Doron Rabinovici

»Wir achten das Bild oft zu gering«

Der österreichisch-jüdische Schriftsteller Doron Rabinovici (60) wurde in Tel Aviv geboren. Er lebt in Wien. Foto: picture alliance / TOBIAS STEINMAURER / APA / picturedesk.com

Doron Rabinovici

»Wir achten das Bild oft zu gering«

Ein Interview über die Rolle von Fotografen, autoritäre Herrscher und einen neuen Roman

von Eva Lezzi  20.03.2022 11:28 Uhr

Herr Rabinovici, »Die Einstellung« ist ein Medienroman. In der liberalen Wochenzeitschrift »Forum« soll ein Porträt des rechtspopulistischen Kanzlerkandidaten Ulli Popp erscheinen, bebildert durch den Pressefotografen August Becker. Was bedeutet der Titel?
Es ist ein Buch aus dem Blickwinkel dieses Fotografen. Er ist es, der die Geschichte – wenn auch in Er-Form – erzählt. Der Fotograf weiß, dass seine Fotos eine Frage des Standpunktes und eine Frage der Einstellung sind. Auch wir wissen, wie kompliziert es ist, ein Bild von Populisten, von diesen autoritär-rassistischen Gestalten, zu zeichnen, das tatsächlich gegen sie wirkt. Wenn wir sie einfach nur widerspiegeln in ihrer Monstrosität, freuen sie sich. Und wenn wir sie harmlos darstellen, lächeln sie auch dazu. Diese Schwierigkeit wird aufgezeigt an August Becker. Ich hätte natürlich auch in eine andere Person schlüpfen und beispielsweise aus der Perspektive der Journalistin Selma Kaltak einen Gegenschuss machen können. Aber das wollte ich nicht, auch weil der Text im Text nicht so wirkt wie ein Bild. Zudem achten wir das Bild häufig zu gering. Nie käme eine Qualitätszeitung auf die Idee, Texte von Parteizentralen oder Lobbyisten einfach zu übernehmen. Bei Bildern hingegen findet es auch international viel weniger Beachtung, von wem das Foto kommt.

Der Roman enthält zahlreiche Anspielungen auf Politik- und Presseskandale Österreichs. Wie sehen Sie seine Rolle für ein Lesepublikum in Deutschland?
Österreich war einst so etwas wie eine Wahlheimat der Rechtsextremisten. Mittlerweile könnte man sagen: Haider goes international. Im Roman finden sich viele Zitate aus anderen Ländern. Das hat mit der Dramacollage »Alles kann passieren!« (2018) zu tun, für die ich – nach einer Idee von Florian Klenk – auch Reden von internationalen Politikern wie Viktor Orbán, Matteo Salvini, Jaroslaw Kaczynski oder Miloš Zeman verwendet habe. Manche dieser Sprachteile kamen ähnlich auch bei Donald Trump vor. Wir stehen einer Entwicklung gegenüber, die an Fahrt gewinnt. Wir erleben eine Zeitenwende.

Überholt der jetzige Krieg in Europa auch diese Zeitenwende?
Nein. Der Roman »Die Einstellung« zeigt die Krise der liberalen Demokratie. Diese Krise bringt Gestalten hervor bis hin zu Putin. Putin befördert und nährt nicht zufälligerweise alle rechten Kräfte, alle rassistischen und verschwörungsmythischen Kräfte gegen Europa, in Europa, außerhalb Europas, sogar in den USA. Das, was in der Ukraine passiert, ist keine Rückkehr in den Kalten Krieg. Diese Invasion und das Bombardement von unschuldigen Leuten haben Vorläufer, die wir nicht wahrnehmen wollten, weil sie sich nicht in Europa abspielten.

Ein Ulli Popp ist dennoch kein Putin …
Ulli Popp ist nur einer am Weg. Aber er steht für eine neue Zeit. Ulli Popp ist auch nicht Heinz-Christian Strache, er ist viel intelligenter als der ehemalige österreichische Vizekanzler. Und er ist auch nicht Herbert Kickl, der neue »Führer« der FPÖ, eine sehr extremistische Person. Und doch hat Ulli Popp Züge dieser Politiker, etwa auch von Sebastian Kurz. Das, was diese Leute eint, ist ihr Glaube an die Macht. Das, was ihre Macht nährt, ist wichtig. Sie glauben nicht an die Stärke des Rechts, sondern an das Recht des Stärkeren. Ulli Popp ist auch kein Nazi in einem herkömmlichen Sinne. Er ist ein Rechtsextremer, aber er darf nicht zu ideologisch sein, damit wir ihn noch als Populisten wahrnehmen können. In einer direkten Konfrontation mit Becker sagt Popp: »Ständig wollt ihr mich demaskieren und merkt nicht, dass ich die Maske, die ihr mir vom Gesicht reißen wollt, schon längst selbst abgenommen habe.«

Sie sind bekannt als Autor zu jüdischen Themen, zu Erinnerungsdiskursen, zum Antisemitismus. Verfolgen Sie auch in Ihren anderen politischen Werken eine jüdische Perspektive?
Was ist an »Die Einstellung« jüdisch? Zunächst einmal nur, dass ich – ein Jude – dieses Buch geschrieben habe und dass diese Furcht vor autoritären Gestalten mir vielleicht schon durch meine Familiengeschichte in den Knochen steckt. Aber es gibt natürlich auch Nichtjuden, die dieses Gefühl mit mir teilen. In dem Roman kommt ja ein jüdischer Intellektueller vor, der häufig als Schlüsselfigur gesehen wird. Aber ich bin nicht der Einzige, der das sein könnte, es gibt da so einige … Dieser Avi Weiss sagt selbst über sich: »Für die anderen war ich von Anfang nur der Jude und werde es bis ans Ende meiner Tage bleiben.« August Becker wiederum sagt über ihn, dass er ein »Dichter beschnittener Zunge« sei. Also auch ein August Becker unterstellt dem Juden, dass er nur ein Übersetzer ist und kein deutscher Dichter. Dieses Klischee gibt es immer noch.

Die letzte Szene des Romans spielt bei einer Vernissage. Gezeigt werden Karikaturen des Malers Dino Ahmetović – insbesondere der Redaktionsmitglieder des »Forum«, die auch das Publikum der Galerie ausmachen. Ein ironisches Schlussbild über die Selbstbespiegelung der liberalen Presse?
Man kann den Journalismus und die Kunst kritisch sehen, das deute ich in dem Buch an. Nur: Diese Gestalten, diese rassistisch-autoritären Bewegungen hassen die Journalisten. Man kann kritisch über den unabhängigen Journalismus reden, der so unabhängig, wie er tut, ja gar nicht ist. Zeitungen erscheinen nicht im luftleeren Raum und nicht ohne materielle Hintergründe. Das alles wissend, ist es noch immer ein riesiger Unterschied gegenüber jenen, die das dann abdrehen. Bis hin zu denen – und jetzt sind wir doch wieder bei Putin –, die dann Unfälle, ja sogar Mord gegen unabhängige Journalisten und Journalistinnen geschehen lassen oder Bedrohungen auch gegen ihr Umfeld aussprechen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Autor? Sind Sie entlarvender Künstler oder sorgsamer Beobachter?
Ich stehe als Schriftsteller dazwischen. Der Maler Dino Ahmetović gibt der Welt seine Interpretation. Er entstellt etwas bis zur Kenntlichkeit. Der Fotograf hingegen will darstellen, was ist. Er sieht sich gar nicht als Künstler, der etwas Neues schafft, auch wenn seine Fähigkeit künstlerisch ist. Eine der wichtigen Aufgaben des Pressefotografen liegt darin, das zu zeigen, was auf dem Wahlplakat des Populisten retuschiert wird. Das ist kritischer Journalismus: zu zeigen, was im Hintergrund war und wir nicht sehen.

Mit dem Schriftsteller sprach Eva Lezzi. Doron Rabinovici: »Die Einstellung«. Suhrkamp, Berlin 2022, 224 S., 24 €

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