Zvi Yehezkeli

Unter Islamisten

Ein Mann, zwei Identitäten: Zvi Yehezkeli in seiner Rolle als Scheich Khaled Abu Salaam (o.) Foto: channel 10

Man könnte ihn Israels Günter Wallraff nennen. Denn Zvi Yehezkeli vom israelischen TV-Kanal 10 arbeitet auf ganz ähnliche Weise. Nur schmiert sich der Journalist, Jahrgang 1970, keine schwarze Schuhcreme ins Gesicht, um dann den Rassismus gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe anzuprangern.

Vielmehr schlüpfte er mithilfe des Mossad unter den Namen Abu Hamsa oder Scheich Khaled Abu Salaam wahlweise in die Rolle eines syrischen Flüchtlings, eines palästinensischen Journalisten oder eines jordanischen Geschäftsmannes. Mit Mikrofon und Mini-Kamera verkabelt, begab er sich dann – teils unter Lebensgefahr – auf eine Reise durch die verschiedensten islamistischen Milieus in Frankreich, Schweden und Deutschland.

bombe Das Resultat ist ein TV-Fünfteiler mit dem Titel Falsche Identität, der zurzeit nicht nur in Israel für reichlich Aufsehen sorgt. Denn was Yehezkeli in Moscheen, Koranschulen und Buchläden zu sehen und zu hören bekam, belegt nicht nur ein erschreckend hohes Maß an radikalem Gedankengut. Am Beispiel seiner Recherche in Berlin konnte er darüber hinaus auch vorführen, wie vergleichsweise einfach es ist, Behörden hierzulande zu täuschen.

Sicherheitschecks? Weit gefehlt – einzelne Beamte unterlaufen das System sogar, indem sie Tipps geben, wie die Familie auf illegalem Weg ins Land nachgeholt werden kann oder wie sich Leistungen erschleichen lassen. »In der westlichen Welt wird über diese Dinge kaum berichtet«, bringt es Yehezkeli auf den Punkt. »Das liegt wohl daran, dass man die Bedeutung dieser Vorgänge und Entwicklungen einfach noch nicht richtig begriffen hat.«

Vor allem das weit verzweigte Netzwerk der Muslimbruderschaft stellt für ihn eine Gefahr dar, weil ihre Akteure wahre Meister der Zweideutigkeiten sind. Hinter der manchmal harmlos wirkenden Fassade als Kultur- oder Sozialverein mit religiösem Touch verbirgt sich seiner Beobachtung zufolge eine straff geführte Organisation, deren eigentliche Agenda eine knallhart islamistische ist. »Ich denke, dass man ihre Ambiguität ebenso zur Kenntnis nehmen muss wie ihre Versuche, überall in Moscheen und Religionsschulen an Einfluss zu gewinnen.« Nicht ohne Grund bezeichnet er die Muslimbruderschaft deshalb als »leise Bombe«.

Nuancen Dass sich Yehezkeli bei all dem wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser bewegen kann, hat familiäre Gründe. Sein Vater stammt aus dem Irak, die Mutter wurde auf der Flucht ihrer Familie von Kurdistan nach Israel geboren. Ferner hat er Arabisch sowie die Geschichte des Nahen Ostens an der Hebräischen Universität Jerusalem studiert. Jeweils sechs Monate lebte er in Hebron und Jenin, weshalb seine Sprachkenntnisse in der Tat perfekt sind. Parallel dazu startete er seine Karriere als Journalist. Erst als Reporter, der für Israels Armeesender aus Gaza und dem Westjordanland berichtete, ab 2002 dann beim Fernsehen als Experte für arabische Angelegenheiten.

Bald schon hatte er regelmäßige Auftritte in der legendären TV-Sendung London und Kirschenbaum, wobei er »angefangen von den Fitness-Studios in Dubai über die Handy-Klingeltöne in den Moscheen von Damaskus bis hin zu Single-Frauen in Saudi-Arabien« alles in der arabischen Welt im Blick hatte und darüber berichtete.

»Ich versuche, ein anderes Bild von Arabern zu vermitteln«, sagte Yehezkeli unmittelbar nach Ausbruch des zweiten Libanonkrieges in der Zeitung Haaretz. »Normalerweise werden sie wie politische Einheiten präsentiert. Mir aber sind die Nuancen, Klänge und Farben wichtiger. Zwei Tage vor Beginn der Kampfhandlungen noch habe ich über eine in Beirut produzierte Version der Vagina-Monologe von Eve Ensler berichtet.«

Familiengeschichte Nach dem Krieg wollte Yehezkeli eine Auszeit in Indien nehmen. Doch irgendwie kam es anders als geplant. Er landete in Uman in der Ukraine, um das Grab von Rabbi Nachman von Breslow zu besuchen, wo er zu einem Schabbatessen bei einer jüdischen Familie eingeladen wurde. Seither pflegt Yehezkeli einen religiösen Lebensstil, ist mittlerweile verheiratet und hat fünf Kinder.

Und 2010 erklärte er einmal gegenüber der Autorin Rahel Shabi mit Verweis auf die eigene Familiengeschichte: »Meine Sprache ist Arabisch. Ich bin zwar Jude, aber zugleich arabisch.« Das Begriffspaar »arabischer Jude« ist für ihn eine Geisteshaltung, die viel mit Sprache, Kultur und den Geschmacksempfindungen der Region zu tun hat.

2012 hatte Yehezkeli gemeinsam mit seinem Kollegen David Deri bereits den TV-Vierteiler Allah Islam: Auf den Spuren der islamischen Eroberung Europas für Kanal 10 produziert, in dem sich jede Folge um ein Schwerpunktthema drehte. Mal war es der Trend unter Muslimen in Europa, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, mal ging es um die Rolle der Frau in den islamischen Communitys.

Rechtspopulisten Bereits damals bewegten sich beide auf einem veritablen Minenfeld. Denn ursprünglich sollte die Fernsehserie den Titel Europas Hinterhof: Zvi Yehezkeli auf den Spuren muslimischer Migranten tragen. Auch 2012 arbeitete er undercover, um besser in die islamistische Szene eintauchen zu können. Und wie vor sechs Jahren erntet Yehezkeli auch heute reichlich Kritik. Er würde Rassismus und Islamfeindlichkeit Vorschub leisten, so die Vorwürfe. Applaus erhält er dagegen oft von Rechtspopulisten.

Doch beide Seiten verstehen seine Arbeit offensichtlich nicht. Im Unterschied zu ihnen macht er sich die Mühe und geht auf die Muslime zu, redet mit ihnen und produziert alles andere als Schwarz-Weiß-Schablonen, die es dem europäischen Betrachter einfach machen. Aber vielleicht muss man ein »arabischer Jude« sein, um das zu können.

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