Philosophie

Von wegen gute alte Zeit

Sind die ersten beiden Jahrzehnte der Bundesrepublik tatsächlich mit dem Begriff der »Adenauer-Restauration« zu beschreiben oder kündigte sich bereits zu dieser Zeit etwas Emanzipatorisches an, das dann in Folge von »68« immer weiter in den gesellschaftlichen Raum diffundieren konnte?

Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und dem Politikwissenschaftler Dolf Sternberger – dem Mann, der Politikwissenschaft als akademische Disziplin gegen enorme universitäre Widerstände erst durchzusetzen half – zeigt noch einmal das Hochkomplexe nicht nur jener Jahre, sondern auch die dramatische Vorgeschichte.

Trauzeugin Kennengelernt hatten sich die beiden bereits in ganz jungen Jahren, 1927 als Studenten bei Karl Jaspers. Bei Sternbergers Hochzeit fungierte Hannah (damals verheiratet mit Günther Stern, der sich später als Philosoph Günther Anders nannte) als Trauzeugin. Nur wenige Jahre später musste sie aus Deutschland via Frankreich in die USA fliehen, während die hochbetagten Eltern von Sternbergers jüdischer Frau Ilse in Auschwitz ermordet wurden.

Sternberger, der dem Druck der Nazis standgehalten hatte und eine Ehescheidung strikt verweigerte, erhielt als Publizist der 1943 verbotenen »Frankfurter Zeitung« Berufsverbot; in seinen Erinnerungen beschreibt er, mit wessen Hilfe seine untergetauchte Frau zu überleben vermochte: »Am 4. Oktober 1944 verließ meine Frau Heidelberg, und zwar mit dem Fahrrad, um die Kontrolle in den Eisenbahnzügen zu vermeiden; unser Freund Dr. Alexander Mitscherlich begleitete sie auf diesem Wege.«

Unmöglich, von solchen Zeilen nicht bewegt zu sein. Ebenso wie von dem, woran sich der inzwischen 81-jährige Udo Bermbach, Herausgeber dieses von 1946 bis zu Arendts Tod 1975 dauernden Briefwechsels und ehemaliger Assistent Sternbergers, dann aus jener Zeit erinnert, als SDS-Studenten durch Heidelbergs Straßen marschierten und ihr »Ho-Ho-Ho-Chi-Minh« skandierten: Ilse Sternbergers Zittern, der mit Entsetzen geflüsterte Satz »Es geht wieder los«, die erfolglosen Versuche ihres Mannes – eines Institutionsrepublikaners und Erfinders des schönen Wortes vom Verfassungspatriotismus –, seine Frau zu beruhigen.

Ohnehin erscheint der 1989 verstorbene Sternberger – als Essayist heute leider beinahe vergessen und als in der FAZ publizierender Wissenschaftler mit dem Ruch des fairen, aber etwas trockenen Gelehrten versehen – als der im Vergleich zu Hannah Arendt Empathischere, um Debatten geradezu Flehende. Für seine bereits 1946 gegründete Zeitschrift »Die Wandlung« steuert Hannah Arendt insgesamt sechs Essays bei, unter anderem jenen über »Konzentrationläger«, der hier noch einmal abgedruckt ist.

SCHWEIGEN Gleichzeitig schweigen beide über Persönliches aus jenen Jahren ab 1933, in denen doch weit mehr passiert war, als dass sie sich lediglich nicht mehr gesehen hatten. Kamen die biografischen Schicksale bei ihren Treffen in Deutschland und in den USA zur Sprache?

Nachzulesen jedenfalls ist, dass die freundlich-distanzierte Hannah Arendt nach solchen Begegnungen mit ihrem Jugendfreund stets einen winzigen Touch herzlich-jovialer wird – während sie sich gleichzeitig bei Karl Jaspers über Sternbergers Hoffnungen auf eine Übersiedlung und Professur in den Vereinigten Staaten mokiert: »Man würde ihn vielleicht berufen, wenn er wirklich ganz außerordentlich wäre, aber davon kann doch keine Rede sein.«

PEN-Club Dabei ging es hier um alles andere als um reine Karriere-Erwägungen: Sternberger, der Mitte der 60er-Jahre wusste, dass er längst nicht mehr der Jüngste war, hatte trotz seiner wachsenden Bekanntheit immer wieder begründete Skepsis, ob aus dieser Bundesrepublik mit ihrem zum Teil noch immer braunen Personal jemals etwas werden könnte. Als Präsident des westdeutschen PEN-Clubs hatte er unter anderem in offenen Briefen 1965 die Bundestagsabgeordneten gebeten, einer verlängerten Verjährungsfrist bei NS-Mordtaten zuzustimmen.

Seine Schübe von Verzweiflung wechselten sich freilich ab mit eloquenter Verteidigung des noch jungen Gemeinwesens – so etwa auch in der Ablehnung von Karl Jaspers’ damals Furore machendem Buch Wohin treibt die Bundesrepublik?, das ihm schlicht zu alarmistisch schien. Dass Hannah Arendt hier ihrem verehrten alten Professor beisprang, irritiert dabei weniger als ihre Überlegungen zu einer »Rätedemokratie« – vor allem aber ihr fortgesetztes Schwärmen für den unsäglichen Martin Heidegger.

Sternberger, der zum Glück nichts von der vertrackten Liebesgeschichte der beiden wusste, wunderte sich auf jenem intellektuell kristallinen Niveau, das ihn bereits lange vor 1933 in die Lage versetzt hatte, dem archaisierenden Rauner vom Todtnauberg den Rang eines ernsthaften Philosophen abzusprechen.

VERMITTLERFUNKTION Denn auch jenseits von Heideggers Antisemitismus: Radikale Sprachkritik, so Sternberger, leugnet letztlich nicht nur die Möglichkeit von Kommunikation und Alltagsvernunft, sondern muss sich schließlich auch gegen jene wenden, die noch an die humane Vermittlerfunktion des Wortes glauben. Demnach sei Heidegger kein tiefschürfender Konservativer, sondern der Verbreiter einer verhängnisvollen »Ursprungs«-Mythologie – und die verehrte Freundin in diesem Fall »auf dem Holzwege«.

»Leute wie Heidegger sind jetzt wieder obenauf, finden atemlos lauschende Tausende. Das hatten wir ja vor 25 Jahren schon einmal, und ich hatte wirklich geglaubt, das hätten wir ausgeschwitzt. Aber siehe da – schon wieder liegt man auf dem Bauch, süchtig nach Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit, Lieblosigkeit, falscher Poesie … Diese und solche Wiederkehr – das ist, wenn irgendetwas, die Restaura-tion in Deutschland.«

Sternbergers Analyse scheint heute aktueller denn je. Wie überhaupt dieser voluminöse Briefband dazu inspiriert, den luzideren der beiden Korrespondenzpartner endlich wiederzuentdecken. Am besten beginne man mit dem wunderbaren Gefühl der Fremde, gefolgt vom Begriff des Politischen. Gut möglich, dass uns Dolf Sternberger heute vielleicht sogar noch mehr, noch Konkreteres zu sagen hat als Hannah Arendt.

Hannah Arendt, Dolf Sternberger: »Ich bin Dir halt ein bißchen zu revolutionär«. Briefwechsel 1946 bis 1975. Rowohlt, Berlin 2019, 477 S., 38 €

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