Essays

Was Kontext wirklich bedeutet

Essays

Was Kontext wirklich bedeutet

»Nach dem 7. Oktober« ist das Buch zur Zeit – und beschreibt gleichzeitig die Tiefenschichten eines alt-neuen Antisemitismus

von Marko Martin  19.05.2024 09:49 Uhr

Die Herausgeber Tania Martini und Klaus Bittermann schreiben im Vorwort ihres Buches, die hier versammelten Essays »bezeugen einen bestimmten historischen Moment«.

Das ist womöglich sogar noch etwas untertrieben: Der Band Nach dem 7. Oktober. Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen setzt Standards, erinnert an verdrängte Tatsachen, analysiert sogenannte Diskursmuster und könnte zu einem Referenzwerk werden.

Was an jenem Oktobertag Entsetzliches geschah, macht ein von Deniz Yücel und Daniel Dylan-Böhmer protokolliertes Video deutlich, das die Aufnahmen aus Bodycams und Handys der Terroristen auswertet: Bilder schier unvorstellbarer Grausamkeit, die man nicht gesehen haben muss, um die man jedoch wissen sollte, um zu verstehen, weshalb dieser Tag (nicht allein) für Juden inner- und außerhalb Israels eine Zäsur darstellt.

Der viel berufene »Kontext« – hier ist er. Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf beschreibt die in ihrer Geschichte und Charta angelegte genozidale Judenfeindlichkeit der Hamas, während der in Tel Aviv geborene und in Wien lebende Schriftsteller Doron Rabinovici an die antijüdischen Pogrome 1921 in Jaffa, 1929 in Hebron und Safed, 1938 in Tiberias und 1947 in Jerusalem erinnert: »Kontext ist keine Einbahnstraße.«

Der viel berufene »Kontext« – hier ist er.

Es sind vor allem progressive Autoren und Autorinnen wie Seyla Benhabib, Wolfgang Kraushaar oder Armin Nassehi, die hier in diesem Buch versammelt sind und Klartext sprechen. So auch die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz, eine weit vernehmliche Besatzungs- und Netanjahu-Kritikerin: »Ich glaubte, dass das politische Lager, das am meisten von den Gräueltaten abgestoßen sein würde, meine eigenen Leute wären, die Linken. Nun nicht mehr.«

Angesichts eines »Antisemitismus auf Weltniveau«, der sich eben nicht nur auf der viel beschworenen »arabischen Straße« austobt, sondern auch in den kulturell tonangebenden Milieus der Linken, schreibt sie einen Abschiedstext, der sich freilich nicht in emotionaler Klage verliert, sondern den politisch-philosophischen Widersinn der selbst ernannten »Israelkritiker« dechiffriert.

Auch Natan Sznaiders Essay »Die Wunde Israel« beschreibt eine Erfahrung, die von Nichtjuden (und auch von manchen Diaspora-Intellektuellen) noch nicht einmal ansatzweise begriffen worden ist: »Der Zusammenbruch unserer Sicherheit ist daher gleichzeitig ein Zusammenbruch der ontologischen Sicherheit unserer Welt. Ein Zivilisationsbruch. Was am 7. Oktober geschah, ist nicht nur eine Zäsur in der israelischen Geschichte, sondern Teil des transnationalen jüdischen Schicksals.«

Dieser Text eines auch weiterhin linksliberalen Humanisten, der mit der banalisierten, ja oft längst schon kalkulierend niederträchtig gewordenen Humanismus- und Toleranz-Rhetorik eines nicht allein deutschen juste milieu ebenso hart wie präzise ins Gericht geht, sei all jenen empfohlen, die wirklich wissen wollen, wie tief die Kluft geworden ist: »Die Kritiker und Kritikerinnen Israels werden verstehen müssen, ob es ihnen in ihrer selbstgefälligen Weltoffenheit gefällt oder nicht, dass die Existenz des Staates Israel eine radikale Abkehr von der selbstlosen Negation des eigenen Ortes ist. Für die meisten von uns Israelis ist Ethik an unsere Partikularität gebunden, was dann auch heißt, dass man als konkreter Mensch an sein konkretes Dasein mit konkreter Verantwortung gebunden ist.«

Während der Historiker Volker Weiß aufzeigt, wie im AfD-Milieu trotz so manch angeblich »pro-israelischer« Camouflage auch weiterhin Ablehnung und Ressentiments wuchern, zieht der »taz«-Autor Ulrich Gutmair eine weitere Verbindungslinie: »Warum müssen postkoloniale Theorien die Existenz des Antisemitismus verdrängen, negieren, als irrelevante Unterform des Rassismus deklarieren oder im schlimmsten Fall sogar reproduzieren? Weil er ihre Grundannahmen bedroht und weil sie selbst eine Tendenz zum antisemitischen Denken haben.« Möge dieses augenöffnende Buch viele Leserinnen und
Leser finden.

Tania Martini und Klaus Bittermann (Hg.): »Nach dem 7. Oktober. Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen«. Edition Tiamat, Berlin 2024, 231 S., 24 €

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026

New York

Mehrere Juden auf neuer »Time«-Liste der einflussreichsten Menschen

Zwei jüdische Regierungschefs, drei Unternehmer und neun Künstler genießen nach Ansicht der Magazin-Autoren einen hohen Einfluss

von Imanuel Marcus  16.04.2026

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026