Aufbruch

Von fern ein leiser Harfenton

In meinem Schrebergarten sprießen die Narzissen. Ja, ich bin eine Spießerin, ich habe einen kleinen Garten, in dem ich die Seele baumeln lassen kann.

Violette Veilchen haben die Wiese für sich eingenommen. Sogar die Tulpen strecken schon ihre Köpfe heraus. Es lässt sich nicht einmal mehr in Berlin leugnen, der Frühling hält Einzug.

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.

Schön wärʼs, lieber Eduard Mörike! Berlin riecht – aber nicht verheißungsvoll, und generell stinkt es mächtig in der Welt, und mir ohnehin.

Kein Tag, an dem ich mich nicht morgens bei den ersten Zeilen der Zeitung frage, ob ich halluziniere. Hat Trump Grönland schon besetzt, oder wartet er noch bis nach dem Mittagessen? Prügelt sich Wolodymyr Selenskyj mit ihm im Oval Office, und sitzen Bibi und Trump wirklich am Strand in Gaza, oder sind dies alles »nur« Videos?

Hat Trump Grönland schon besetzt, oder wartet er noch bis nach dem Mittagessen?

Ich kann Wahrheit von Lüge nicht mehr unterscheiden, was nicht wirklich verwunderlich ist, denn die schlimmsten Fantasien sind wahr geworden, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Also spreche ich leise ein beruhigendes Mantra vor mich hin: Ich lebe in Berlin, in einem sicheren Land, in einem demokratischen Europa …

Da geht mir der Atem schon aus. Gibt es Europa überhaupt noch, oder hat es sich über Nacht schon aufgelöst?

VW und Mercedes, Audi und BMW haben dichtgemacht. Auf der Siegessäule am Großen Stern steht kein Engel, sondern Alice Weidel, und peitscht auf den Verkehr ein.

Ich muss kurz eingenickt sein.

Die AfD-Chefin hockt nicht auf der Siegessäule, sondern ist zu Gast im ARD-Morgenmagazin und verbreitet – nun bin ich wirklich hellwach – mit eiskaltem Lächeln ihre wilden Theorien über RE – MI – GRA – TION und wie dann alles, wirklich alles, besser wird. Sie spricht die einzelnen Silben aus, als würde sie darauf herumbeißen wie ein Werwolf.

Singen soll gut sein gegen Depressionen

DO – RE – MI – FA – SOL – LA – TI – DO singe ich gegen Frau Weidel an. Das ist die Tonleiter auf Italienisch. Singen soll gut sein gegen Depressionen.

Neulich in Hollywood: Zwei »jüdische« Themen haben Oscars gewonnen. There is no Business Like Shoah Business, sagt die Moderatorin. Oder denkt sie es nur? Ich höre es jedenfalls aus ihren Kommentaren heraus, höre Flöhe husten, ich bin schrecklich empfindlich, und mein Nervenkostüm liegt blank.

Ansonsten war der Oscar so unpolitisch wie selten. Man möchte nicht mehr über Politik und die Weltlage sprechen, es ist alles gesagt, man ist erschöpft. Vielleicht ist es auch Strategie, den Rechten gar keinen Platz mehr geben, sie komplett ausblenden, so tun, als gäbe es sie gar nicht, als sei alles nur ein böser Traum. Ob das zielführend ist, wird sich zeigen.

Auch in Berlin in meinen Künstlerkreisen ist es einmal mehr still geworden. Anfangs führten die Kürzungen zu lautstarken Protesten, doch nun sind sie versiegt. Ohnmacht hat sich breitgemacht. Es geht uns an den Kragen. Wie den Frühling auf den bunten Stühlen vor dem Kaffeehaus genießen, wenn man nicht weiß, wie man die nächste Miete bezahlen soll?

Der Nahostkonflikt, der Ukraine-Krieg, die Amokautofahrer in deutschen Städten, die schmelzenden Pole – das alles ist zu viel! So viel Mitgefühl ist unmenschlich! Der überteuerte Latte macchiato wird zum Feind.

Wer wird mit Elon Musk fertig?

Als Elon Musk auf dem Bildschirm erscheint, weiß ich endlich, wem er ähnlich sieht: dem Joker, dem bösen Clown aus dem gleichnamigen Kinofilm. Dieser Joker leidet am Pseudobulbär-Syndrom, muss zwanghaft unter Stress lachen und wird zunehmend wahnsinniger. Die Realität hat den Film überholt!

Gott sei Dank hat der Joker im Kino einen Gegenspieler, den guten Clown Batman. Bleibt die Frage: Wer ist im rea­len Leben der Widerpart? Wer wird mit Elon Musk fertig? Ich schalte den Fernseher aus. Aber der Wahnsinn nimmt kein Ende.

Mir ist der Appetit vergangen. Auf Wildschwein und auf narzisstische machtbesessene Schweine generell.

In meinem Schrebergarten haben Wildschweine gewütet. Es sieht aus wie auf dem Schlachtfeld. Von Seele-baumeln-lassen bin ich ohnehin weit entfernt. Der Jäger hat das wilde Tier erwischt und bringt mir Wildschweinwürste.

Das Tier hat meine Blumenzwiebeln gefressen, also könnte ich das Tier essen. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie in der Welt draußen. Aber mir ist der Appetit vergangen. Auf Wildschwein und auf narzisstische machtbesessene Schweine generell.

Ich möchte mich vergraben, aber das wäre feige. Schweigen und vor Überforderung die Waffen strecken? Wo kommen wir denn da hin?

Die Luft ist mild, ich harke die alten Blätter zusammen, und langsam, ganz langsam sammele ich mich. Wachsen uns nicht zum Frühling hin ungeahnte Kräfte? Kräfte, die uns helfen, weiterzumachen, ungeahnt der Katastrophen? Die Sonne kitzelt, ich niese, der Biber ist verschreckt. Ein bisschen Batman bin ich auch, sind wir alle, oder?

Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bistʼs!
Dich habʼ ich vernommen!

Köln/Murwillumbah

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