Nahrung

Vom Drucker auf den Grill

Wenn es nach israelischen Forschern geht, sind vegane Steaks aus dem 3D-Drucker schon bald Realität

von Ralf Balke  10.01.2019 11:32 Uhr

Naturidentische Textur Foto: Getty Images / istock

Wenn es nach israelischen Forschern geht, sind vegane Steaks aus dem 3D-Drucker schon bald Realität

von Ralf Balke  10.01.2019 11:32 Uhr

Auf den ersten Blick klingt es wenig appetitlich. »Wir haben wunderbare Replikate geschaffen«, freut sich Eshchar Ben Shitrit. »Sie entsprechen weitestgehend der äußerst komplexen Matrix, aus der Fleisch besteht«, so der Geschäftsführer von Jet Eat aus dem südlich von Rischon LeZion gelegenen Städtchen Nes Ziona. »Diese setzt sich im Wesentlichen aus vier Komponenten zusammen: Muskeln, Fett, dem Protein Myoglobin und reichlich Bindegewebe.«

Sein Anfang 2018 gegründetes Unternehmen plant die Revolution des veganen Lebensmittelsegments. Und dies mit einem pflanzlichen Fleischersatz, der nicht nur irgendwie nach Steak oder Hamburger schmeckt, sondern auch in Aussehen und Textur sowie den Reaktionen auf Hitze nicht von einem Produkt aus Rindfleisch zu unterscheiden sein soll. Darüber hinaus muss man nicht mehr in den Supermarkt gehen. Wer spontan Hunger auf ein saftiges Entrecôte verspürt, aktiviert einfach seinen heimischen 3D‐Drucker. Der zaubert dann eine leckere Mahlzeit. All das klingt nach Science‐Fiction, soll aber bereits bald möglich sein. Schon 2020 will Jet Eat erste Produkte auf den Markt bringen.

ÖKOLOGIE Für Ben Shitrit, der selbst gern Fleisch gegessen hat, bevor er sich nach Alternativen umsah, ist das Essen aus dem 3D‐Drucker ein weiterer Schritt in einer zunehmend digitalisierten Welt. »Zum einen, weil Israel quasi das Geburtsland vieler Innovationen im Bereich Digitaldruck ist. Zum anderen gilt Tel Aviv heute als inoffizielle Hauptstadt der internationalen veganen Szene.« Was läge also näher, als beide Welten miteinander zu verknüpfen? »Wenn bereits Organe oder Zahnersatz aus dem 3D‐Drucker kommen, warum nicht auch digital erzeugte Lebensmittel wie ein veganes Steak?« Dabei spielen die Faktoren Wirtschaftlichkeit und Ökologie ebenfalls eine große Rolle. »Schließlich braucht man 20.000 Liter Wasser und mehr als 20 Kilo Viehfutter, um nur ein Kilo Fleisch zu produzieren. Das lässt sich ja wohl kaum effizient nennen.«

Der Fleischersatz soll nicht von echtem Rindfleisch zu unterscheiden sein.

Der Unternehmensgründer kann bereits auf reichlich Erfahrung auf dem Gebiet zurückblicken. Vor 34 Jahren in einem Kibbuz geboren, beobachtete er die beinahe zärtliche Interaktion zwischen Kühen und ihren Kälbern. »Diese Erinnerung wurde in mir wieder wach, als ich vor vier Jahren zum ersten Mal Vater wurde«, erzählt Ben Shitrit, der viele Jahre bei den Druckspezialisten Hewlett & Packard Indigo und Highcon gearbeitet hatte. »Ich wollte plötzlich kein Fleisch mehr essen.«

TECHNION Er begab sich auf die Suche nach Alternativen und tat sich mit einigen Lebensmitteltechnikern zusammen. Daraus entstand schließlich Jet Eat. Fünf Mitarbeiter zählt man bereits. Starthilfe gab es vom Technion in Haifa, das ein spezielles Förderprogramm für junge Hightech‐Unternehmen im Bereich Lebensmittel aufgelegt hatte. Und auf der diesjährigen »3D Food Printing«-Konferenz im holländischen Venlo präsentierte Ben Shitrit sogar ein viel beachtetes Food‐Printing‐Manifest, in dem er den digital erzeugten Lebensmitteln eine goldene Zukunft vorhersagt.

»Unsere Technologie kombiniert speziell entwickelte Software mit einem Drucker, der in der Lage ist, die sehr komplexen Strukturen eines Stücks Fleisch nachzubilden, das genau den Wünschen des Konsumenten entspricht«, umreißt Ben Shitrit das Jet‐Eat‐Verfahren. »Das Ziel ist aber nicht nur die reine Reproduktion eines Naturprodukts«, ergänzt er. »Auch die Fragen nach den Mengen, die möglich sind, und wie viel das Ganze am Ende kosten wird, müssen berücksichtigt werden.«

BIOPRINTING Er glaubt, dass die Qualität im Vordergrund stehen muss. Dafür wären Genießer auch bereit, etwas tiefer in die Tasche zu greifen. »Setzt sich das System durch, dürften nach einigen Jahren unsere gedruckten veganen Produkte günstiger sein als die traditionellen aus Fleisch.« Und dass Jet Eat mit seinem Konzept Erfolg haben wird, davon scheinen viele Experten überzeugt. So konnten die Israelis vor wenigen Wochen einen mit 60.000 Euro dotierten Preis auf dem Food Venture Summit in Paris abräumen.

Auch Pizza und Pasta könnten bald aus dem Drucker kommen.

Bioprinting nennt sich das von Jet Eat entwickelte Verfahren. Aber im Unterschied zu anderen israelischen Start‐ups wie Future Meat Technologies oder Aleph Farms werden die von Ben Shitrit und seinem Team entwickelten Fleischprodukte nicht aus tierischen Zellen im Reagenzglas gewonnen, die dann einfach weitergezüchtet werden. Geforscht wird auch an der Hebräischen Universität Jerusalem, wo die Wissenschaftler Oded Shoseyov und Ido Braslavsk gemeinsam mit Restaurantchefs aus Tel Aviv etwa an Pizza und Pasta aus dem 3D‐Drucker arbeiten.

Langfristig wird Retortenfleisch – ob vegan oder nicht – unsere Essgewohnheiten verändern. Das glaubt der holländische Philosoph Koert van Mensvoort. Er brachte bereits ein »Invitro‐Fleischkochbuch« heraus und stellt Spekulationen an, ob Feinschmecker bald das Fleisch von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind wie Amur‐Leopard oder Sumatra‐Elefant, auf diese Weise ordern könnten. Ob die dann koscher sind, da haben sicher die Rabbiner noch ein Wörtchen mitzureden.

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