Kunst

Vom Malen und Kotzen - Zum 175. des Künstlers Max Liebermann

Max Liebermann: Selbstbildnis mit Pinsel, 1913 Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin / Reproduktion Michael Setzpfandt

Kunst

Vom Malen und Kotzen - Zum 175. des Künstlers Max Liebermann

Zunächst als Armeleutemaler verspottet, porträtiert er die bürgerliche Elite - und markiert dabei den Weg vom Naturalismus zu impressionistischen Farbwelten. Auch 175 Jahre nach seiner Geburt fasziniert die Vielseitigkeit von Max Liebermann

 20.07.2022 15:16 Uhr

Wer Liebermann mag, kann erstmal nicht viel falsch machen. Nur wenige deutsche Maler von internationalem Renommee vereinigen so viele bedeutende künstlerische Eigenschaften in sich: mit Furor im Naturalismus gestartet, zu einem der wichtigsten deutschen Impressionisten entwickelt, dabei kaum ein Sujet gescheut, selbst als Sammler und Berater aktiv und dann noch den Kunstbetrieb mächtig aufgewühlt. Am Mittwoch (20. Juli) vor 175 Jahren wurde Liebermann geboren. Zwei Liebermann-Kenner erläutern im Gespräch mit der dpa an wichtigen Gemälden, was Max Liebermann (1847-1935) durch seine Arbeiten auch heute noch zu sagen hat.

Den Weg zu Liebermann finden? »Wenn’se nach Berlin reinkommen, gleich links«, beschreibt es der Maler selbst. Neben dem Brandenburger Tor steht das - im Krieg zerstörte, nach dem Mauerfall wiederaufgebaute - Haus Liebermanns. Weil ihm Berlin »schmutzig und zerlumpt« erscheint, lässt er 1910 die Villa am Wannsee bauen. Die Idylle diente zudem als Ersatz für seine über Jahrzehnte geliebten Holland-Reisen, die er mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs einstellt.

In der Liebermann-Villa ist Lucy Wasensteiner Direktorin. Aus der aktuellen Ausstellung »Küste in Sicht!« hat sie sich Liebermanns »Am Strand von Noordwijk« von 1908 ausgesucht. »Die Bilder sind für uns sehr interessant, weil sie die unmittelbaren Vorläufer der Wannsee-Bilder sind«, sagt Wasensteiner, »man kann in diesen Bildern schon ganz deutlich den Glauben an den Impressionismus sehen.« Wo es in den Jahren zuvor noch naturalistischer zugeht, fangen nun zarte Pastellstriche Farben und Licht der Strandlandschaft ein.

Liebermann malt die Szene mehrmals: an einem heißen Tag, dann mit mehr Frische und Wind. »Er nimmt die Staffelei mit nach draußen an den Strand.« Die Malerei »en plein air« gehört zu einem Kennzeichen des Impressionismus. Für Liebermann ist das nach seinen Worten keine Stilrichtung, sondern »Weltanschauung«.

Wasensteiner sieht Liebermann »in dieser Phase wirklich als einen europäischer Künstler«, er schaue nach draußen, befasse sich nicht nur mit Berlin, fahre nach Holland, übernehme Techniken aus Frankreich. Sie setzt das Strahlen dieser Arbeiten ins Verhältnis zu späteren Entwicklungen wie Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus. Aus den Bildern spricht für sie »eine wichtige Lektion für heute: wie schnell das gehen kann und wie man da aufpassen muss«.

Liebermanns Weg braucht seine Zeit: der Sohn wohlhabender Industrieller in Berlin entdeckt früh sein Interesse an der Kunst. Ein Alibi-Studium der Chemie bricht er ab, um sich in Weimar mit Landschaftsmalerei zu befassen. Alltagsszenen, das Leben einfacher Menschen begegnen ihm später in Düsseldorf. Während seiner ersten Reise in die Niederlande bleibt dieses Sujet.

»Die Gänserupferinnen« sind 1872 ein bahnbrechendes Ergebnis. Die realistische Darstellung einer bäuerlichen Szene um die Verarbeitung lebender und toter Tiere verschafft ihm den Ruf als »Maler des Hässlichen« und »Armeleutemaler«. Den Erfolg hält das kaum auf. Der junge Künstler aus reichem Haus bringt mit seinen Bildern Szenerien einfachster Menschen in bourgeoise Lebenswelten. Liebermann ist »die gut gemalte Rübe lieber als die schlecht gemalte Madonna«.

In Paris sucht er ersten Kontakt zu französischen Impressionisten, in München bringt ihm sein naturalistisches Bild »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« den Vorwurf »Herrgottsschänder« ein. 1884 kehrt der Künstler zurück in seine Geburtsstadt. Hier wird er Kopf der Berliner Secession: Die Bewegung steht in Opposition zur tradierten Malschule der Akademie, die Liebermann dann später nicht nur aufnimmt, sondern auch zum Präsidenten macht.

Der Maler ist auch Berater und sammelt selbst, allein 17 Bilder von Edouard Manet gehören ihm. Die Nationalgalerie in Berlin verdankt seinen Hinweisen und Kontakten zahlreiche Werke etwa französischer Impressionisten.

Viele dieser Stationen lassen sich in der Alten Nationalgalerie nachvollziehen, die 22 Gemälde Liebermanns in ihren Beständen hat. Etwa auch »Die Gänserupferinnen«. Direktor Ralph Gleis führt vorbei an der sozialen Realität des Bildes zu seinem Lieblings-Liebermann, dem »Stevenstift in Leiden« von 1889.

Gleis sieht darin »ein Scharnierwerk in seinem Oeuvre«. Zwei alte Frauen am Rand sind noch vergleichsweise naturalistisch dargestellt. Gleis verweist auf einen Käfig darüber. »Die Vögel sind eigentlich nur zwei kleine, gelbe Tupfer, im Hochziehen der Farbe modelliert er das noch.« Über die geordnete Architektur eines Weges in der Mitte geht Liebermann in der rechten Bildhälfte über ins »Chaos der Vegetation« eines Gartens, »hier tobt er sich malerisch komplett aus«. »Da hat er wirklich modelliert mit der Farbe, das ist ein dreidimensionales Kunstwerk.« Diese Technik wird Jahre später seine bekannten Arbeiten aus dem Garten am Wannsee bestimmen, wo mehr als 200 Bilder von Blumen, Beeten, Haus, See entstanden.

Für Gleis rührt Liebermanns Beliebtheit daher, »dass er als einer der ersten deutschen diesen französischen Stil des Impressionismus aufgenommen hat«. Dieser wichtige Kunststil sei heute konsensfähig. »Die Maler haben sich das damals nie erträumt«, sagt Gleis. Was einst als revolutionär galt, »ist heute der größte Wohlfühlkonsens, wenn man Kunst betrachtet«.

Entsprechend ist das Liebermann-Jubiläum vielerorts Thema. In Darmstadt und Düsseldorf war gerade ein Blick auf den europäischen Künstler zu sehen. Auf Föhr widmet sich das Museum Kunst der Westküste der Provenienzgeschichte einer Ölstudie Liebermanns. Berlin zeigt »Küste in Sicht!« in der Liebermann-Villa, am Brandenburger Tor geht es um »Liebermanns Welt«, die Alte Nationalgalerie hat mit »Mein Liebermann« eine Hommage mit sehr unterschiedlichen Sichten auf den Künstler zusammengestellt.

Den stets wach beobachtenden Liebermann würden wohl auch heutige Entwicklungen wie Antisemitismus, selbst ernannte Querdenker oder sich radikalisierende Rechtsextreme umtreiben. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 findet er klare Worte: »Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.« Der Jude Liebermann zieht sich bis zu seinem Tod 1935 ins Private zurück. Seine Frau Martha Liebermann vergiftet sich acht Jahre später selbst vor einer Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt. dpa

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Aufgegabelt

Schawuot: Käse-Bourekas

Rezepte und Leckeres

 21.05.2026

Berlin

Daniel-Ryan Spaulding: Pro-israelischer Comedian aus Kanada in Deutschland

»Wenn wir Freiheit, Demokratie und säkulare Werte verteidigen wollen, dann sollten wir alle an der Seite Israels stehen«, sagt der Künstler, der auch zum Aktivisten wurde

von Imanuel Marcus  21.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  21.05.2026

Würdigung

»Wo andere laut schweigen, lässt sie sich nicht unterkriegen«

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland würdigt in seiner Laudatio auf die Jüdische Allgemeine die Verdienste der Redaktion - und ihren Mut

von Abraham Lehrer  21.05.2026

Leipzig

Ausstellung zu jüdischem Leben und Bach

Johann Sebastian Bach hat sehr wahrscheinlich keine persönlichen Kontakte zu Jüdinnen und Juden gepflegt. Doch seine Werke wurden schon im 18. Jahrhundert von der jüdischen Community aufgeführt und verbreitet

von Katharina Rögner  20.05.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 21. Mai bis zum 3. Juni

 20.05.2026