Essay

War früher alles besser?

Mal ehrlich, Staub gesaugt haben die Männer in den 50er-Jahren bestimmt nicht. Foto: Getty Images / istock

In Zeiten politischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Globalisierung und technologischer Umwälzung sehnen sich viele Menschen nach der »guten alten Zeit«, in der angeblich so vieles besser war. So viel vorab: Früher war definitiv alles anders, aber nicht besser. Ob Vergangenheit oder Gegenwart, was als besser oder schlechter gedeutet wird, hängt vom Koordinatensystem des Betrachters ab. Woran liegt es, dass Realität und Vergangenheit unterschiedlich interpretiert werden und folglich Unterschiedliches in Erinnerung bleibt? Und wie kommt es, dass die einen partout das verdrängen, woran die anderen sich gerne erinnern?

Der Mensch wurde vom Allmächtigen mit »Ehre und Herrlichkeit« gekrönt. So kann er dichten, Ski springen, zum Mond fliegen, Atome spalten und aus pürierten Kichererbsen Hummus machen. Die mit beachtlicher Intelligenz und psychologischen Raffinessen ausgestattete Spezies Mensch hat sich im Laufe der Geschichte als äußerst stressresistent erwiesen. Dass es ihr gar gelingt, Liebeskummer, schlechte Witze, verstopfte Autobahnen, selbst Sintfluten und Traumata zu verkraften, hängt mit ihrer psychischen Grundausstattung zusammen.

erinnerung Ob früher alles besser war, hängt vom Betrachter ab. »Das Auge«, so der französische Philosoph Henri Bergson, »sieht nur, was der Geist bereit ist zu begreifen.« Dies lässt sich exemplarisch daran ermessen, wie unterschiedlich die drei abrahamitischen Religionen auf die Vergangenheit zurückblicken und mit der Erinnerung umgehen.

Spätestens seit Sigmund Freud wissen wir, dass die Gattung Mensch, mit allerlei Abwehrmechanismen bestückt, in der Lage ist, Beschämendes und Belastendes aus dem Bewusstsein zu verdrängen. So scheuen Nationen, Kulturen und Religionen nicht davor zurück, moralische Schandflecken zu verschleiern, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – im Namen Gottes oder der Nation – zu leugnen oder zu rechtfertigen.

Die Sicht auf die Vergangenheit ist immer subjektiv. Dass die jüdische Sicht mit dem Selbstverständnis des christlichen Abendlandes frontal kollidiert, sollte niemanden irritieren.

Realität ist das, was man aus ihr macht. Dasselbe trifft auf die Geschichtsschreibung zu. Sie ist weder neutral noch objektiv, die Sicht auf die Vergangenheit ist immer subjektiv. Dass die jüdische Sicht mit dem Selbstverständnis des christlichen Abendlandes und folglich mit der gängigen europäischen Geschichtsschreibung frontal kollidiert, sollte niemanden irritieren.

Worauf richtet sich der Blick, wenn wir auf die Pyramiden von Gizeh oder auf das Kolosseum zurückblicken? Denken wir zuvorderst an die geniale Ingenieurskunst ihrer visionären Erbauer oder an die Umstände, unter denen diese Meisterwerke erbaut wurden?

zivilisation Wenn auch der Glanz der ägyptischen und römischen Zivilisation bis in die Gegenwart hinein strahlt, so assoziiert das jüdische Volk doch mit der Antike weniger die bautechnischen Meisterleistungen der Pyramiden oder die Schönheit Kleopatras, sondern vielmehr die Befreiung aus der Sklaverei und die 40 Jahre andauernde Wanderung durch die Wüste unter der Führung von Moses. Während christliche Touristen im Kolosseum über Bühnenmaschinerie und Gladiatorenkämpfe staunen, erinnern sich Juden beim Besuch in Rom daran, wie die jüdischen Sklaven mit der Kriegsbeute aus dem zerstörten Tempel das Amphitheater erbauen mussten.

Das, was die Geschichtswissenschaft in die Gegenwart hinüberzuretten versucht, kann nichts anderes sein als eine Rekonstruktion unterschiedlicher Realitäten. Des einen »Urkatastrophe« ist des anderen »Geburtsstunde«. Die einen glorifizieren die Vergangenheit, die anderen gedenken ihrer in Trauer und Scham. Die Kapitulation am 8. Mai 1945 erlebten die Nazis als Zusammenbruch, in der DDR wurde sie als Tag der Befreiung gefeiert. Für Juden war die Schoa der Katalysator für die Gründung Israels. Die Geburtsstunde Israels gilt hingegen für die arabische Welt immer noch als Tag der Katastrophe.

Selbst die Geschichtswissenschaft, die sich der objektiven Geschichtsschreibung verpflichtet hat, unterliegt dem Zeitgeist.

Selbst die Geschichtswissenschaft, die sich der objektiven Geschichtsschreibung verpflichtet hat, unterliegt dem Zeitgeist. Man erinnert sich an die im »Völkischen Beobachter« erklärte Kriegserklärung der »arischen, deutschen Physik« an die »jüdische Physik« des »Hebräers« Einstein. Man sieht, die Dummheit ist relativ grenzenlos, sie macht selbst vor der Physik nicht halt.

zukunft Alles wirkliche Leben, so der Religionsphilosoph Martin Buber, ist Begegnung. Projizieren wir das vergangene Millennium auf die Zukunft, so gleicht der christlich-jüdische Dialog eher einer Begegnung der unheimlichen Art als einem respektvollen Miteinander auf Augenhöhe. Nehmen wir hingegen die Gegenwart als Ausgangspunkt für die Zukunft, so gibt es vorsichtigen Anlass zu Zuversicht.

Die Zeiten, als ein Hundertjähriger und ein Dreißigjähriger Krieg in Europa tobten, als Menschen wegen ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung und Schichtzugehörigkeit verfolgt und vernichtet wurden, gehören der Vergangenheit an. »Das Geheimnis des Erfolges«, meinte der Staatsmann Benjamin Disraeli, »liegt in der Beständigkeit des Ziels.« Das Ziel ist klar: Es gibt keine Alternative zum kritischen, respektvollen Dialog.

Es gilt, das »wohlverschlossene Herz«, wie Martin Buber es formulierte, zu öffnen. Obwohl ein Eingriff am offenen Herzen mit Risiken und Komplikationen verbunden ist, erhöht er dennoch die Chancen auf ein besseres Leben.

Der Autor ist Psychologe und Stressberater in München.

Leipzig

Jennifer Rush lernte Deutsch mit dem Sandmännchen

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Reggio Emilia

Konzert von Kanye West in Italien abgesagt

Hintergrund sind Kanye Wests antisemitische Aussagen und die damit verbundene Sorge, große Proteste könnten die Sicherheit gefährden

 01.06.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  01.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  01.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Literatur

»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«

Die Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit dem Frank-Schirrmacher-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren die Laudatio von Christian Berkel

von Christian Berkel  31.05.2026

Geburtstag

Mit exaktem Blick – Dagmar Nick zum 100. Geburtstag

Die Lyrikerin feierte in München mit einer Lesung ihren Jahrhundert-Geburtstag

von Michael Schleicher  30.05.2026

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026

Konzerte

Doja Cat kommt mit »Ma Vie World Tour« nach Hamburg und Berlin

Ihren Durchbruch feiert sie über SoundCloud, bevor sie mit dem viralen Hit »Mooo!« erstmals weltweite Aufmerksamkeit bekommt

 29.05.2026