Glückwunsch

Unverdrossen

Sigmar Schollak Foto: JA

Glückwunsch

Unverdrossen

Dem großen Aphoristiker Sigmar Schollak zum 80. Geburtstag

von Günter Kunert  30.04.2010 14:33 Uhr

Was ist ein Aphorismus? »Eine pointierte und schlagkräftig formulierte geistreiche Äußerung in Prosa«, meint das Handbuch literarischer Fachbegriffe trocken und etwas nichtssagend. Mir scheint, dieser literarische Blitz aus unheiterem Himmel ist viel mehr. Er ist mit der sogenannten Spruchweisheit verschwägert und mit dem Witz verwandt, zumal mit dem jüdischen.

Man soll mit Entsetzen keinen Scherz treiben,
sagte der Folterknecht.

Nicht zufällig waren viele Aphoristiker jüdische Autoren, Karl Kraus etwa, Alfred Polgar, Felix Pollak, Kurt Tucholsky, Stanislaw Jerzy Lec, nicht zuletzt der vor einigen Jahren verstorbene Gabriel Laub. Ironischerweise könnte man sagen, wer Aphoristiker werden will (übrigens keine glänzende Karriere), benötige eine jüdische Herkunft und die damit verbundenen »historischen« und persönlichen Erfahrungen. Solche Abstammung schärft den Blick für die Gebrechen der Welt, an denen zu kranken man selbst gezwungen ist. Die Nähe zwischen Spruchweisheit und Aphorismus belegen die aus dem Jiddischen überlieferten Einsichten wie »Je länger ein Blinder lebt, desto mehr sieht er.« Das verblüffende Moment ist ein Merkmal des Aphorismus, der scheinbar Unvereinbares kombiniert und dadurch eine Wahrheit ans Tageslicht befördert, die sowohl amüsiert wie bedenklich stimmt.

Der tödlichste Feind des Kapitalismus:
das Kapital

Werden überhaupt noch Aphorismen gelesen? Zumindest ist die große Zeit des Aphorismus vorbei, vorbei die Epochen, da ein gelungenes Bonmot öffentlichen Beifall fand. Und bedeutende Autoren, von Goethe bis Nietzsche und Wilde, sich dieser einprägsamen Form bedienten. Wo gibt es in Deutschland noch Aphoristiker? Einer sitzt in Berlin: Sigmar Schollak, der die unglückliche, doch intellektschärfende Erfahrung mit dem Dritten Reich (als »Halbjude«) und der DDR als satirischer Störenfried hatte. Nun ist er achtzig geworden und kein bisschen dümmer.

Ich fürchte mich vor neuen Erkenntnissen.
Sie könnten die alten bestätigen.

Aber leider wird, wie wir sehen, die Menschheit nicht klüger, selbst wenn sie alle Schollakschen Aphorismen läse. (Seine Sammlung »Der Kuss – ein Lippenbekenntnis« ist 2007 im Donat Verlag, Bremen, erschienen. Ich habe sie illustriert.) Der Aphoristiker, man weiß es, predigt tauben Ohren: Er ist ja ein verkappter Moralist, der dem vernagelten Homo sapiens auf die Sprünge helfen will, trotz aller Enttäuschung, die ihm, dem Autor, dieses obskure Geschöpf bereitet hat. Von den Brechtschen »dunklen Zeiten« eines Schlechteren belehrt, schreibt er wider alle Vernunft immer weiter, ohne Aussicht auf Besserung des Menschengeschlechts. Ist das unvernünftig? Immerhin bleibt von seinen Arbeiten stets aufs Neue Zitierenswertes für unsere Diskurse, Diskussionen und Auseinandersetzungen übrig. So das schöne Diktum: »Wissen ist Macht – Unwissen mächtig!« Gratulation, bester Freund, bis zum Hundertsten!

Der deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel

Potsdam

Philosoph Fraenkel neuer Direktor des Potsdamer Einstein-Forums

Das Einstein-Forum in Potsdam hat mit dem Philosoph Carlos Fraenkel einen neuen Direktor. Für seine Zeit formuliert er deutliche Ziele

von Benjamin Lassiwe  07.09.2026

Berlin

»Du, lass dich nicht verhärten«: Wolf Biermanns beste Lieder

Der 1976 aus der DDR ausgebürgerte Liedermacher ist der vielleicht deutsch-deutscheste seiner Zunft. Am Freitag erscheint ein neues Album im Rückblick auf sein Werk

von Verena Schmitt-Roschmann  07.09.2026

Tel Aviv

Immer mehr Ärzte verlassen Israel – fast 1400 Mediziner gehen ins Ausland

Der sogenannte »brain drain« könnte langfristig erhebliche Folgen für das israelische Gesundheitssystem haben

 07.09.2026

New York

Art Garfunkel: »Ich bin ein Sänger«

Der legendäre Künstler spricht über Rastlosigkeit, Versöhnung und ein spätes zweites Leben auf der Bühne

 07.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  06.09.2026

Exklusiv-Interview

»Anders als Hitler ist die AfD nicht kriegslüstern«

Der Historiker und Bestsellerautor Götz Aly über die Radikalisierung des NS-Regimes, Vergleiche zwischen dem Ende der Weimarer Republik mit der heutigen Zeit und die Sinnhaftigkeit eines AfD-Verbots

von Michael Thaidigsmann  06.09.2026

Kulturkolumne

Auf Eis gelegt

Warum wir die Debatte um Frauengesundheit endlich anheizen sollten

von Laura Cazés  06.09.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Das süße Jahr oder Ein neues Kleid für Rosch Haschana

von Nicole Dreyfus  06.09.2026

Aufgegabelt

Cottage Cheese Pancakes mit Füllung

Rezepte und Leckeres

 06.09.2026