Sehen!

Verletzlichkeit und Chuzpe

Die glasklaren Widescreen-Bilder reklamieren einen künstlerischen Anspruch. Foto: pr

Gleich zu Beginn werden wir ins kalte Wasser geworfen. Da paddelt der alte Roman Silberstein (Karl Markovics), Abkömmling einer wohlhabenden jüdischen Zuckerbäckerdynastie aus Wien, singend über seinen Haussee, während der Rest des Clans vom Ufer aus zuschaut.

Schwimmen Irgendwann wird es der Frau Mama (Sabine Timoteo) zu viel. Vom Holzsteg aus stürzt sie sich ins Wasser, schwimmt zum Boot – und wird von ihrem Gatten mit wütenden Ruderhieben empfangen. Sekunden später sind auch die Söhne im Wasser, der ältere Johannes (Nikolaas von Schrader) und der zwölfjährige Paul (Valentin Haag). Johannes zieht die Mutter an Land, während Paul seinerseits vom Vater gerettet werden muss. Er kann nämlich nicht schwimmen.

Die ganze selbstzerstörerische Exzentrik der Industriellenfamilie kommt da zum Ausdruck, der Hass, der sie auseinandertreibt, aber auch der Kitt, der sie zusammenhält. Wo die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verlaufen, welche Motive jeden Einzelnen antreiben, ja: was der ganze Zirkus eigentlich soll, wird allerdings nicht so deutlich.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Es ist ein ziemlich einzigartiger Ton, den Regisseur Rupert Henning da anschlägt, eine in den späten 50ern angesiedelte Melange aus bitterer Satire, heftigem Familiendrama, fantasievoller Komödie und surrealer Rückschau, die sich auch in den folgenden Zweieinviertelstunden ihre Seltsamkeit bewahren wird.

ADAPTION Rupert Hennings Film Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein ist eine Adaption von André Hellers autobiografisch gefärbtem gleichnamigem Buch, in dem der inzwischen 72-jährige Wiener Entertainer seine Kindheit neu erfindet. Im Zentrum steht der kleine Paul, ein frühreifer, aus der Art geschlagener Individualist, der sich erst am gestrengen Patriarchat des vom Krieg gebrochenen jüdischen Vaters, dann am Diktat eines katholischen Jesuiteninternats reiben wird.

Aus dem Off führt er uns durch die Geschichte, präsentiert die Listen seiner Ängste und Wünsche, und mit der Zeit schließt man ihn mit seinem spröden Charme, vor allem aber seiner tapferen Unbeirrbarkeit mehr und mehr ins Herz.

Coming-of-Age In anderen Händen hätte der Film das Zeug zu einem kühnen Coming-of-Age-Trip à la Léolo oder Toto der Held gehabt, Hennings Skript aber fehlt der Wille zur Eigenständigkeit, seiner Inszenierung der Mut zur radikalen Stilisierung. Die glasklaren Widescreen-Bilder reklamieren zwar durchaus einen künstlerischen Anspruch (und betonen vor allem die Enge, die selbst an opulentesten Orten herrschen kann), sie bleiben jedoch eigenartig brav und kalt: sauberes Handwerk, keine Vision.

Starke Momente gibt es trotzdem. Und die verdankt der Film vor allem seinem Hauptdarsteller. Valentin Haag spielt beides – die kindliche Verletzlichkeit und die Chuzpe des jungen Revoluzzers – mit erstaunlicher Sicherheit, vor allem: mit wunderbarem Understatement. Wenn er im betörenden Finale dann richtig aufdreht, kommt plötzlich vieles auf schlüssige Weise zusammen, was zuvor wie Stückwerk wirkte.

»Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein«, seit 25. April im Kino

Archäologie

Hoffnung auf Latrinen - Grabung legt mittelalterliche Keller frei

Die Funde auf dem Areal der zweiten Jüdischen Gemeinde informieren über das Leben im mittelalterliche Erfurt. Zugleich geben sie Einblicke in die Stadtplanung des 13. Jahrhunderts

von Matthias Thüsing  28.09.2026

Sachsen-Anhalt

Der 7. Oktober und die Folgen: Podiumsdiskussion in Halle

Vor drei Jahren überfielen islamistische Terroristen Israel und rissen damit Gaza in einen bis heute andauernden Krieg. Zeitgleich nahmen weltweit antisemitische Ausschreitungen zu. Diskutanten erörtern die Ursachen

 28.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 28.09.2026

Babyn Jar

Sie alle hatten einen Namen

In der Schlucht bei Kyjiw ermordeten deutsche Täter am 29. und 30. September 1941 innerhalb von zwei Tagen rund 34.000 Jüdinnen und Juden

von Andreas Albrecht  28.09.2026

Berlin

Verschollene Golem-Filmmusik feiert Berliner Erstaufführung

Der Komponist Hans Landsberger, ein späteres Holocaust-Opfer, hatte die sinfonische Begleitmusik für den Film geschrieben. Seine Komposition gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Filmmusik

 28.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wöchentliche Papierflut oder Die kleinen verkannten Kunstwerke

von Nicole Dreyfus  27.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  27.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026