Stan Lee

Vater aller Superhelden

Stan Lee (1922–2018) Foto: Reuters

Stan Lee

Vater aller Superhelden

Zum Tod des legendären amerikanischen Autors und Herausgebers

von Jan-Paul Koopmann  15.11.2018 18:35 Uhr

Den »Großen Amerikanischen Roman« hat Stan Lee nicht mehr geschrieben. Ein Teenager-Traum war das, der ihn sein Leben lang nicht ganz losgelassen hat. Aber ob ihm dieses Buch wirklich mehr von dem Ruhm eingebracht hätte, der ihm doch immer so wichtig war? Es ist sehr unwahrscheinlich. Stan Lee hat den amerikanischen Comic wie kein Zweiter geprägt, die Popkultur auf den Kopf gestellt und zuletzt noch das Kino revolutioniert – mit Superhelden. Am Montag ist Stan Lee in Los Angeles gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.

 

Geboren wurde Lee 1922 in New York, als Sohn jüdisch-rumänischer Einwanderer. Obwohl die Familie durchaus mit antisemitischen Vorurteilen zu kämpfen hatte, ließ Lee seinen Namen Stanley Martin Lieber nicht aus Scham oder Angst verkürzen, sondern im Gegenteil, weil er ihm zu kostbar war für das schnöde Comicgeschäft. Er wollte ihn für den besagten Roman aufheben. Und dann, irgendwann, war es zu spät, weil er als Stan Lee berühmt geworden war.

menschlich Die Comics waren erst einmal nur ein Job für ihn. Lee steigt mit 17 als Assistent bei Timely Publications ein, dem Verlag seines Onkels. Bald schreibt er selbst, debütiert 1941 als Autor in einem Captain America-Heft und wird kurze Zeit später Chefredakteur. Lee wächst mit dem Verlag, der schließlich unter dem Namen Marvel Comics zum größten Konkurrenten des Marktführers D.C. Comics avanciert. Hier erscheinen Stan Lees eigene Figuren und Serien, die bis heute jeder kennt: Spider-Man, Die Fantastischen Vier, Thor, X-Men und viele mehr.

Ihre Popularität verdanken die Figuren Lees Gefühl fürs Menschliche. Anders als die Helden der ersten Superhelden-Generation ist Spider-Man ein Teenager, der neben allerlei Weltenretterei mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen hat: Lohnarbeit, Selbstzweifel und Liebeskummer. Das waren Sorgen und Nöte, mit denen sich das Zielpublikum der Nachkriegsgeneration bestens auskannte, die aber immer auch die Lebenserfahrung ihrer Schöpfer spiegelten. Dass beinahe alle erfolgreichen Superhelden von jüdischen Autoren und Zeichnern erschaffen wurden, ist in der Comicforschung heute unbestritten – und sicher kein Zufall.

Was das allerdings für die Geschichten dieser zweiten Autorengeneration bedeu­tet, ist weniger einfach zu sagen. Superman-Erfinder Joe Shuster und Jerry Siegel hatten ihrem Helden noch einen hebräischen Namen (Kal-El) gegeben und ihn schon vor dem Kriegseintritt der USA gegen Hitler kämpfen lassen.

Stereotype Bei Lee wird daraus eine eher abstrakte Außenseiter-Erfahrung, mit der sich bis heute unterschiedlichste Minderheiten identifizieren. Als sich insbesondere die X-Men-Reihe später ausdrücklich auf die Schoa bezieht – damals eine Zumutung für den elaborierten Kultur- und Erinnerungsdiskurs –, ist Lee längst nicht mehr federführend dabei.

Beschäftigt hat ihn die Frage seiner jüdischen Herkunft aber dennoch: 2007 schreibt Lee seinem Marvel-Kollegen Danny Fingeroth ein Vorwort für das Buch Disguised as Clark Kent: Jews, Comics, and the Creation of the Superhero. Kann es etwa sein, fragt Lee neugierig und distanziert, dass der gemeinsame Hintergrund all die jüdischen Autoren und Zeichner zu den Superhelden geführt hat? »Haben wir unbewusst versucht, uns mit dem Gegenteil der Stereotype zu identifizieren, die antijüdische Hasspropaganda entwickelt hat?«

Dieser Stan Lee, der da nachdenklich auf sein eigenes Werk schaut, ist eine Seltenheit. Zumindest, wo er es offenbar wirklich ernst meint. Im Scherz kokettierte Lee seit Jahren damit, entscheidende Teile seiner Schöpfung den Zeichnern überlassen zu haben.

Zeichnungen Auf unzähligen Comic-Con-Panels hat Lee erklärt, was in der Branche heute als die »Marvel-Methode« bekannt ist: Während insbesondere die Konkurrenz von D.C. ihren Zeichnern minutiös geplante Skripte auf den Tisch legte, plauderte Lee eher frei mit seinen Zeichnern, erzählte ihnen von seinen Figuren und den groben Zügen der nächsten Geschichte. Erst in diese mit großer Freiheit entwickelten Zeichnungen schrieb Lee am Ende die Dia­loge. Bei ständiger Produktivitätssteigerung wurde Lee zum Dirigenten eines immer weiter ausufernden Universums. Seine Figuren haben Superkräfte – und sind zugleich schüchtern, unsicher oder cholerisch.

Nicht alle waren glücklich damit: Zeichner wie Jack Kirby (Thor, Hulk, X-Men) und Steve Ditko (Spider-Man) überwarfen sich mit Lee, stritten öffentlich um die Urheberschaft an den gemeinsam entwickelten Figuren. Dass Stan Lee schließlich als Gewinner vom Platz ging, lag zumindest auch an seinem Charme und dem Talent eines Geschäftsmanns, der sich klein zu machen wusste, wo es Anstand und Strategie erforderten. Die Zeichnungen seien eigentlich immer das Beste gewesen, hat er einmal erzählt, er schreibe ja nur ein paar Texte hinein. Na ja, und er war eben auch wirklich witzig.

Dass Stan Lee heute weit über die Comicszene hinaus berühmt ist, verdankt er seiner zweiten Karriere: im Kino. Als die Superheldenfilme Ende der 90er-Jahre vom Kostümtrash mit Fremdschamgarantie zu aufwendig produzierten Blockbustern werden, ist Stan Lee bereits älter als 70 Jahre. Marvel wird zum Filmgiganten und kann den Segen des großen Alten gut gebrauchen. Und Lee ist mehr als bereit, öffentlich als Gesicht der Marke aufzutreten.

johlen Die regelmäßigen Cameoauftritte des Altmeisters werden zu Highlights im Marvel Cinematic Universe. Ob Iron Man, Avengers oder Guardians of the Galaxy: Die Kinosäle johlen vor Freude, wenn Stan Lee als alter Mann im Bus durchs Bild fährt – oder alle paar Filme sogar etwas sagt.

»Today, we lost a real-life superhero«, schreibt die Oscar Academy auf Twitter. Und das ist wahr: für den Comic, die Popkultur und das Kino. Auch ohne den großen amerikanischen Roman, den Lee nie schreiben sollte.

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