Alfred Bodenheimer

»Wenig komfortable Ausgangslage«

Hat sich in den vergangenen Jahren als Krimiautor einen Namen gemacht: Alfred Bodenheimer Foto: Ayse Yavas

Herr Bodenheimer, was macht für Sie einen guten Kriminalroman aus?
Ein guter Krimi schildert ein spannendes Milieu, das die Leserschaft fesselt, schildert weiter einen Fall, der interessiert, und liefert eine Auflösung, die plausibel und nicht »aus dem Hut gezaubert« ist.

Ist das also das Rezept für Ihre Krimis?
Zum Teil schon. Was für mich wichtig ist, ist, dass die Menschen echt sind und auch, dass sie nicht einfach in Gut und Böse eingeteilt werden. Sondern klar wird, dass die Figuren beides haben können, inklusive der Hauptfigur, also bei mir Rabbiner Klein. Weiter achte ich darauf, dass die Dialoge funktionieren, und eben, dass die Auflösung einigermaßen plausibel daherkommt.

Sie leben zum Teil in Basel, zum Teil in Jerusalem. Werden Sie in Israel manchmal auf Ihre Krimis angesprochen?
Eher selten und dann meist indirekt im Sinne von »Ich habe gehört, dass Sie Krimis schreiben«. Das wird wohl auch so bleiben, solange es keine Übersetzung ins Hebräische gibt. Das ist nicht unmittelbar geplant, würde mich aber natürlich sehr freuen.

Könnte eigentlich eine Verfilmung Ihrer Kriminalromane ein Thema sein?
Ja, grundsätzlich schon. Es gibt eine Produktionsfirma, die sich für den Stoff interessiert. Ob daraus aber etwas wird, das liegt letztlich nicht in meinen Händen.

2012 haben Sie ein kleines Buch geschrieben zur Beschneidungsdebatte mit dem vielsagenden Titel »Haut ab!«. Wie sehen Sie die damalige Aufregung aus der Distanz einiger Jahre?
Ich glaube, da ist etwas hochgekocht, das uns so schnell nicht wieder verlassen wird. Nämlich die Frage, wie weit Religion in den Alltag eingreifen darf und soll. Hier in Basel gab es ja in den letzten Monaten den Entscheid, dass Richterinnen und Richter im Gerichtssaal auf religiöse Symbole wie Kopftuch, Kippa, aber auch sichtbare christliche Kreuze verzichten müssen. Ich wage gar nicht zu denken, wie es für mich, der beim Unterrichten die Kippa trägt, wäre, wenn die Universität Basel so einen Entscheid übernehmen würde! Das deutet darauf hin, dass die Juden als Minderheit von etwas betroffen sind, das nicht in erster Linie auf sie zielt, sie aber automatisch mit betrifft. Denn man kann ja in einer Demokratie nicht sagen: Wir verbieten die Burka, aber andere religiöse Symbole akzeptieren wir. Ich habe das damals in meinem Buch »re-strangement« genannt. Das bedeutet, dass die jüdische Minderheit, obwohl eigentlich gut integriert, wieder zu einer fremden wird, weil andere Fremde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gerichtet sehen.

Es scheint ja, dass die jüdischen Gemeinden in Europa in einer wenig komfortablen Situation sind.
Ich beobachte diese wenig komfortable Ausgangslage für die jüdischen Gemeinden in Europa schon länger. Man läuft heute als religiöser Jude nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch europäische Städte wie zum Beispiel noch vor zehn Jahren. Ich sehe diesen neuen Antisemitismus als eine Erkrankung unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die glaubt, sie müsse ihre Probleme dadurch lösen, dass sie ihre Aufmerksamkeit auf gewisse Partikularfragen richtet, die aber an den Problemursachen vorbeigeht. Dadurch werden die grundsätzlichen Probleme aber natürlich nicht gelöst, die Aggressionen gegenüber Minderheiten dafür umso stärker, weil eben die großen Probleme bleiben. Ich glaube auch, dass wir den islamischen Antijudaismus ernst nehmen, aber nicht überschätzen sollten. Man muss sehen: Es gab in Europa schon sehr viele xenophobe Bewegungen, die kamen und gingen. Wenn wir die Schweiz als Beispiel nehmen: Da waren vor 50 Jahren die Italiener die Parias, die Außenseiter, später beispielsweise auch Tamilen, die hierherkamen. Beide Volksgruppen gelten längst als integriert. Jüdinnen und Juden leben seit 2000 Jahren hier und werden zum Teil trotzdem noch immer als »Problem« gehandelt. Ich glaube deshalb, dass Antisemitismus eine stärkere Dimension einnimmt als anderer Fremdenhass, was diesen natürlich nicht besser macht. Ob es für diese neue Bedrohung Abwehrstrategien gibt, da bin ich etwas unsicher.

Sie leben zum Teil in Israel. Ist Alija die Antwort auf diese Probleme?
Es wäre natürlich leicht und naheliegend, das zu sagen, vielleicht stimmt es auch. Israel hat aber sicher eigene Probleme, die teilweise ein Spiegelbild der europäischen Gesellschaft sind. Ausgrenzung ist immer ein Problem, das gilt für Europa ebenso wie für Israel. Um es positiv zu formulieren: Ich glaube, die Lösung muss sein, sich für eine Gesellschaft zu engagieren, für die es selbstverständlich ist, dass Minderheiten da sind und ihre Rechte leben können.

Sie leiten hier in Basel das Zentrum für Jüdische Studien, das zur Universität Basel gehört. Hat sich diese Struktur bewährt?
Eigentlich schon; das Spezielle am Zentrum ist ja, dass meine Professur, das Haus und die Infrastruktur von der Universität getragen werden; für die Finanzierung der restlichen Stellen im Haus müssen wir allerdings selbst aufkommen. Da erleben wir, dass diese Finanzierung nicht einfacher wird. Dabei sind wir als Zentrum für Lehre und Forschung nicht mehr wegzudenken, auch mit vielen interdisziplinären Kontakten und Studierenden. Wir sind da in der Lehre sogar eine Art Exportweltmeister an der Basler Universität, was den Besuch unserer Kurse durch andere Fachstudierende betrifft.

Sie haben kürzlich in Münster über den ehemaligen britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks gesprochen. Was interessiert Sie an ihm?
Es ging da unter anderem um die Fähigkeit der Religion, Konflikte zu lösen. Und da ist für mich Rabbiner Sacks einer derjenigen, die am klarsten darüber nachdenken, ob die Religion statt Teil des Problems Teil der Lösung sein kann. Ich habe vor allem über eines seiner neuesten Bücher gesprochen, es heißt »Not in God’s Name«. Dort versucht er vor allem anhand des Buches Bereschit der Tora zu zeigen, dass Religion Lösungen bereithält. Und er ist eben auch jemand, der – ohne ins Schwadronieren zu kommen – glaubhaft deutlich machen kann, dass die Absenz von Religion eine Gesellschaft ärmer macht. Dazu kommt, dass er im deutschen Sprachraum überraschenderweise weitgehend unbekannt ist.

Zum Schluss: Wann erscheint Ihr Krimi Nr. 6?
Sicher nicht in diesem Jahr, sondern vermutlich 2020 oder sogar erst 2021.

Das Gespräch führte Peter Bollag.

Alfred Bodenheimer wurde 1965 in Basel geboren, studierte und promovierte dort mit einer Arbeit über die Emigration von Else Lasker-Schüler. Von 2005 bis 2008 war er Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Seit 2010 leitet er das Zentrum für Jüdische Studien in Basel. Einen Namen hat sich Bodenheimer, der mit seiner Familie in Jerusalem lebt und auch einen Wohnsitz in Basel hat, mit Kriminalromanen gemacht. In deren Mittelpunkt steht die fiktive Figur des Zürcher Rabbiners Klein.

Schule

Wissenschaftler fordert bessere Holocaust-Bildung

Es sei wichtig, mit der Vermittlung der Schoa bereits bei der Ausbildung der Lehrer anzusetzen

 12.11.2019

NS-Raubkunst

Leitfaden zur Provenienzforschung veröffentlicht

Die Publikation des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste soll als Orientierungshilfe für Museen und Sammlungen dienen

 12.11.2019

Karneval

Protest mit »Applausminute«

»Kölsche Kippa Köpp« will auf Antisemitismus aufmerksam machen

 11.11.2019

Filmvertrag

Woody Allen und Amazon legen Rechtsstreit bei

Der Fall soll ohne Urteil abgewiesen worden sein

 10.11.2019

Lesen!

»Kompass ohne Norden«

Neal Shustermans neuer Roman über seinen Sohn

von Katrin Diehl  10.11.2019

Filmgeschichte

Rückkehrer und Dagebliebene

Wie jüdische Regisseure ihre Erfahrungen mit Deutschland künstlerisch verarbeiten

von Lea Wohl von Haselberg  10.11.2019