»Der gelbe Schein«

Vom Schtetl ins Bordell

Reiseziel Mexiko: Paula Waisman hieß diese junge Jüdin, die von der deutschen Polizei mit falschem Pass aufgegriffen wurde. Foto: unog

Jede Geschichte hat ihre blinden Flecken. Auch die jüdische. Eins ihrer Tabus ist jetzt Gegenstand einer Ausstellung, die ab kommender Woche parallel im Berliner Centrum Judaicum (dort passenderweise auf der Frauenempore der ehemaligen Synagoge) und im Bremerhavener Auswanderungshaus gezeigt wird. Sie heißt »Der Gelbe Schein« und befasst sich mit Prostitution und Mädchenhandel im 19. und 20. Jahrhundert. Genauer, mit jüdischem Mädchenhandel und jüdischer Prostitution.

täter und opfer Ein brisantes Thema. Die Figur des jüdischen Zuhälters, der aus Geilheit und Geldgier junge Frauen in den moralischen Abgrund zieht, zählt zu den Klassikern des antisemitischen Narrativs. Aber es gab sie wirklich, die jüdischen Mädchenhändler (und, so viel Gleichberechtigung muss sein, auch -händlerinnen). Sie hießen Lazar Schwarz, John Meyerowitz, Rifka Bedner oder Mascha Fischer. Und ihre Opfer gingen in die Zehntausende.

Diese Opfer allerdings waren selbst oft auch jüdisch: junge Frauen, meist aus dem Zarenreich und der k.u.k.-Monarchie, die vor Pogromen und sozialem Elend flüchteten und mangels Ausbildung keine Chancen auf auch nur einfachste »anständige« Arbeit hatten. (So viel zur Schtetl-Nostalgie à la »Yentl«.) Stattdessen landeten sie in den Bordellen Europas und vor allem Lateinamerikas: Um die vorige Jahrhundertwende waren in Buenos Aires mehr als 4.000 Jüdinnen als Prostituierte registriert, womit sie rund ein Viertel aller in diesem Gewerbe tätigen Frauen ausmachten.

Irene Stratenwerth hat die von der Bundeskulturstiftung geförderte Ausstellung kuratiert. Auf das Thema kam die Hamburgerin, als sie 2007/2008 für das Centrum Judaicum eine Schau über Lemberg erarbeitete. »Dort fand 1903 einer der ersten internationalen Kongresse gegen den Mädchenhandel statt. Das konnten wir damals nur am Rande behandeln. Aber das Thema hat mich nicht losgelassen.« In den folgenden Jahren recherchierte Stratenwerth in Berlin, Wien, Odessa, Czernowitz und Buenos Aires. »Ich war überrascht, wie viel Material man noch finden konnte.«

recherchen Unter den Trouvaillen war ein bis dahin unbekannter Brief, den Otto von Bismarck, damals preußischer Gesandter in St. Petersburg, 1862 an das Außenministerium nach Berlin schrieb. Dort macht der spätere »Eiserne Kanzler« auf das Schicksal einer nach Russland in die Prostitution gelockten preußischen Untertanin namens Marie Haase aufmerksam.

Zu den schwierigsten Recherchen gehörte die Suche nach einem Exemplar des für die Schau namensgebenden »Gelben Scheins«. Der war ein in Russland vorgeschriebenes Dokument für Prostituierte, auf dem die Ergebnisse der wöchentlichen amtsärztlichen Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten per Stempel vermerkt wurden: Blau bedeutete gesund, Rot hieß, dass die Inhaberin infiziert war und ihrer Tätigkeit nicht nachgehen durfte. Exemplare dieses Ausweises zu finden, gestaltete sich außerordentlich mühsam, auch weil »Nachkommen einstiger Inhaberinnen eines Gelben Scheines sich genieren, derartige Vorfahren zu haben«, wie Hermann Simon, der Direktor des Centrum Judacium, im Begleitbuch zu der Ausstellung schreibt. Dank der Hilfe russischer Archive gelang es schließlich, eines der raren Dokumente zu finden. Nicht nur das: Die Inhaberin des Papiers war auch Jüdin, Julia Mendik, geboren 1849.

Für das bürgerlich-assimilierte deutsche Mainstreamjudentum waren Mädchenhandel und Prostitution in den eigenen jüdischen Reihen mehr als nur ein Ärgernis. Nicht nur weil das Sexgewerbe der traditionellen Moral widersprach. Man fürchtete auch – zu Recht –, dass damit dem wachsenden Antisemitismus weiteres Futter gegeben wurde. »Vieles von den gegen jüdische Mädchenhändler erhobenen Vorwürfen beruht auf Wahrheit«, musste der Bremer Rabbiner Leopold Rosenak 1902 betrübt feststellen. Das war auf der Rabbinerversammlung in Frankfurt/Main, der das Thema wichtig genug war, dass sie Rosenak eigens mit einem Vortrag zur »Bekämpfung des Mädchenhandels« beauftragt hatte.

sozialarbeit Etwa um dieselbe Zeit organisierte die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim den Verein »Weibliche Fürsorge«, der in Zusammenarbeit mit der Hamburger B’nai-B’rith-Loge gefährdete jüdische Einwanderinnen aus Osteuropa betreute. Pappenheim, in der Psychoanalyse später berühmt geworden als Freuds Patientin »Anna O.«, beschrieb 1908, wie in Rumänien – das stellvertretend für die Zustände in weiten Teilen Osteuropas stand – soziale Not und Antisemitismus den Nährboden für die Prostitution bildeten: »Die rumänischen Juden müssen jeden Augenblick gewärtig sein, über die Grenze geschoben zu werden; Landarbeit und Industriearbeit ist ihnen versagt, höhere Berufe verschlossen, aber in den Hotels, in den Bordellen, Bädern, Varietés, da duldet man die jüdischen Mädchen als Prostituierte, und die jüdischen Mädchenhändler duldet man, wo ein ehrlicher und anständiger Jude mit seiner Familie niemals geduldet würde.«

Pappenheim, die 1937 starb, hatte wie viele Sozialreformer ihrer Zeit darauf gesetzt, dass dank Aufklärung und Fortschritt die Prostitution irgendwann einmal Geschichte sein würde. Die sichtbare Widerlegung dieser Hoffnung findet man abends direkt am Berliner Ausstellungsort in der Oranienburger Straße. Die Gegend ist bekannt für ihren Straßenstrich.

»Der Gelbe Schein – Mädchenhandel 1860 bis 1930«. Centrum Judaicum, Berlin, 9. August bis 30. Dezember; Deutsches Auswandererhaus, Bremerhaven, 26. August bis 28. Februar 2013

www.cjudaicum.de

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