Lesekultur

Volk des E-Books?

Das Tablet kann im Judentum das Bücherregal nicht ersetzen. Foto: apple / (M) Marco Limberg

Wer meint, dass »konservative« religiöse Strömungen auch konservativ sind, wenn es um die Nutzung neuer Technologien geht, irrt – jedenfalls im Judentum. Ausgerechnet ein Verlag, der primär für eine ultraorthodoxe Klientel produziert, ArtScroll in New York, ist der Vorreiter beim jüdischen E-Book und bietet zahlreiche seiner Titel in digitaler Form an, von Tora-Kommentaren bis zu rabbinischer Lebenshilfe. Der fromme elektronische Lesestoff ist über den Apple-Bookstore erhältlich.

Progressivere religiöse Strömungen sind da zögerlicher. Der Verlag der »Central Conference of American Rabbis«, einer Vereinigung US-amerikanischer Reformrabbiner, bietet derzeit nur eine kleine Auswahl von elektronischen Büchern an. Dafür gibt es von Anbietern, die bisher nicht als Verleger aktiv waren, jüdische Basistexte elektronisch.

Den Talmud etwa, durchsuchbar und transportabel; der Raschi-Kommentar ist direkt verlinkt. Auch die Tora kann man auf dem Tablet lesen. Nie war es einfacher, die Schriften zu durchsuchen und kurz etwas nachzulesen. Schwieriger wird es allerdings, die entsprechende Quelle nachhaltig zu markieren oder für einen anderen zu kopieren. Per »digitalem Rechtemanagement« sorgen die Herausgeber dafür, dass E-Tora und E-Talmud nur auf den Geräten des jeweiligen Lizenznehmers laufen können.

kosten Das ist einer der Gründe, warum trotz allem technischen Fortschritt das traditionelle Buch im Judentum nicht verschwinden wird. Den meisten Jeschiwot etwa dürfte es organisatorisch und finanziell schwerfallen, jeden einzelnen Schüler mit einem elektronischen Lesegerät auszustatten und mit lizenzpflichtigen E-Texten zu versorgen. Da ist es einfacher, wie schon seit Jahrhunderten Bände des gedruckten Talmuds aus den Regalen zu holen und nach Gebrauch zurückzustellen.

Hinzu kommt, dass es zwar einen technischen Standard für E-Bücher gibt, aber die Entwicklung alles andere als abgeschlossen ist. Elektronische Texte, die wir jetzt erworben haben, könnten schon in wenigen Jahren auf den dann aktuellen Geräten nicht mehr lesbar sein – so wie Filme, die man vor zehn Jahren auf Videokassetten aufgezeichnet hat, heute für DVD- und MP3-Player nicht zu gebrauchen sind.

Auch ästhetische und emotionale Faktoren sprechen für das Printmedium. Die Haptik eines schön gestalteten Buchs lässt sich elektronisch nicht simulieren. Und wenn der Großvater seinem Enkel die Lizenzen für bestimmte Bücher überspielt, hat das wohl weniger bindenden Charakter, als wenn die Familientora von einer Generation an die nächs-te weitergereicht wird.

schabbat Wenn man dann noch sieht, welche seiner Bücher ArtScroll nicht digitalisiert, hat man den wichtigsten Grund, warum die Juden nicht das »Volk des E-Books« werden können. Der orthodoxe Verlag wird keine digitalen Siddurim veröffentlichen, jedenfalls nicht als vollständige Gebetbücher mit einem Text für den Schabbat.

So sollen Kollisionen mit dem jüdischen Religionsgesetz vermieden werden. Denn E-Books sind am Schabbat tabu. Zum einen, weil die Verwendung von Elektrizität vergleichbar ist mit dem verbotenen Entzünden einer Flamme oder dem »Erschaffen neuer Dinge«, hebräisch »Molid« genannt. Bei den Lesegeräten kommt das Verbot des Schreibens dazu, denn die Texte werden ja auf den kleinen Bildschirmen aufgebaut, also praktisch »geschrieben«. Das gilt nicht nur für religiöse Texte, sondern auch für säkularen Lesestoff. Den neuen Philip Roth sollten Juden am Schabbat nur in der Papierversion lesen.

Dennoch: Tablets, Kindles und E-Reader werden ihren festen Platz in Synagogen, Jeschiwot und jüdischen Haushalten finden. Die Lesegeräte sind ein optimales Medium für Lesestoff von eher temporärem Charakter – Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Der New Yorker Jewish Forward etwa hat ein App und die ultraorthodoxe Zeitung HaModia eine kostenlose tägliche Onlineversion, die auch auf Mobiltelefonen abrufbar ist.

Andere Blätter werden bald folgen. (Nebenbei ist das auch umweltfreundlich, weil man so Papiermüll vermeidet.) Auch Werkzeuge zur Volltextsuche in den großen jüdischen Texten werden bald unverzichtbar sein. Doch ein Ersatz für das traditionelle gedruckte Buch können diese Innovationen nicht werden. Print wird im Judentum seinen Status behalten, vielleicht sogar noch einen höheren Stellenwert bekommen – als »bleibendes« Medium.

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