Koscher to go

»Wir sind das, was wir essen«

Für die koschere Küche gibt es zahlreiche Vorschriften. Foto: imago images/Kurhan

Sie essen keine Schalentiere, und Fleisch muss von Tieren stammen, die Wiederkäuer sind und gespaltene Hufe haben. Kein Krabbencocktail also. Dagegen ist ein Rindersteak für Juden erlaubt, solange es schön durchgebraten ist. Tierblut soll ein gläubiger Jude nicht konsumieren, weil es als Sitz der Seele gilt.

Für die koschere Küche gibt es zahlreiche Vorschriften – sofern sie befolgt werden. Aber warum ist das so? Was hat Essen mit Gott zu tun? »Koscher to go« heißt eine neue Vortragsreihe des Jüdischen Museums Berlin, die sich mit Essensgeboten unterschiedlicher Religionen befasst. Zu jeder Sitzung – geplant sind mehrere Teile bis Ende des Jahres – sind ein Judaist sowie ein Wissenschaftler einer anderen Disziplin eingeladen. Zum Auftakt ging es am Donnerstagabend um »Göttliches essen und trinken – wozu Speisegebote?« in einer Online-Diskussion.

geschichte »Das Besorgen von Nahrung war im Laufe der Geschichte oft eine Herausforderung für die Menschheit«, erklärt David Kraemer, Professor für Talmud und Rabbinische Studien am Jewish Theological Seminary of America. Daher gebe es keine Kultur, die nicht versucht habe, mittels bestimmter Vorschriften die Nahrungsaufnahme zu beschränken – es war eben nicht immer alles im Überfluss vorhanden. Entsprechend wird Essen im Judentum – wie in vielen anderen Religionen auch – als Gottesgabe gesehen.

Fleisch war bereits in der Antike etwas Besonderes, das teuer war und entsprechend selten nur zu Feiertagen gegessen wurde.

So war Fleisch bereits in der Antike etwas Besonderes, das teuer war und entsprechend selten nur zu Feiertagen gegessen wurde. Die Menschen ernährten sich hauptsächlich von Hülsenfrüchten. In der Tora – den fünf Büchern Mose – finden sich Listen von Tieren, die gegessen werden dürfen. »Das sind dann etwa Tiere, die keine anderen Tiere fressen, Weidetiere also«, sagt Kraemer. Dahinter steckte die Einstellung: »Wir sind das, was wir essen«.

Erst später dann dienten die jüdischen Speisegesetze dazu, »die jüdische Identität zu schützen«, so Kraemer. Dies habe sich nach dem babylonischen Exil so entwickelt, als die Juden nach Israel zurückkehrten und dort mit einer gemischten Bevölkerung – Persern, Griechen, Römern – zusammenlebten. »Die Juden sollten nicht mit ihren Nachbarn essen, keine Beziehung zu ihnen entwickeln. Damit wollte man die Identität einer Minderheit schützen, die in einer Mehrheitsgesellschaft mit anders gläubigen Menschen lebte«, erklärt der Wissenschaftler.

essensvorschrift Aus diesem Grund sei auch die strikte Trennung von Milch und Fleisch vorgeschrieben worden, mit Bezug auf das zweite Buch Mose: »Koche nicht ein Böcklein in der Milch seiner Mutter« (Exodus, 23,19). Keine einzigartige Essensvorschrift übrigens – diese Trennung von Milch und Fleisch »kennen auch andere Kulturen, zum Beispiel die Massai im Süden Kenias«, sagt Kraemer.

Je mehr Assimilation im Laufe der Jahrhunderte stattfand, je größer die Nähe von Juden und Nichtjuden wurde, desto strikter wurden die Speisegesetze, die die Rabbiner erließen. »Mittlerweile sind sie viel strenger als jemals in der Vergangenheit – ein orthodoxer Rabbiner könnte bei einem Rabbiner des Mittelalters nicht essen«, so Kraemer.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Und die heutige Massentierhaltung? Ist die mit koscheren Gesetzen vereinbar? Kraemer betont, dass Massentierhaltung und die Grausamkeit, die damit einhergeht, in der vormodernen Welt kein Thema waren. »Tiere wurden nicht auf diese Weise behandelt und hatten nicht so zu leiden, wie das heute der Fall ist.«

säkularisierung Im Buddhismus etwa ist der Genuss von Fleisch untersagt, wenn dafür ein Tier getötet werden muss, so Kikuko Kashiwagi-Wetzel, Professorin für deutsche Literatur und Kultur im japanischen Osaka. Eine alte Regel, die mit der Säkularisierung des Buddhismus aufweichte – und dennoch an mancher Stelle präsent ist: So wird in Japan etwa Fleisch immer klein geschnitten und ohne Knochen angeboten, damit die Herkunft – das Töten eines anderen Lebewesens – nicht allzu explizit wird.

Auch wichtig zu wissen für Japan-Reisende: »Es gilt als verpönt, Essen mit Stäbchen weiterzureichen«, erklärt Kashiwagi-Wetzel. So erinnere es an ein Bestattungsritual: »Nach einer Einäscherung legen Angehörige mit Stäbchen die Überreste der Knochen in eine Urne«.

Polemik

Gerechter Zorn

In ihrem neuen Buch »Jude sein« setzt sich Sandra Kreisler mit Antisemitismus in Deutschland und Österreich auseinander

von Daniel Killy  06.05.2021

Streaming

900 Verdächtige?

»Blackspace« heißt der neueste Serienerfolg aus Israel über ein fiktives Highschool-Massaker

von Ralf Balke  06.05.2021

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  06.05.2021

Zahl der Woche

349.000 Menschen

Fun Facts und Wissenswertes

 06.05.2021

Fernsehen

Vor 50 Jahren lief zum ersten Mal »Dalli Dalli«

Mit einer Jubiläumsshow erinnert das ZDF an den Start vor 50 Jahren. Bis 1986 moderierte Hans Rosenthal. Später folgten Remakes mit Andreas Türck und Kai Pflaume. Doch das Original bleibt unerreicht

von Joachim Heinz  05.05.2021

Universität

»Gangsta-Rap fördert antisemitische Einstellungen«

Studie: Das Musikgenre bereitet den Nährboden für judenfeindliche Einstellungen

 05.05.2021

1700 Jahre jüdisches Leben

Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten

Ein neues Onlineprojekt erinnert an jüdische Künstler und Wissenschaftler, die in Deutschland wirkten

von Eugen El  05.05.2021

TV-Tipp

Das fast vergessene Kapitel der Nachkriegsjustiz

Arte zeigt heute Abend die bemerkenswerte Doku »Die Rastatter Prozesse - Kriegsverbrecher vor Gericht«

von Heide-Marie Göbbel  04.05.2021

Musik

Studie: Gangsta-Rap fördert Judenhass

Gangsta-Rap gilt bei vielen Jugendlichen als cool. Die gewaltverherrlichenden Texte werden gar nicht immer verstanden. Jetzt belegt erstmals eine Studie, dass Gangsta-Rap den Nährboden bereitet für antisemitische Einstellungen

von Bettina Grönewald  04.05.2021