Soziologie

Von wegen Liebe

»Wir lieben nach den Regeln des Marktes«: die israelische Soziologin Eva Illouz Foto: Flash 90

Eigentlich klingen die Titel ihrer Bücher nach Kitsch, Lebensratgeber von der Stange und reichlich Herzschmerz. Sie heißen Warum Liebe endet, Wa(h)re Gefühle oder Warum Liebe weh tut. Doch was auf den ersten Blick wie Rosamunde Pilcher oder Hera Lind klingt, sind handfeste wissenschaftliche Texte, geschrieben von der israelischen Soziologin Eva Illouz.

»Wir lieben nach den Regeln des Marktes« – so lautet eine der zentralen Thesen der 1961 im marokkanischen Fès geborenen Wissenschaftlerin, die als Kind mit ihren Eltern nach Frankreich zog und heute unter anderem an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrt.

GESPRÄCHE Seit Jahren geht Illouz, die übrigens auch erste weibliche Präsidentin der renommierten Bezalel‐Kunstakademie war, den Fragen auf den Grund, wie sich Liebe zum Kapitalismus verhält und ob diese vielleicht nur Teil einer alles vereinnahmenden Konsumkultur geworden ist. »Hunderte, wenn nicht Tausende von Gesprächen haben mich stutzig und fassungslos über das Chaos gemacht, von dem die zeitgenössischen romantischen und sexuellen Beziehungen geprägt sind.«

Illouz kritisiert das »kapitalistische Verwertungsdenken« in der Liebe.

Dabei gelingt Illouz das, wovon andere Soziologen nur träumen können: Trotz aller Wissenschaftlichkeit verkaufen sich ihre Bücher wie geschnitten Brot. Kein Wunder bei ihrem Thema, möchte man meinen – schließlich beschäftigen Liebe und große Gefühle nun einmal fast jeden. Dabei klingen ihre Botschaften auf den ersten Blick gar nicht positiv. »Das Ende der Liebe könnte man mit dem Licht eines Sterns vergleichen, der vor langer Zeit verschwunden ist, uns aber immer noch blendet«, sagt sie beispielsweise in dem Film Yes No Maybe von Kaspar Kasics. »Wir verwechseln das Licht des Sterns, das romantische Image, mit dem Stern der Liebe selbst. Doch dieser existiert nicht mehr.«

BRÜCHE Illouz skizziert in ihren Büchern ein Dilemma, das den meisten Menschen der Moderne wohl durchaus geläufig sein dürfte. Zwar sind irgendwie alle auf der Suche nach der Liebe ihres Lebens, weshalb diese in unserem Leben nach wie vor einen zentralen Stellenwert besitzt. Zugleich erweisen sich die ganz großen Gefühle aber als immer flüchtiger und unbeständiger.

Eine der Ursachen dafür sind laut Illouz zeitliche Brüche in der Wahrnehmung dessen, was unter Liebe verstanden wird. Und das hat ihrer Meinung nach sehr viel mit dem kapitalistischen Verwertungsdenken zu tun. Denn das gängige Bild von der romantischen Liebe ist ein Produkt des 18. Jahrhunderts, das von der Unterhaltungsindustrie des 20. und 21. Jahrhunderts aufgegriffen und erfolgreich vermarktet wurde. Dadurch würden Idealbilder und Erwartungshaltungen produziert, die schlichtweg kaum erfüllt werden können.

In der vormodernen Partnersuche ging es vor allem um wirtschaftliche Sicherheit.

Zudem war damals alles irgendwie anders und deutlich klarer als in der Gegenwart. »Die minuziöse Kodifizierung der Liebesrituale hatte einen besonders hervorstechenden Effekt. Sie beseitigte Unsicherheiten oder verringerte sie, indem sie das Reich der Gefühle fest und eng an ein kodifiziertes Zeichensystem band.« Des Weiteren war die vormoderne Partnersuche oft eine recht nüchterne Angelegenheit, weil sich dabei vieles um Eigentum als Mitgift und wirtschaftliche Sicherheiten drehte.

TRENNUNG Waren die Menschen in der Vergangenheit deshalb mit den gleichen Liebesqualen wie moderne Männer und Frauen konfrontiert? Oder würde ein junger Werther auch heute noch genauso heftig leiden wie vor über 200 Jahren? »Moderne Individuen sind unendlich besser ausgerüstet als Menschen je zuvor, um mit der wiederholten Erfahrung des Verlassenwerdens, Betrogenwerdens oder einer Trennung zurechtzukommen«, lautet dazu die Antwort von Eva Illouz.

Denn in den entwickelten Staaten dürften sowohl Männer als auch Frauen über deutlich mehr ökonomische Unabhängigkeit und Spielräume verfügen als früher. Und sie haben nicht nur den einen einzigen Partner in ihrem Leben, weshalb ebenfalls das Wissen um die Endlichkeit von Beziehungen vorhanden ist, was die Sache aber nicht unbedingt leichter werden lässt. »Die heutige soziale Struktur und Kultur macht es uns sehr schwer, eine große Liebe zu identifizieren und sie exklusiv zu bewahren. Nicht zuletzt, weil wir so großen Wert auf unsere Autonomie legen.«

TINDER Und weil Liebe zusehends zu einer beliebigen Ware geworden ist. Konsumkapitalismus und Internet sei Dank oder Schuld – je nach Sichtweise. Insbesondere Dating‐Apps wie Tinder, wo allein Kriterien wie Optik, Vorlieben sowie Verfügbarkeit zählen und die Planung eines Dates schon mal die Formen eines Bewerbungsschreibens annehmen kann.

»Gelegenheitssex ist ein direktes Ergebnis der sexuellen Revolution. Die Freiheit, Sex zu haben, ohne danach gleich heiraten zu wollen oder zumindest eine feste Beziehung führen zu müssen.« Doch das muss nicht immer etwas Gutes bedeuten, weshalb das Geschäft von Sexualtherapeuten seit Jahren boomt. Und was auch Illouz hervorragende Verkaufszahlen sichert.

»Ich hätte gern als Erwachsene in den 70er‐Jahren gelebt«, sagt Illouz.

Für die Israelin kommt daher eigentlich nur eine Epoche einem Idealzustand nahe. »Ich hätte gern als Erwachsene in den 70er‐Jahren gelebt.« Damals gingen Altes und Neues eine Symbiose ein. »Man erkannte das pure Vergnügen und die Möglichkeiten, die Gleichberechtigung und sexuelle Freiheit bringen. Zugleich waren die Menschen noch geprägt von den früheren Strukturen der Sicherheit, ich würde es die religiöse Struktur der Liebe nennen. Sie wollten und konnten Liebe zu einer sehr bedeutungsvollen Erfahrung in ihrem Leben machen.«

Eva Illouz: »Warum Liebe endet: Eine Soziologie negativer Beziehungen«. Suhrkamp, Berlin 2018, 447 S., 25 €

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