Berlin

Wenn aus Projektionen Projektile werden

Podiumsdiskussion mit Doron Kiesel, Yael Kupferberg, Katharina von Kellenbach, Anita Haviv und Christian Staffa (v.l.). Foto: Chris Hartung

Aktueller kann eine Tagung nicht starten: Am vergangenen Sonntag nach dem iranischen Angriff kamen in Berlin etwa 100 Interessierte zusammen, um über die Macht der Projektionen auf Israel zu sprechen. Doron Kiesel, Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, hatte die dreitägige Tagung in Zusammenarbeit mit Christian Staffa von der Evangelischen Akademie lange vor dem Krieg geplant. Wie schnell jedoch aus anti-israelischen Projektionen Projektile werden können, hatte die vergangene Nacht bewiesen. Und so die Dringlichkeit, über anti-israelische Obsessionen zu sprechen, verdeutlicht.

»Das ist nicht einfach eine weitere Eskalation, sondern eine Zäsur«, stellte die Journalistin Esther Schapira gleich auf dem ersten Podium klar. Der Iran habe den ersten direkten Angriff eines Staates auf Israel seit 33 Jahren ausgeführt. Schapira sagte, sie könne die deutschen Appelle für Mäßigung zwar sehr gut verstehen. Allerdings werde hier selten verstanden, dass es für Israel ums Ganze gehe. Die Projektion deutscher Ängste und die entsprechende Warnung der Regierung vor einer Eskalation passten nicht zur Wahrnehmung der Israelis, im Nahen Osten nur überleben zu können, wenn man sich als der Stärkere beweise.

Es sei nur eine Frage der Zeit, fügte Doron Kiesel hinzu, dass auch diese israelische Erfahrung der vergangenen Nacht in den Reden und Köpfen anderer umgeschrieben werde. Um diese Lust an der Zuschreibung, um ihre Verfestigung und die Eigendynamik der Projektionen auf Israelis und Juden in der ganzen Welt sollte es in den nächsten Tagen gehen.

Doron Kiesel: »Juden in Deutschland sind eine Projektionsfläche«

»Juden in Deutschland sind eine Projektionsfläche – für Antisemitismus, aber auch für Philosemitismus. Normalität ist der seltene Fall«, stellte Kiesel gleich zu Anfang fest. Projektionen hielten das Gegenüber gefangen, Differenzierungen hätten in diesem kognitiven Gefängnis keinen Platz.

»Was treibt Menschen an, die immer schon wissen, wie Juden und wie Israelis ticken, Menschen, die eine zerreißfeste Weltanschauung haben?«, fragte der Soziologe und Erziehungswissenschaftler. »Und wohin gehen wir mit diesem Wissen – pädagogisch, kulturell und politisch?« Die Tagung, die am Sonntag am Gendarmenmarkt in Berlin begann und sich dann bis Dienstag an den Stadtrand zurückzog, sollte Antworten liefern.

Mit Blick auf die gerade ergrünten Ufer des Wannsees lauschten die Teilnehmer am nächsten Morgen dem Essay des Holocaustforschers Yariv Lapid, der auf Deutsch formuliert hatte, was ihn seit dem 7. Oktober 2023 umtreibt. Der Israeli, dessen Großvater 1936 während des arabischen Aufstands umkam und der in einem linken Kibbuz ohne Geld aufwuchs, reflektierte über die Projektionen der Welt auf ihn und seine Gesellschaft. »Wir Israelis schauen auf die Welt, die uns anschaut. Und wir nehmen ein hartes Urteil wahr. Und das macht etwas mit uns.« Dies war die zentrale These seines Aufsatzes.

»So wie wir nicht in der Lage sind, gegenüber anderen wahrgenommenen Blicken gleichgültig zu sein, interagieren wir auch mit den Blicken unserer Nachbarn, mit dem Hass und der Entmenschlichung. Die Ereignisse des 7. Oktober haben zentrale Elemente unserer Wahrnehmung der Wahrnehmung unserer Nachbarn zur Realität werden lassen.«

Die Frage, die er und viele andere linke Israelis immer wieder bemüht hätten: »Ob wir unseren Feind all die Jahre nur dämonisiert haben und er in Wirklichkeit nicht genauso ist wie wir«, habe eine negative Antwort erhalten. Die Enttäuschung darüber und der innere Kampf um eine letzte Hoffnung auf Frieden mit einem Nachbarn, dessen Grausamkeit auch ihn selbst traumatisiert habe, war Lapid anzuhören. Immer wieder stockte der Mann, fragte ins Publikum, ob es seine Sätze verstünde, wiederholte auf Englisch. Auch vor diesem mehrheitlich deutschen Publikum, rang der Israeli darum, Zuschreibungen vorzubeugen.

»Das harte Urteil der Welt macht etwas mit uns Israelis.«

Yariv Lapid, Holocaust-Forscher

Deutsch hatte Lapid in Hamburg gelernt, wohin er einer Freiwilligen aus dem Kibbuz als junger Mann nachgereist war und wo er das erste Mal dem Konzept der »Projektion« begegnete. Es half ihm, zu verstehen, was sich in der linken, propalästinensischen Szene der Hafenstraße vor der eigenen Haustür abspielte: »Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, wie diese jungen Deutschen sich die Befreiung Palästinas von uns, von mir, den Juden, vorstellen. In Gesprächen mit Menschen aus diesem Milieu kam ich zu dem Schluss, dass sie die Geschichte und Geografie meiner Region überhaupt nicht kennen und ihre unbewältigten Frustrationen auf meine Welt projizieren.«

Sprechen über israelischen Schmerz und Horror in Gaza

Der Blick der Welt auf die Israelis, die völlige Leugnung der historischen Verbindung der Juden zu Israel und ihre Darstellung als europäische Kolonialisten, die jede Gewalt gegen sie legitimiere, beherrsche seinen Kontext. »Und dennoch, wenn ich in unserem israelischen Schmerz verweile, öffnet mein Verstand immer ein weiteres Fenster. Wie ein interner Bildschirm, wie ein automatisches Pop-up blendet es den Horror ein, den die Menschen in Gaza erleben.«

Doch auch dieses Bild von sich als mitfühlendem Nachbarn lässt Lapid nicht gelten, geht mit den eigenen Wahrnehmungen scharf ins Gericht: »Aber ihr Hass (der Palästinenser) auf mich ist mir auch nicht gleichgültig. Er durchdringt mich und schafft emotionale Schutzmauern, die meine Identifizierung verhindern. Ihr Leiden ruft in mir nicht den Schmerz hervor, den ich für meine israelischen Mitbürger empfinde.«

Später versuchte sich die Literaturwissenschaftlerin Yael Kupferberg an einer theoretischen Herleitung der antisemitischen Projektionen: Ausgehend vom christlichen Glauben, im Tod des Juden die Erlösung zu finden, hin zur Erkenntnis Horkheimers und Adornos, dass für die Faschisten von »ihrer Ausrottung das Glück der Welt abhänge«. Bis zum Terror der Hamas, der darauf abgezielt habe, den Israelis eine Reaktion aufzuzwingen, die antisemitische Bilder beschwöre: des »kampfunfähigen Ghettojuden« oder »des unmoralischen Rächers«.

Sie wolle es immer noch nicht glauben, konstatierte Kupferberg, aber der 7. Oktober habe für sie eine oft unterschlagene Aussage Hannah Arendts bewahrheitet: »Wenn du als Jude angegriffen wirst, dann musst du dich als Jude verteidigen.«

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