Bob Dylan

Unverschämt gut erfunden

Die legendäre »Rolling-Thunder«-Tour von Bob Dylan Foto: netflix

Um es vorwegzunehmen: All das, worum es hier geht, wird absolut keinen Sinn machen. Es handelt sich um einen schrillen Zirkus mit vollkommen durchgeknallten Musik‐Akrobaten, um eine moderne Commedia dell’arte, in der die Wirklichkeit als Lüge und die Lüge als Wirklichkeit etabliert werden.

»Im Leben geht es nicht darum, sich zu finden, sondern sich zu erfinden.«

chaos Den einzigen Halt im herrlichsten Chaos der Pop‐Geschichte, das der Regisseur Martin Scorsese gerade für Netflix angerichtet hat, indem er die legendäre »Rolling Thunder«-Tour von Bob Dylan und seinen Jüngern von 1975 halb dokumentarisch, halb fiktional in Szene gesetzt hat, gibt der alte Dylan selbst, wenn er ziemlich am Anfang des Films erklärt: »Im Leben geht es nicht darum, sich zu finden, sondern sich zu erfinden.« Das lässt Scorsese sich nicht zweimal sagen.

Im Journalismus würde man das, was der Regisseur da in über zwei Stunden vorlegt, in die Relotius‐Schublade stecken und die Nase rümpfen. Scorsese zeigt all das, was Dylan‐Fans sehen wollen, das aber vielleicht niemals stattgefunden hat. Er zeigt Szenen, etwa zwischen Dylan und Joan Baez, nach denen wir uns alle sehnen. Dylan enttäuscht: »Warum hast du geheiratet?« Baez angefressen: »Du hast doch vorher geheiratet, ohne mir was zu sagen.« Dylan schüchtern: »Ja, aber ich habe meine große Liebe geheiratet.« Baez herzlich: »Das stimmt.«

ERFINDUNG Scorsese erfindet kurzerhand einen Regisseur, der die Tour der Hippie‐Musiker quer durch die Provinzen der USA angeblich in Szene gesetzt haben will (Martin von Haselberg), verschneidet historisches Material mit herrlich unvollendet inszenierten Szenen, die sich so abgespielt haben können – oder eben auch nicht. Und selbst wenn er dem Ganzen mit perfekt ausgeleuchteten Star‐Interviews den Anschein der historischen Einordnung geben will, weiß man am Ende nicht, wie viel Wahrheit etwa in der Geschichte steckt, die Sharon Stone uns erzählt.

Angeblich ist sie als 19‐jähriges Mädchen mit ihrer Mutter zu einem der Konzerte der »Rolling Thunder«-Tour gegangen. Um die Mutter zu provozieren, trug sie ein »Kiss«-T-Shirt (wir sehen ein Beweisfoto), worauf Dylan sie persönlich angesprochen haben soll und die beiden sich über Make‐up unterhalten hätten. Wahrheit oder Lüge? Wieder gibt es nur einen kleinen Hinweis von Dylan selbst: »Ohne Maske singt man nicht die Wahrheit, mit Maske schon.«

UNDOKUMENTARISCH Das Großartige an diesem Film, ist, dass die Frage von wahr oder unwahr vollkommen egal wird. Klar, historische Ereignisse spielen auch eine Rolle, im Zentrum steht Dylans Song »Hurricane« für den Boxer Rubin Carter, der fälschlicherweise wegen Mordes inhaftiert war.

Aber der große Dylan‐Jünger Martin Scorsese wird schnell geahnt haben, dass sein 78‐jähriger Buddy kein Interesse an einer historischen Dokumentation – und erst recht nicht an einer musik­historischen Einordnung – haben würde. Immerhin ist Dylans Kunst die Kunst der Zwischentöne, des Unkonkreten, der Lyrik, des Assoziativen, des Statements, das keinen Halt bietet, der Behauptung, die im wogenden Meer der Buchstaben herumschwimmt, die Deutlichkeit der undeutlichen Stimme.

Irgendwann taucht Dylan dann auch auf und erklärt, dass er sich gar nicht mehr an die »Rolling Thunder Revue« erinnern kann, dass sie unwichtig war und dass sie in einer Zeit stattgefunden hat, als er noch nicht einmal geboren war. Dylan ist ein Meister der Indifferenz, und Martin Scorsese hat diese Einladung zum Märchenerzählen genialisch angenommen.

Er spielt in einem atemberaubenden Strudel mit dem Personal seines Hippie‐Märchens und würfelt Joan Baez, Joni Mitchell, Patti Smith, Ramblin’ Jack Elliott und immer wieder die Geigerin Scarlet Rivera in einer Mischung aus Roadmovie, Probe‐Peepshow und Sozialstudie durcheinander.

Dylan wollte gut aussehen und holte sich Leute, mit denen er gut aussehen konnte.

Irgendwo im Film heißt es: Dylan wollte gut aussehen und holte sich Leute, mit denen er gut aussehen konnte. Einziger wirklicher Halt ist ihre gemeinsame musikalische Leidenschaft.
Wer sich auf diesen Film einlässt, merkt schnell, dass die atemlose und schamlose Erfindungswut Scorseses, das Irisieren zwischen Wahrheit und unverschämter Lüge eine vollkommen neue Form der Wirklichkeit erzeugt. In diesem Zirkus wird die Wahrheit von der ersten Sekunde an durch eine assoziative Wahrhaftigkeit ersetzt, durch etwas, das größer und tiefer ist als das, was wirklich geschehen ist.

WAHNSINN Und vielleicht kann auch nur so der Wahnsinn der ganzen »Rolling Thunder Revue« deutlich werden: Weltstars in abgewrackten Dorfschuppen, in Tennishallen und Gemeindezentren (die Tour begann in Plymouth, Massachusetts), in einem heruntergekommenen Tourbus oder in schier surrealen Ambientes, etwa, wenn der Schriftsteller Allen Ginsberg bei einem Spieleabend in der Provinz zwischen steinalten Ladys plötzlich zu rezitieren beginnt. Man stelle sich das heute einmal vor: Lady Gaga, Ed Sheeran, Billie Eilish und Maxim Biller tauchen plötzlich in einer YMCA‐Jugendherberge auf. Aber genau das war der Geist und das Genie der »Rolling Thunder Revue«.

Was bleibt, ist, dass Scorsese uns einen Film schenkt, der wie ein großes Lagerfeuer der 70er‐Jahre daherkommt, flackert und Schatten wirft, dabei wird ein wenig Gras geraucht, ein wenig soziales Bewusstsein gestreut, ein wenig Politik gemacht, ein wenig Sex gehabt – und es wird ganz viel Musik gespielt.

Und die ist am Ende tatsächlich authentisch. Die Live‐Auftritte der Truppe sind ein ganz großes Kapitel der amerikanischen Musikgeschichte. Und dieses Kapitel erzählt Scorsese in allen Verästelungen. Man kann diesen Film als sinnlosen Zirkus missverstehen, aber selten war das Chaos mit so viel sinnlicher Wahrheit aufgefüllt wie hier.

»Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese«. Mit Bob Dylan, Patti Smith, Joni Mitchell, Sam Shepard, Sharon Stone u.a. Auf Netflix.

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