Bedschneidungsstreit

Wechselnde Allianzen

Politische Identität stellt sich nicht zuletzt durch Abgrenzung von anderen her. Oder, um einen klugen, wenn auch leider antisemitischen Kopf, den Staatsrechtler Carl Schmitt (1888–1985), zu zitieren: »Die spezifische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.«

rechts und links Dumm nur, dass die Halbwertzeiten politischer Freund- und Feindschaften mittlerweile immer kürzer werden. In meiner Jugend – ich bin Jahrgang 1951 – war klar, wo man als Jude in der Bundesrepublik zu stehen hatte, nämlich links, wo die Antifaschisten waren. Rechts, angefangen bei der CDU, tummelten sich dagegen Vergangenheitsverdränger und ehemalige Nazis.

Doch dann stellte die Linke sich gegen Israel. Wer die Existenz eines wehrhaften jüdischen Staates für unabdingbar hielt – nicht aus sentimentalen Gründen, sondern aus nüchternem Selbsterhaltungswillen – musste sich neu orientieren. Plötzlich fand man sich in ungewohnter Gesellschaft wieder. »Bibeltreue Christen«, denen Zion ebenso heilig ist wie die Evolutionstheorie ein Gräuel, sind als politische Freunde gewöhnungsbedürftig. Peinlich berührt es einen auch, wenn man eigene Texte beifällig verlinkt auf Webseiten von Islamhassern wiederfindet.

Zum Glück sind die meisten Freunde Israels – jedenfalls diejenigen, mit denen ich zu tun habe – aufgeklärte, liberale Leute. Doch just deswegen liege ich mit einigen von ihnen seit dem Kölner Brit-Mila-Urteil im Clinch. Sie finden ein Beschneidungsverbot nämlich richtig. Es handele sich bei der Vorhautentfernung um einen archaischen Verstümmelungsritus, der den Errungenschaften der Aufklärung zuwiderlaufe, sagen sie. Die Brit Mila zu dulden, gar gesetzlich zuzulassen, sei purer Kommunitarismus, sprich, die Ersetzung der individuellen Bürgerrechte durch religiöse oder ethnische Gruppenprivilegien. Das unterhöhle sämtliche Prinzipien des liberalen Verfassungsstaats und laufe letztendlich auf eine Art Balkanisierung hinaus.

privatsphäre Mein Einwand in libertärer angelsächsischer Tradition, es gebe eine Privatsphäre, in die der Staat sich nicht einzumischen habe, und zu der gehörten an vorderster Stelle die Religions- und die Erziehungsfreiheit, wird gekontert mit dem Verweis auf Zwangsverheiratungen und Klitorisamputationen, die nach meiner Logik dann auch zulässig wären. Am Ende bleibt mir nur das – rhetorisch zugegebenermaßen dürftige – Argument, dass mir nicht gefällt, dass Nichtjuden Juden vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Das habe man in der Sowjetunion und anderswo bereits gehabt. Polemisieren kann ich auch.

Zu sehr strapazieren wird der Vorhautstreit die Freundschaften auf Dauer nicht. Der Bundestag wird das Problem in guter deutscher Konsensmanier demnächst so regeln, dass Bescheidungsgegner wie -befürworter damit leben können. Falls nicht, setze ich auf den nächsten Nahostkrieg und/oder darauf, dass Günter Grass wieder schlechte anti-israelische Verse absondert. Spätestens dann werden die bewährten Fronten wieder stehen.

Exklusiv-Interview

Götz Aly: »Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  25.08.2026

ESC

Moroccanoil steigt als Hauptsponsor aus

Die israelische Kosmetikmarke hat ihr Sponsoring des Musikwettbewerbs nach sechs Jahren beendet.

von Nicole Dreyfus  25.08.2026

Dresden

Ausstellung würdigt jüdische Sportlerinnen und Sportlern

Deutsch-jüdische Sportlerpersönlichkeiten stehen im Mittelpunkt einer Präsentation. Anlässlich des Jahres der jüdischen Kultur wird sie in Dresden gezeigt

 25.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 25.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  25.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  24.08.2026

Ausstellung

Ein Buchladen als säkulares Bethaus

Rachel Salamander schuf in München einen Ort, an dem jüdische Literatur, Erinnerung und Gegenwart aufeinandertreffen – sie bewahrt ihn in roten Ordnern und auf klapprigen Kassetten

von Katrin Diehl  24.08.2026

Neu

Neue Synagoge Berlin zeigt neue Ausstellungen

Der Blick auf Jüdinnen und Juden und ihre Darstellung wird oft von Vorurteilen begleitet. Eine Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum macht dies jetzt zum Thema

 24.08.2026

Berlin

Ruth Moschner positioniert sich gegen die AfD

Die Moderatorin mit jüdischem Hintergrund schreibt, sie persönlich würde von der Politik der Partei profitieren. Dennoch warnt sie vor der selbsternannten Alternative

 24.08.2026