Kino

Was macht eigentlich Jon Stewart?

Und dann war er weg. Am 6. August 2015 endete in den Vereinigten Staaten die Ära des schlauen Fernsehens, als sich Jon Stewart, der gefeierte Moderator der Daily Show, verabschiedete. Weil er »nicht mehr gut genug« sei, und weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wolle, hieß es.

Seitdem? Gastauftritte beim Late-Night-Kollegen Stephen Colbert, Fernsehshows geplant und produziert, Bruce Springsteen für den »Rolling Stone« interviewt und immer für die Rechte der Schwächeren gekämpft. Am lautesten im Juni 2019, als Stewart vor dem US-Kongress die Fortführung der finanziellen Unterstützung für Ersthelfer nach den Anschlägen von 9/11 forderte. Da hat Stewart vor Wut geweint, weil die kranken und sterbenden Feuerwehrleute und Nothelfer den Abgeordneten nicht einmal die Anwesenheit wert waren.

TRUMP Nun ist er wieder da, mitten im Medienrummel. Und muss immer noch die Frage beantworten, warum er uns damals verlassen hat. Wie er uns allein lassen konnte mit einem Präsidenten Trump. Und warum er, angesichts der Welt in Flammen, nichts Besseres zu bieten hat als einen Kinofilm: Irresistible – Unwiderstehlich, der auf den Tag genau fünf Jahre nach Stewarts letzter Daily Show am 6. August in die deutschen Kinos kommt. Und warum, wie einige Kritiker bemängeln, dieser Film dann auch noch so, milde ausgedrückt, harmlos sei.

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Da lacht Stewart, der mit Komplimenten nicht umgehen kann, aber Kritik gern annimmt. Das sei wohl so, als würde man mit einem Schokoriegel zu einem Flugzeugabsturz erscheinen. »Überall Tragödie, und du sagst: ›Möchte jemand etwas Süßes?‹«, scherzte der 57-Jährige gerade im Gespräch mit der »New York Times«. »Das wirkt lächerlich.« Dann fügt er ernst hinzu: »Aber ganz und gar nicht lächerlich ist es, den Kampf für Zwischentöne, Präzision und Lösungen weiterzuführen.« Zack! Stewarts Reflexe funktionieren immer noch einwandfrei.

»Irresistible« ist Jon Stewarts ganz eigene Antwort auf den Trump-Irrsinn in den USA.

Was offensichtlich vielen Kritikern an diesem Film, der natürlich vor Corona gedreht und fertiggestellt wurde, übel aufstößt, ist, dass Stewart der Welt keinen schrillen Aufreger à la Michael Moore vor den Latz knallt, sondern stattdessen eine Welt bebildert, die es im aktuellen permanenten Ausnahmezustand gar nicht mehr geben sollte: Washingtons Wahlkampf-Blase. Menschen, die weitermachen wie bisher, denen die Wirkung eines Inhalts wichtiger ist als der Inhalt selbst. Also eigentlich alle auf dem politischen Parkett. Natürlich auch heute und nach Corona. Nur will das momentan lieber niemand hören.

EINÖDE Irresistible erzählt von Gary Zimmer (Steve Carell), einem Politstrategen der Demokraten, der sich nach dem Sieg Trumps aufmacht, einen Gegenkandidaten aufzubauen. Den meint er im amerikanischen Hinterland, in einem Dorf namens Deerlaken in Wisconsin, gefunden zu haben. Jack Hastings (Chris Cooper), Ex-Marine, Farmer und Held eines viral gegangenen Auftritts vor dem Dorfrat, scheint perfekt.

Denn in besagtem Video hat Hastings von seinen Mit-Amerikanern Anstand und Zusammenhalt eingefordert. Ganz authentisch und mit geradem Rücken. »Er ist ein Demokrat, er weiß es nur noch nicht«, ruft Gary begeistert und fährt in die Einöde.

Es folgen mal peinliche, mal rührende, mal alberne Szenen, in denen Gary nach dem Fisch-auf-dem-Trockenen-Prinzip am Landleben scheitert, ohne es in seiner Popanzigkeit überhaupt zu bemerken. Währenddessen versuchen Deerlakens Bewohner, ihn darauf aufmerksam zu machen, wie schlecht es der kleinen Gemeinde wirtschaftlich geht. Und dann werden die Republikaner auf Deerlaken aufmerksam, die bisher den Bürgermeister gestellt haben.

arroganz Vordergründig könnte man durchaus sagen, dass Jon Stewart alte Bilder der Washingtoner Arroganz bedient. Dass er ein System kritisiert, von dem alle längst wissen, dass es zutiefst korrupt ist. Und wäre dies das einzige Ziel des Films, wäre das vielleicht tatsächlich ein bisschen wenig. Doch macht Irresistible noch etwas ganz anderes.

Der wunderbare Twist gegen Ende sei nicht verraten, aber es geht hier um die Perspektive derer, deren Existenzen in dem Boden stecken, den sie bearbeiten, die sich das Leben in den Metropolen nicht einmal vorstellen wollen. Deren Hoffnungen und Nöte aber genauso repräsentiert gehören. Und da ist Stewarts Film zwar altmodisch, aber definitiv gute »David gegen Goliath«-Unterhaltung.

Offensichtlich geht es vielen Kritikern wie Gary, die nur einen Blickwinkel kennen, weil sie es eben so gewohnt sind. Und das ist ein gelungener Witz. Sogar nach Jon-Stewart-Kriterien.

FAMILIE Die Latte dafür hat er sich selbst hoch gelegt. Nach dem Studium und diversen Aushilfsjobs trat Stewart, der aus einer jüdischen Einwandererfamilie aus Osteuropa stammt, zwei Jahre lang jede Nacht um zwei Uhr auf die Stand-up-Comedy-Bühne des Comedy Cellar in New York. 1993 bekam er seine erste eigene Show bei MTV, die bald die beliebteste Sendung war, direkt nach Beavis and Butt-Head. Auch David Letterman war ein Fan.

1999 folgte die Daily Show. Und plötzlich musste Stewart Anzug tragen. »Ganz ehrlich, ich fühle mich wie bei meiner Barmizwa, ich kriege davon Ausschlag«, rief er in der ersten Sendung, als er gerade Michael J. Fox interviewte.

»Ganz ehrlich, ich fühle mich wie bei meiner Barmizwa«, rief er in seiner ersten Sendung.

An den Anzug hat Stewart sich schnell gewöhnt und bald ein Late-Night-Imperium aufgebaut: 16 Jahre lang, vier Nächte die Woche, haben er und sein Team aus dem Lachen über die kirre gewordene Welt kurz vor dem Schlafengehen ein leidenschaftliches Statement für die Aufklärung gemacht, haben den Selbstdarstellern und Machtgeilen der Welt mit messerscharfer Beobachtungsgabe die Luft abgelassen. Jon Stewart »ist Anti-Blödsinn«, pries ihn David Remnick, Chefredakteur des »New Yorker«.

Kein Wunder also, dass der Mann heute mehr fehlt denn je. Dass seine Fans jeder seiner Äußerungen höchste Bedeutung zumessen, und dass manche sich jemanden wünschen, der ihnen ausbuchstabiert, was sie denn nun denken sollen.

Dabei war gerade das Selbstdenken doch eigentlich das Ziel der ganzen Daily Show-Angelegenheit. Und Irresistible taugt sehr gut, daran zu erinnern.

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