Sehen!

»Voll ins Leben«

Dany Boon, Charlotte Gainsbourg und Kad Merad bei der Filmpremiere in Paris (18. April 2023) Foto: picture alliance / abaca

15 Jahre nach seinem Riesenerfolg Willkommen bei den Sch’tis bringt der französisch-jüdische Regisseur und Schauspieler Dany Boon wieder eine Komödie ins Kino – in den Hauptrollen er selbst und Kad Merad. Beide haben sich gut gehalten, was man von Boons Humor nur begrenzt behaupten kann.

Voll ins Leben heißt der Film, und Komiker Boon gibt darin einen Naivling namens Tridan Lagache, aufgewachsen in einer mexikanischen Ferienanlage des Club Med, wo seine Eltern arbeiteten. Wegen eines Kindheitstraumas bleibt Tridan auch als Erwachsener dort hängen. Erst mit 50 verlässt er Mexiko, um in Paris die Liebe seines Lebens zu suchen: Violette, eine Tochter von Touristen, die er mit acht Jahren im Club Med kennenlernte.

Praktischerweise offenbart Tridans Mutter ihrem Sohn, dass der früh verstorbene Vater in Paris eine Wohnung besaß. Unpraktischerweise ist die Wohnung bereits belegt, und zwar von Tridans Halbbruder Louis, der den Neuankömmling um sein Erbe prellen will. Zum ersten Mal in seinem Leben kauft Tridan in Paris Schuhe, in der U-Bahn hält er Reden und ruft zur Freundlichkeit auf, während alle anderen auf ihre Smartphones starren. Das ist schön, aber nicht lustig. Unterdessen heckt Louis einen Plan aus: Seine Dating-Bekanntschaft soll sich als Tridans Freundin aus Kindertagen ausgeben, damit der Halbbruder dankbar aufs Erbe verzichtet.

NOSTALGIE Voll ins Leben beginnt farbenfroh und nostalgisch, mit Rückblenden auf eine »heile« Urlaubswelt der 70er-Jahre. Doch der Film hält nicht, was er verspricht. Zwar belebt in der zweiten Hälfte Charlotte Gainsbourg als nymphomanische »Violette« die allzu konstruierte Handlung – aber zu spät. »Le Monde« nannte die Komödie »flach«, und »Le Figaro« urteilte: »Dany Boon schlüpft in seinem neuen Film in das Kostüm und die Zeilen des Einfaltspinsels. Und hält uns für Idioten.«

War Willkommen bei den Sch’tis wirklich so viel besser? Die Rezensentin erinnert sich an Lachkrämpfe im Kino und hat ihre Erfahrung bei Disney Plus überprüft – dort werden die Sch’tis gestreamt, die bis 2009 allein in Frankreich über 20 Millionen Zuschauer ins Kino zogen. Brachialhumor mit viel Herz und frei von Angst, politisch nicht »korrekt« zu sein: Die Regionalkomik über angeblich provinzielle Nordfranzosen und ihren schrägen Dialekt ist auch beim Zweitsehen ein Hit. Lieber Streaming als ein Kinoabend? Der Rest ist Schweigen.

»Voll ins Leben« läuft ab dem 14. September im Kino.

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Kino und Literatur

»Holocaust im Film« - Eine Spurensuche von 1946 bis heute

Im November kommt der Essayfilm »Holofiction« ins Kino: Regisseur Michal Kosakowski untersucht die filmische Ikonografie des Holocaust. Zur Geschichte des Holocaust-Films gibt es auch schon das gleichnamige Sachbuch

von Marcus Stiglegger  03.11.2026

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026

Plotkes

Liest Britney Spears jetzt auf Hebräisch?

Die Sängerin veröffentlichte ein Foto eines hebräischen Psalmenbuchs auf ihrem Instagramkanal. Spears interessiert sich seit Jahren für jüdische Mystik

 02.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026