Sachbuch

»Wir bleiben im Gespräch«

20 Jahre sind vergangen, und offensichtlich hat die Politik nicht viel dazugelernt – genau dieser Eindruck entsteht, schaut man sich die Korrespondenz zweier prominenter Autoren an, deren Biografie aber kaum unterschiedlicher hätte ausfallen können. Dabei sind beide in Deutschland geboren und Freunde.

Der eine, Navid Kermani, ist Schriftsteller mit iranischen Wurzeln und lebt im Rheinland. 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der andere, Natan Sznaider, stammt aus Mannheim, ist Soziologe und war Professor an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv. Sie besetzen durchaus unterschiedliche Positionen, bewegen sich aber beide innerhalb des linksliberalen Mainstreams in Deutschland.

Sznaider schrieb lange für das Feuilleton der »Frankfurter Rundschau«, Kermani unter anderem für die »Süddeutsche Zeitung«. Im Jahr 2002 lernten sie sich in Haifa kennen und wohl auch schätzen, woraus eine Freundschaft entstand. Sie begannen damals, sich E-Mails zu schreiben und gegenseitig ihre unterschiedlichen Auffassungen zur israelischen und arabisch-palästinensischen Politik mitzuteilen. Dabei nahmen sie kein Blatt vor den Mund und vertraten ihre Standpunkte leidenschaftlich, versicherten sich aber immer wieder ihrer Freundschaft: »Wir bleiben im Gespräch.«

»Kollektive Wut« der arabisch-muslimischen Seite

Es war die Zeit der Selbstmordattentate, von denen Israel heimgesucht wurde und die vom »juste milieu« hierzulande gern mit der israelischen Siedlungspolitik »begründet« wurden. Auch damals verteidigte sich Israel gegen diese Angriffe. Kermani kritisierte die israelische Politik, die angeblich eine »kollektive Wut« der arabisch-muslimischen Seite hervorrufe. Sznaider rechtfertigte die israelische Reaktion darauf, ließ aber auch eine gewisse kritische Reserviertheit gegenüber der Politik seines Landes erkennen. Beide gingen in diesem Kontext – wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen – auf die gegensätzlichen Reaktionen in dem ihnen wohlbekannten linksliberalen Mainstream in Deutschland ein.

Noch im Jahr 2002 wurde ihr Mail-Wechsel in Auszügen in der Zeitschrift »Lettre International« abgedruckt. Aufgeschreckt von den Ereignissen des 7. Oktober und der israelischen Reaktion im Gazastreifen, vereinbarten beide, ihre Korrespondenz von damals erneut zu veröffentlichen. Denn der über E-Mails geführte Dialog von 2002 hat in seiner argumentativen Wechselseitigkeit nichts an Gewicht eingebüßt – sehr wohl aber einige Zehntausend Israelis und Palästinenser ihr Leben in dem andauernden Krieg.

Heute resümieren die beiden Freunde, dass sich all ihre Befürchtungen bewahrheitet hätten. Das liest sich wie ein erbärmliches Zeugnis für eine Politik, der die damaligen Bedenken doch nicht fremd geblieben sein konnten. Und wenn sich heute das »Verständnis« für die Opfer auf beiden Seiten mitunter immer noch so unversöhnlich gegenübersteht wie vor rund zwei Jahrzehnten, dann ist das auch ein erbärmliches Zeichen für die jeweiligen Parteinehmer, die das Gespräch miteinander längst abgebrochen haben.

Doch trotz aller Differenzen, zwei Dinge bleiben sowohl für Kermani als auch für Sznaider unverhandelbar, und zwar das Existenzrecht Israels sowie die universelle Geltung der Menschenrechte.

Navid Kermani und Natan Sznaider: »Israel. Eine Korrespondenz«. Hanser, München 2023, 63 S., 10 €

Vladimir Vertlib

Ein Marrane als Leibarzt

Mit seinem Roman »Der Jude der Kaiserin« zeigt sich der österreichische Autor als Meister des historischen Genres

von Alexander Kluy  19.03.2026

Eurovision Song Contest

ORF will ESC-Sicherheitskonzept nicht verschärfen

Auch trotz des Krieges gegen den Iran sei strengere Sicherheitsauflagen nicht nötig, weil das Konzept bereits auf die Weltlage ausgelegt sei

 19.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  19.03.2026

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026