Film

Wes Andersons Fest für die Augen

Szene aus dem Film (mit Tom Hanks, Hope Davis, Tony Revolori, Liev Schreiber und anderen) Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Kein anderer Regisseur unserer Zeit beherrscht die Zubereitung eines Augenschmauses so vorzüglich wie Wes Anderson. Und bei keinem anderen wird so gern über sein »jüdisches Kino« diskutiert, ohne dass er jüdisch ist.

Ob das »Tablet Magazine«, das »Jewish Journal«, »Forward« oder »Hey Alma«, alle scheinen fasziniert von Andersons »Lubitsch Touch«, dem Zelebrieren von Nostalgie, Vergänglichkeit und dem Gefühl, am falschen Ort zu sein, von seiner Hommage an Stefan Zweig mit dem Meisterwerk Grand Budapest Hotel, seinen kaleidoskopischen Wimmelbildern voll jüdischer Charaktere – von Die Royal Tenenbaums bis The French Dispatch – und natürlich seiner festen Riege jüdischer Schauspieler wie Jason Schwartzman, Adrien Brody und Jeff Goldblum.

kindheitsfreund Erklärungen hat bisher niemand gefunden. Anlässlich der Royal Tenenbaums gab Anderson einst Hinweise auf einen jüdischen Kindheitsfreund, aber das war’s dann auch schon.

Nun also Asteroid City. Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte, wo Schauspieler Schauspieler spielen, die Schauspieler spielen. Wie in einer russischen Matrjoschka-Puppe versteckt sich in jeder Erzähltechnik eine andere, während Ebenen der Filmentstehung – Schreiben, Inszenieren, Aufführen – sichtbar werden. So mikroskopisch präzise, wie es nur Anderson kann.

Im Jahr 1955 verschlägt es eine Gruppe besonders schlauer Kinder und deren Eltern an einen winzigen Ort in der amerikanischen Wüste, wo einst ein Meteorit einschlug und heutzutage ab und an Atombomben am Horizont explodieren. In Andersons Puppenhaus-Szenerie gibt es ein Motel, eine Autowerkstatt und Automaten für alles, sei es ein Martini oder ein Stück Land. Die Jugendlichen sollen beim Astronomie-Kongress für ihre wissenschaftlichen Erfindungen ausgezeichnet werden.

QUARANTÄNE Dann passiert etwas Unerwartetes, und das Militär verhängt eine Quarantäne. Die Wüstensonne lässt die Anderson’sche Technicolor-Postkarten-Farbigkeit noch greller strahlen, ohne je bedrohlich zu werden. Und mit der so angenehm beruhigenden Anderson’schen Symmetrie werden Dinge und Menschen in traumgleichen Choreografien vereint.

Wie gesagt, ein Fest für die Augen. Allerdings diesmal fast wie ein Bildband, in dem das folgende Gemälde das vorherige zu toppen hat. Denn anders als in Andersons Filmen der vergangenen 30 Jahre ist es noch anstrengender, der Geschichte zu folgen. So man sie denn überhaupt findet. Ein Findungsversuch: Vor knapp drei Jahren hatte Anderson sein neues Werk als eine romantische Komödie angekündigt.

Damit wären wir bei Midge und Augie, wundervoll gespielt von Scarlett Johansson und Jason Schwartzman. Sie ist ein Filmstar, eine dunkelhaarige Marilyn, und Mutter einer genialen Tochter. Augie ist Kriegsfotograf, Vater eines hochintelligenten Sohnes und erinnert an den jungen Stanley Kubrick. Was er Midge verrät, aber nicht seinem Nachwuchs, ist die Tatsache, dass er seit drei Wochen Witwer ist und auf der Suche nach dem richtigen Moment, es den Kindern zu sagen. Alle außer ihm scheinen zu wissen, dass es den nie gibt.

REFERENZEN Verlust und Trauer kann man als emotionalen Kern von Asteroid City ausmachen. Und drum herum passiert das Leben, das Autoren, Regisseure und wir Zuschauer beobachten. Statt der Zurschaustellung großer Gefühle gibt es Referenzen, bis das Hirn raucht.

Das Genießen beginnt, wenn man entspannt (oder aufgibt) und den Film durch sich hindurchlaufen lässt. Wenn man einen Martini am Automaten zieht und sich zu Liev Schreiber setzt, der sich gern die Erfindungen seines Sohnes ausleiht, wenn man aufspringt auf den Zug, der mal Avocados, mal Mandeln und mal Atomsprengköpfe durch die Wüste schaukelt, wenn man sich darüber freut, wie gut Steve Carell in die Landschaft passt.

Und diese Wunderkammer des Anderson-Landes können wir in aller Ruhe betrachten, denn wegen der Quarantäne darf ohnehin niemand das Wüstenörtchen verlassen. »Ich habe es nicht eilig, ich mag die Wüste und Aliens«, sagt Tom Hanks’ Charakter.

Vielleicht sollte man aufhören, Andersons Kino-Jüdischkeit zu suchen, und sich einfach daran erfreuen. Aber das gehört natürlich dazu.

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