Frankfurt

»Wir sind ihm dankbar«

Meine erste Bekanntschaft mit MRR fand im Jahre 1967 statt, und sie war einseitig, insofern als er sich später nicht daran erinnerte. Ich schon. Das ist kein Wunder, denn ich sprach mit ihm nur ein paar Minuten lang, während ich ihm viel länger zuhörte. Er war damals nämlich auf einer Vortragsreise über die neuere deutsche Literatur, mit einem Stopp in Cleveland, Ohio, wo ich meine Karriere als Assistant Professor in der Germanistischen Abteilung gerade begonnen hatte.

Kurz vor dem Vortrag hatte ich noch Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er den Krieg überlebt hatte. Seine präzise, fast trockene, leicht humorvolle und doch mit allem Elend jener Jahre aufgeladene Beschreibung der Umstände, die ihn gerettet hatten, wurde viele Jahre danach in seinem Buch Mein Leben zum deutschen Gemeingut. Ich hatte damals das Gefühl, man könne mit diesem Mann noch über vieles reden, ohne zu ermüden, vielleicht sogar, ohne ihn zu ermüden.

Leidenschaft Dann kamen Jahrzehnte, in denen er Deutschlands berühmtester Kritiker wurde. Es ging gar nicht so sehr darum, ob er mit diesem oder jenem Werk einverstanden war, und nicht einmal darum, ob er immer recht hatte (das hatte er natürlich nicht, wer hat schon immer recht?), sondern dass endlich wieder Leben und Leidenschaft in die Beurteilung von Literatur kam, denn die Kritik war ja eine verpönte Angelegenheit gewesen unter Goebbels, wo man unliebsame Bücher verbannte oder verbrannte und die genehmigten Schriften unantastbar waren.

Davon erholte sich das literarische Leben in Deutschland nur langsam. Kritik ist bekanntlich die Kunst der Unterscheidung, und die wurde von Reich-Ranicki zur Freude des Publikums nun wieder mit Krach und Wonne in Zeitung und Fernsehen geübt.

Ich hatte inzwischen die diversen Stufen des Berufslebens einer amerikanischen Professorin für deutsche Literatur durchlaufen und hatte am Ende meine Kindheitserinnerungen aufgeschrieben. Die wurden von Sigrid Löffler entdeckt und ans Literarische Quartett empfohlen, wo Reich-Ranicki das Buch derart über den grünen Klee lobte, dass meinem jungen, unerfahrenen Verleger und mir, der unbekannten Autorin, vorm Fernseher sitzend der Mund offen stehen blieb.

Wellenlänge Es gab zwar auch Zyniker, die über Autorin und Kritiker höhnisch bemerkten: »Kunststück! Die haben ja dasselbe Gesangbuch.« Will sagen: Ein Jud lobt eine Jüdin. Was erwartet ihr anderes? Aber gerade in meinem Fall war zu erkennen, wie sehr das Lesepublikum sein Urteil gelten ließ, denn das Buch hatte großen Erfolg. Doch es stimmt, das Gemeinsame in unserer Vergangenheit ließ eine Wellenlänge entstehen, auf der man über die deutsche Gegenwart gut kommunizieren konnte – so lernte ich ihn kennen.

Ich schrieb dann viele Rezensionen für die Frankfurter Allgemeine und beteiligte mich vor allem auch an der Frankfurter Anthologie für Gedichte und Gedichtinterpretationen, diesem erstaunlichen, von ihm erfundenen Experiment, das sich jahrzehntelang gehalten hat und jetzt über seinen Tod hinaus von Rachel Salamander weitergeführt wird. Das ist ein Blatt (oder ein halbes Blatt), wo ein Gedicht liebevoll zerpflückt wird (»man muss es lieben«, verordnete der Chef, der doch sonst als grimmiger Verreißer galt).

Der eilige Zeitungsleser auf dem Weg von den politischen zu den wirtschaftlichen Nachrichten wirft beim Blättern zumindest einen schnellen Blick darauf und nimmt wahr, dass die deutsche Sprache nicht nur geschäftlich brauchbar ist, sondern auch die wunderbarsten und wunderlichsten Gebilde um ihrer selbst willen gestaltet hat und noch immer gestaltet.

Gesprächspartner Ich habe MRR im Laufe dieser Arbeiten oft gesehen, ihn gelegentlich verärgert, er mich auch. Aber er hörte zu. Es stimmt nicht, dass er nur selbst reden wollte, er war ein konzentrierter Zuhörer, was dem Gesprächspartner Mut zur eigenen Meinung gab. Man sagt ihm nach, er hätte die Germanisten verachtet, aber er bedauerte zutiefst, dass er nicht hatte studieren dürfen. Wir haben über alles unter der Sonne geredet – solange alles unter der Sonne die Literatur war. (Zum Beispiel konnte ich ihn nie vom hohen Unterhaltungswert der amerikanischen Innenpolitik überzeugen.)

Wir sprachen über Bücher, doch unsere gemeinsame Sucht, ausgerechnet deutsche Bücher zu lesen, analysierten wir nicht. Ich sage »Sucht«, denn so selbstverständlich ist es nicht, dass zwei ehemalige Verfolgte der Sprache der Verfolger verfallen sind. Man hätte sich ja auf andere Sprachen konzentrieren können, man konnte ja andere Sprachen, recht gut sogar – wenn Reich-Ranicki die Schönheiten der polnischen Lyrik pries, geriet er geradezu ins Schwärmen. Warum musste es partout das Deutsche sein, mit seinem Nazigift, das sich nur langsam verflüchtigte? Diese Frage köchelte so vor sich hin, auf einer hinteren Herdplatte, auf die wir gelegentlich misstrauisch hinschielten.

Das breite Publikum, das ihn ja auf eine besondere, man könnte sagen, heitere Art verehrte, verstand die Spannung, aus der er schöpfte, einschließlich den Widersprüchen seiner Gedanken und Urteile und schätzte ihre Unmittelbarkeit. Marcel Reich-Ranicki hat die viel geschmähte »deutsch-jüdische Symbiose« nie angestrebt, eher abgelehnt, aber er hat sie nolens volens verkörpert und gelebt, und durch ihn ist sie nochmals in der deutschen Kritik entstanden.

Wir sind ihm dankbar.

Lesen Sie hier den Text zum Festakt www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/19325

Ruth Klüger wurde 1931 in Wien geboren. 1942 wurde sie von den Nazis in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt deportiert. 1947 wanderte sie in die USA aus und studierte dort Anglistik und Germanistik. Heute lebt sie als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin in Kalifornien und Göttingen. Ihre 1997 veröffentlichte Biografie »weiter leben« fand bei Kritikern und Publikum ein überwältigendes Echo und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der zweite Teil ihrer Biografie, »unterwegs verloren«, erschien 2008 und wurde ebenfalls ein Bestseller.

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