Emanuel Bergmann

»Was war das für eine Welt?«

»Der Trick« (2017) war sein erstes Buch. Jetzt folgte mit »Tahara« der zweite Roman: Emanuel Bergmann Foto: Joël Hunn / © Diogenes Verlag

Herr Bergmann, Ihr neues Buch »Tahara« spielt während des Festivals von Cannes. Warum haben Sie einen Roman über einen Filmjournalisten geschrieben?
Ich war 18 Jahre lang Filmjournalist. Es war ein ganz wunderbarer Job in einem ziemlich schrägen und skurrilen Milieu. Die Journalistinnen und Journalisten, die ich kennengelernt habe, waren teilweise sehr eigenwillige, exzentrische, liebenswerte Charaktere. Auf der einen Seite Glamour, auf der anderen Seite Verzweiflung. Man liegt in der Gosse und schaut und greift nach den Sternen. Es geht den Journalisten nicht so gut, es geht den Magazinen nicht so gut. Aber dann hat man immer wieder die Möglichkeit, bei diesen Junkets, bei diesen Presseevents in teuren Hotels neben Stars zu sitzen und gutes Essen zu essen. Ich durfte um die ganze Welt reisen, ich war in tollen Städten und Ländern. Aber unser Filmmagazin »Widescreen« hat die Corona-Pandemie nicht überlebt. Danach war für mich die Zeit gekommen zu überlegen: Was war das eigentlich die letzten zwei Jahrzehnte? Was habe ich da gemacht? Was war das für eine Welt?

Eine Welt, in der Sie Marcel Klein und Héloïse begegnet sind?
Die Geschichte ist rein fiktiv. Aber ihr Kern war eine zufällige Begegnung mit einer sympathischen Französin im Frühstückszimmer meines Hotels beim Filmfestival in Cannes. Wir haben uns einfach nett über Film unterhalten und uns dann noch ein paar Mal gesehen. Es war keine Freundschaft, das wäre zu weit gegangen, aber eine Art Zweckkameradschaft, basierend auf gegenseitiger Sympathie. Wir waren zusammen im Kino. Wir waren gemeinsam bei dem einen oder anderen Event. Es war ein angenehmer Austausch mit einer Cineastin, die das Kino genauso liebte wie ich. Und aus dieser Zufallsbegegnung heraus habe ich dann eine ganz eigene fiktive Geschichte gesponnen.

Bei Ihrer Story musste ich an den Journalisten Tom Kummer denken, der Interviews erfunden hat.
Tom Kummer spielt in meinem Buch keine Rolle. Es kommt darin in der Tat zu einem Medienskandal. Aber das, was Marcel Klein da tut, war nicht von Anfang an Teil des Romans. Als mein Job als Journalist endete, kam mir die Idee, dass ich für meinen Roman das tun könnte, was ich auch im Journalismus gemacht habe, nämlich meinen Charakteren Fragen zu stellen und Interviews mit ihnen zu führen. Ich habe mir einen richtigen Fragenkatalog ausgearbeitet. Und so bin ich mit meinen Figuren in ein Gespräch eingetaucht. Dabei haben sie mir Geheimnisse verraten, die überhaupt erst den Kern des Buches ausgemacht haben. Als Marcel mir sein Geheimnis erzählt hat, war ich ein bisschen geschockt. Dann dachte ich mir, okay, das ist ein Teil des Buches, dass ein Mann, der vermeintlich alles richtig macht, erfolgreich ist und ein tolles, glamouröses, aufregendes Leben führt, im Grunde mit einer gigantischen Lebenslüge lebt.

Im Mittelpunkt des Skandals steht, wie Marcel es nennt, das katastrophalste Interview seiner Karriere. Was ist Ihr Rezept für ein katastrophales Interview?
Wenn man es als Journalist falsch macht. Ich habe tatsächlich einige wenige Interviews vergeigt, weil ich eine blöde Frage gestellt oder etwas Freches gesagt habe. Meistens wollte ich charmant provozieren, aber war dabei eigentlich nur ein Schmock. Ich habe übrigens festgestellt, dass die, die wirklich in Hollywood in der obersten Liga spielen, auch diejenigen sind, die am souveränsten und menschlichsten mit Journalisten umgehen. Darunter gibt es dann noch verschiedene andere Ränge, da findet man auch griesgrämige Menschen und Neider. Einmal habe ich einen sehr erfolgreichen Regisseur auf eine negative Kritik angesprochen, die sein Film bekommen hatte. Und er war wirklich beleidigt und hat die Fassung verloren. Danach standen wir peinlicherweise noch nebeneinander im Aufzug. Und dann bekam ich auch noch einen Anruf vom Studio. Was denn da falsch gelaufen wäre … Er hat also sofort gepetzt.

In Ihrem Buch leben die Journalisten in ziemlicher Angst vor den Studios ….
Angst würde ich das nicht nennen. Das ist eher eine Art stillschweigende Übereinkunft. Ich glaube, niemand hat das besser formuliert als Quentin Tarantino. Er hatte es einmal mit einem etwas unhöflichen Journalisten zu tun. Und dann hat er vor laufenden Kameras gesagt: »Lassen Sie uns mal klarstellen, worum es hier geht. Dieses ganze Interview ist eine Werbung für meinen Film. Nur deswegen sind wir hier. Wir sind hier, um meinen Film zu promoten.« Er hat das etwas krass ausgedrückt, aber im Grunde hat er recht.

Wie oft gehen Sie ins Kino?
Ich bin 2021 Vater geworden, und ich war seitdem dreimal im Kino.

Vermissen Sie es?
Es ist das, was ich am meisten vermisse im Leben.

Sie sind aus Los Angeles zurückgekehrt und leben jetzt wieder in Deutschland. Vorübergehend?
Ich lebe vorübergehend. Was ist schon fest? Sie sind doch selbst Jüdin. Man lebt immer auf gepackten Koffern. Wir haben sicherheitshalber unsere Umzugskisten noch nicht ausgepackt, weil man ja nie weiß, was noch so kommt.

Sie haben einmal gesagt, als Zwölfjähriger seien Sie froh gewesen, Deutschland nach der Trennung Ihrer Eltern mit Ihrer Mutter zu verlassen, um nicht mehr auf einem Friedhof zu wohnen. Jetzt denken Sie anders darüber?
Nein, ich denke noch genauso. Aber es war einfach eine pragmatische Entscheidung. Wir sind Eltern von Zwillingen, unsere Wohnung in Los Angeles war viel zu klein. Bei einer größeren Wohnung könnten wir die monatlichen Kosten nicht stemmen. Dazu kommt: In den USA gibt es leider echte, große Probleme. Es gibt die Bedrohung durch die »Alt-Right«-Rechten, durch Donald Trump. Das politische System ist unglaublich dysfunktional. Wir haben in Los Angeles Zeltlager von Obdachlosen. Auf dem Bürgersteig liegen Nadeln von Junkies.

Freut sich Ihr Vater, der Schriftsteller Michel Bergmann, dass Sie jetzt wieder in der Nähe von Frankfurt sind?
Ja, wir stehen uns sehr nahe. Ich bin auch hier, damit ich näher an der Familie sein kann und meine Kinder ihre Großeltern erleben können.

Unterhalten Sie sich mit Ihrem Vater über das Schreiben?
Ja, es gibt einen Austausch. Es ist nicht so, dass wir sagen: »Ich habe wieder eine Seite geschrieben, ich lese sie dir vor.« Aber ich kann immer wieder mit Fragen zu ihm kommen. Und wir haben gerade zusammen ein Drehbuch für die Verfilmung seines Romans »Der Rabbi und der Kommissar« geschrieben.

Der Titel Ihres Buchs, »Tahara«, bedeutet »rituelle Totenwaschung«. Ein säkulares Buch mit einem religiösen Titel?
Ich finde überhaupt nicht, dass es ein säkulares Buch ist. Ich halte es für ein außerordentlich spirituelles, ein fast religiöses Buch.

Wieso?
Weil es um einen profanen, gottesfernen Menschen geht, der sich in einer Krise mit Fragen der Transzendenz und der tieferen Bedeutung des Lebens auseinandersetzen muss. Marcel Klein lebt in der Tat ein absolut säkulares Leben. Aber durch diese teilweise dysfunktionale und auch toxische Liebe, die er für Héloïse entwickelt, wird er mit Gott konfrontiert und nimmt selbst eine rituelle Waschung vor. Ich will nicht so weit gehen zu sagen, dass er zu seinen Wurzeln und zu seinem Glauben findet. Aber er wird zumindest dieser Fragen gewahr.

Mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor sprach Ayala Goldmann.

Emanuel Bergmann: »Tahara«. Diogenes, Zürich 2024, 288 S., 25 €

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