Literatur

Wiener Moderne

Ein ungläubiger, aber bewusster Jude: Arthur Schnitzler Foto: dpa

Bei Arthur Schnitzler, der vor 150 Jahren, am 15. Mai 1862, in Wien geboren wurde, fällt meist als erste Assoziation Reigen. Die Komödie von 1920 zählt bis heute zu den bekanntesten Werken des österreichischen Schriftstellers. Das hat mit dem unverhohlen erotischen Inhalt zu tun, der dafür sorgte, dass die Berliner Premiere des Bühnenstücks 1921 vom preußischen Kultusministerium verboten werden sollte. Damit war der Erfolg vorprogrammiert. An Theatern weltweit zählt der Reigen bis heute zum Repertoire. Max Ophüls (1950), Roger Vadim (1964) und Otto Schenk (1973) haben die zehn Geschichten rund um die Macht des Sexus in allen Gesellschaftsschichten, vom Proletariat bis zur Aristokratie, verfilmt.

Schnitzler auf den Reigen zu reduzieren, täte ihm jedoch unrecht. Er war ein ebenso vielseitiger wie produktiver Autor, gilt mit Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg als Begründer der »Wiener Moderne«. 28 Theaterstücke und 38 Romane beziehungsweise Novellen hat er verfasst, zwei davon – das Drama Professor Bernhardi und der Roman Der Weg ins Freie – mit explizit jüdischer Thematik.

antisemitismus Dabei begriff sich Arthur Schnitzler nie als jüdischer Autor. Der Arztsohn entstammte einer völlig assimilierten Familie. Eine religiöse Erziehung hat er nie erhalten. Den Weg vieler anderer deutscher und österreichischer assimilierter Juden, die qua Taufe versuchten, sich von ihrer Herkunft zu »befreien«, ging Schnitzler jedoch nicht. Das wäre ihm als Verrat erschienen. Sein Judesein begriff er als unentrinnbare ethnische Kategorie, die ihm nicht zuletzt durch den Antisemitismus der Umwelt immer wieder zu Bewusstsein gebracht wurde.

Von diesem Antisemitismus handeln auch Professor Bernhardi und Der Weg ins Freie. In dem Bühnenstück wird die Tragödie eines arrivierten jüdischen Mediziners erzählt, der Opfer einer organisierten antisemitischen Kampagne – heute würde man sagen »Mobbing« – wird. In Der Weg ins Freie, Schnitzlers erstem Roman, diskutieren jüdische Wiener Intellektuelle um die vorige Jahrhundertwende über mögliche Auswege aus ihrem individuellen und kollektiven Dilemma: Ist es der Zionismus? Der Sozialismus? Die Assimilation?

Die Kulmination des österreichischen Judenhasses, den er immer wieder hellsichtig beschrieb, hat Arthur Schnitzler nicht mehr erleben müssen. Der Schriftsteller starb 69-jährig am 21. Oktober 1931 in seiner Geburtsstadt Wien.

Programm

Führung, Erinnerung und Vorträge: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 2. April bis zum 16. April

 30.03.2026

Quedlinburg

Feininger-Museum mit Jubiläumsausstellung zur »Blauen Vier«

Quedlinburg bietet mehr als Stiftskirche und Fachwerk: Am Montag wird im Museum Lyonel Feininger eine Sonderausstellung mit Werken der Künstlergruppe »Die Blaue Vier« um Paul Klee und Wassily Kandinsky eröffnet

 30.03.2026

Kolumne

Der Mandelbaum und die »hot mitzvah«

Fernsehen statt Fernreise oder Warten auf ein Ende des Krieges

von Sophie Albers Ben Chamo  29.03.2026

Aufgegabelt

Israelischer Salat mit Silan-Dressing

Vor dem großen Schlemmen an Pessach gibt es noch etwas Leichtes: Israelischer Salat mit Silan-Dressing. Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  29.03.2026

Giora Feidman

Ton der Seele

Der Klarinettist feierte seinen 90. Geburtstag in der Berliner Philharmonie – eine Doku auf ARTE würdigt sein Lebenswerk

von Maria Ossowski  27.03.2026

TV-Tipp

Arte-Doku über die Komponistin Meredith Monk

Arte zeigt einen Dokumentarfilm über die 1942 geborene New Yorker Komponistin, Choreografin und Regisseurin Meredith Monk. Mit ihren stilisiert naiven Bühnen- und Klangwelten hat sie ein besonderes Werk geschaffen

von Michael Kienzl  27.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

»Sowohlalsauch« oder Wenn das Lieblingscafé schließt

von Katrin Richter  27.03.2026

Schloßbergmuseum

Chemnitz zeigt Fotoausstellung über Mikwen

Ein Fotograf hat die Atmosphäre dieser meist unterirdisch gelegenen jüdischen Orte eingefangen

 26.03.2026

Charles Lewinsky

Melnitz, eine männliche Scheherazade

Der Schweizer Autor legt seinen Protagonisten auf die Couch und lässt ihn das 20. Jahrhundert erzählen

von Ellen Presser  26.03.2026