golani wurde mit der Ausrufung des Staates Israel der Zionismus als Bewegung sogar »zerstört«. Ob man diesem Befund nun zustimmt oder nicht, der Titel, unter den Golani seinen Vortrag stellte, enthält eine unbestreitbare Wahrheit: »Das Leben wird kompliziert, wenn Träume wahr werden«.

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