Berlinale

Vom Außenseiter zum Starregisseur

Steven Spielberg bei der Premiere von »Die Fabelmans« in London (18. Januar 2023) Foto: IMAGO/Landmark Media

Berlinale

Vom Außenseiter zum Starregisseur

Steven Spielberg wird mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet

von Ayala Goldmann  16.02.2023 06:53 Uhr

»Die Kamera war in gewisser Hinsicht wie ein gesellschaftlicher Pass für mich«, sagte Steven Spielberg unlängst in einem Interview mit der »New York Times«. »Ich war ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler, aber ich wollte auch leidenschaftlich zu etwas gehören, wozu ich niemals eingeladen worden war, um ein Teil davon zu sein. Also waren diese kleinen Filme, die ich machte, wie eine magische Pille für mich.«

Der Jugendliche, der als Zwölfjähriger mit einer Super-8-Kamera seinen ersten Kurzfilm drehte, der Außenseiter, der in der Highschool unter antisemitischen Anfeindungen und zu Hause unter der Spannung zwischen seinen Eltern litt, der von Filmuniversitäten abgelehnt wurde und sich seinen Weg nach Hollywood hartnäckig erkämpfte, ist heute der bekannteste und kommerziell erfolgreichste Filmemacher der Welt.

OSCARS Steven Spielberg (76) wurde 19-mal für einen Academy Award nominiert, den Oscar hat er bisher dreimal gewonnen, von zahlreichen Golden Globes, Emmys und weiteren Auszeichnungen ganz zu schweigen. 1998 erhielt er in Deutschland das Große Verdienstkreuz mit Stern für die von ihm gegründete Shoah Foundation und seinen Film Schindlers Liste (1993). Der Film erzählt die Geschichte der Rettung von 1200 Juden durch den Unternehmer Oskar Schindler im besetzten Polen und war laut Spielberg »die vielleicht emotional kraftraubendste Erfahrung meiner Karriere«.

Nun kommt der Starregisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor wieder in die deutsche Hauptstadt: Bei den 73. Internationalen Filmfestspielen Berlin wird Spielberg am kommenden Dienstag der Goldene Ehrenbär für sein Lebenswerk verliehen. Am selben Abend feiert sein neuer Spielfilm Die Fabelmans, der in den USA bereits im Kino anlief, im Berlinale-Palast Deutschlandpremiere.

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Der Streifen trägt autobiografische Züge: Spielberg blickt auf seine Kindheit und seine Anfänge als Regisseur zurück. Der Film, der in sieben Kategorien für einen Academy Award nominiert ist, soll am 9. März in die deutschen Kinos kommen – drei Tage vor der Oscarverleihung.

GLIENICKER BRÜCKE Eine Win-win-Situation für den Regisseur und die Berlinale, die ihren Besuchern in einer Hommage sieben weitere Spielberg-Filme zeigt. Den Auftakt macht der Spionagethriller Bridge of Spies (Der Unterhändler) aus dem Jahr 2015 über einen Agentenaustausch im Kalten Krieg, gedreht auf der Glienicker Brücke und an weiteren Schauplätzen in Berlin.

Ein Film, in dem es auch um die (heute wieder virulente) Angst vor einem Atomkrieg geht: »In der Schule übten wir, wie man sich bei einem Atomschlag zu verhalten hatte, wir krochen unter die Tische und bedeckten uns mit einem Mantel oder einer Zeitung«, erinnerte sich Spielberg 2015 in einem Interview mit der FAZ.

Über sein Interesse an historischen Stoffen sagte er: »Ich habe meinen Kindern immer gesagt, man kann nicht weitermachen, wenn man nicht weiß, woher man kommt. Deshalb habe ich mich immer für Geschichte interessiert.« Dass die Szenen in Bridge of Spies, die während des Mauerbaus in Ost-Berlin spielen, klischeehaft verzerrt und in einigen Details historisch unzutreffend sind, tut der Spannung und der emotionalen Botschaft des Films keinen Abbruch.

Der Alien, der »nach Hause telefonieren« wollte, war ein imaginärer Vaterersatz.

Steven Spielberg habe bis zu den Fabelmans über so gut wie jedes Thema der Welt einen Film gedreht – außer über sich selbst, lautet eine jüngste Kritik an dem Regisseur. Doch in vielen seiner bekannten Filme ist eine private Handschrift zu erkennen, über die Spielberg auch gesprochen hat. Bei den Familienszenen in Bridge of Spies etwa habe er, so erzählte er in dem Interview, eigene Erfahrungen vor Augen gehabt: »Wir haben jeden Abend gemeinsam gegessen, mein Vater hatte sich nach der Arbeit nicht umgezogen, er saß im Anzug am Tisch, nur die Krawatte hatte er abgenommen, und meine Mutter trug auch ihre Perlenkette und hübsche Sachen.«

Und die Idee zu E.T. – Der Außerirdische (1982), ebenfalls Teil der Hommage, entstand bereits in den 60er-Jahren nach der Scheidung von Spielbergs Eltern – der Alien, der »nach Hause telefonieren wollte«, war ein imaginärer Vater- und Geschwisterersatz.

TANKLASTER Auch Spielbergs erster Film­erfolg Duell (1971), in dem ein Handelsvertreter unfähig ist, einen Psychokrieg in der kalifornischen Wüste zu beenden, und sich auf kurvenreichen Autobahnen von einem mysteriös-mörderischen Tanklasterfahrer brutal abdrängen lässt, ist bei der Berlinale zu sehen.

Ebenso der Kassenschlager Der Weiße Hai (1975), der als erster Blockbuster Kinogeschichte machte, die Jäger des verlorenen Schatzes (1981), aber auch München (2005) – der Action-Thriller über eine halb fiktive israelische Rache-Aktion nach dem Anschlag auf die israelischen Sportler 1972 bei den Olympischen Spielen. Und natürlich wird auch Schindlers Liste gezeigt.

Im Verlauf seiner Karriere habe Spielberg nicht nur Generationen von Zuschauern in aller Welt begeistert, sondern auch dem Kino als Traumfabrik eine neue Bedeutung verliehen, so die Berlinale-Leiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian: »Sei es die ewig magische Welt von Jugendlichen oder unsere Realität, die durch die Geschichte für immer geprägt wurde; seine Filme versetzen uns auf eine andere Ebene, auf der die Leinwand die geeignete Fläche bietet, um unsere Emotionen zu entfalten.«

Spielbergs letzter Besuch bei der Berlinale ist viele Jahre her. Nun soll er, der im Gegensatz zu manchem Stammgast immer ein Massenpublikum im Auge hatte, dem krisengeplagten Filmfestival in dessen erster Ausgabe nach Ende der Corona-Pandemie zu neuem Schwung verhelfen. Warum auch nicht?

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