Frankfurt/Main

Unsichtbarkeit ist keine Option

Er klingt entschieden. »Nein, nein, niemals!«, entgegnet Michel Friedman auf die Frage, ob Unsichtbarkeit für ihn je eine Option gewesen sei. Wie sichtbar kann jüdisches Leben in einer zunehmend indifferent bis feindselig eingestellten Öffentlichkeit sein? Trägt Anpassung zum Abbau von Vorurteilen bei, oder ist sie Ausdruck einer gefährlichen Illusion? Entlang dieser Fragen sprachen, lasen und diskutierten am vergangenen Montag Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller und Philosophen im Jüdischen Museum Frankfurt.

Die Fachtagung »Jüdisches Leben in Deutschland im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Autonomie« fand im Gedenken an den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 statt. Organisiert wurde sie von der Initiative kulturelle Integration, dem Zentralrat der Juden in Deutschland, Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) und Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. In jährlicher Folge vorangegangen waren ein Fotowettbewerb, ein Thementag zur medialen Darstellung von Juden sowie ein Schreib- und Poetry-Slam-Wettbewerb zum jüdischen Leben in Deutschland.

Mirjam Wenzel: »Abwehrkampf gegen Hass und Hetze« des Jüdischen Museums

Anna Syrkina und Ron Segal, Preisträger der beiden letztgenannten Wettbewerbe, umrahmten die von Shelly Kupferberg moderierte Tagung mit dem Vortrag ihrer Werke. Zur Begrüßung betonte Gastgeberin Mirjam Wenzel, keine Stadt in Deutschland sei so entscheidend von ihrer jüdischen Bevölkerung geprägt worden wie Frankfurt am Main. Seit dem 7. Oktober 2023 befinde sich das von ihr geleitete Museum in einem »Abwehrkampf gegen Hass und Hetze«.

Dass jüdische und israelische Künstler seit dem Hamas-Massaker systematisch wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt werden, sei »die reinste Form der Diskriminierung«, unterstrich Josef Schuster.

Dass jüdische und israelische Künstler seit dem Hamas-Massaker systematisch wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt werden, sei »die reinste Form der Diskriminierung«, unterstrich Josef Schuster. Der Zentralratspräsident ging auch auf den am 7. November vom Bundestag beschlossenen Antrag »Nie wieder ist jetzt« zum Schutz jüdischen Lebens ein. »Die IHRA-Definition verhindert in keiner Weise die Kritik an der israelischen Regierung«, stellte Schuster in Bezug auf die Debatte um die dort herangezogene Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance klar.

Natan Sznaider referierte über die Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus

Die aus der jüdischen Erfahrung resultierende Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus stellte der israelische Soziologe Natan Sznaider in den Mittelpunkt seines Vortrags. Israel habe sich niemals als universales Projekt verstanden, sondern sei die partikulare Lösung eines spezifisch jüdischen Problems, so Sznaider. Der Universalismus behaupte die Gleichheit aller Menschen. Doch er habe auch eine andere Seite – »die Intoleranz gegen das Partikulare«.

Anhand eines 2019 erschienenen »Spiegel Geschichte«-Themenhefts zeigte Sznaider das Dilemma der jüdischen Sichtbarkeit auf. »Juden sehen nicht so aus«, habe man damals über die auf dem Cover abgebildeten orthodoxen, (ost-)jüdischen Männer gesagt. »Genau so sehen Juden aus«, insistiert Sznaider – und schickt sogleich die Frage hinterher, warum sichtbar erkennbare Juden als Klischeevorstellungen gälten. Die Hoffnung assimilierter Juden, durch Unsichtbarkeit vor Antisemitismus sicher zu sein, habe sich als Illusion erwiesen: »Und deswegen muss man als Gegengift wieder als Jude sichtbar werden.«

Dass Natan Sznaiders Plädoyer, wie eingangs erwähnt, in Michel Friedmans Sinne ausfiel, zeigte sich in einem Reigen kurzer, von Shelly Kupferberg moderierter Zweiergespräche. So sprach Friedman mit Timon Gremmels (SPD). Hessens Minister für Wissenschaft, Forschung, Kunst und Kultur sagte, anhand der nächsten documenta werde sich zeigen, »ob wir in Deutschland noch in der Lage sind, eine Weltausstellung auf der Höhe der Zeit hinzubekommen«. Für die Verantwortlichen sei es entscheidend, eine Haltung zu Antisemitismus zu haben und nach außen zu zeigen.

Es gebe Grenzen, wo auch ein »Code of Conduct« nicht helfe, sagte Felix Klein. Da müsse man durchgreifen – indem man etwa staatliche Fördergelder zurückfordere. Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) warnte davor, die Entscheidung über den antisemitischen Charakter von Kunstwerken an die Verwaltung zu delegieren. Eine solche Entscheidung müsse bei den politisch Verantwortlichen liegen. Hartwig mahnte zudem, die Freiheit der Kunst könne oft sehr schmerzhaft sein.

Olaf Zimmermann sprach sich für eine Selbstverpflichtung des Kulturbetriebs gegen Judenhass aus, der eine Diskussion vorangehen müsse.

Olaf Zimmermann, Sprecher der Initiative kulturelle Integration, sprach sich für eine Selbstverpflichtung des Kulturbetriebs gegen Judenhass aus, der eine Diskussion vorangehen müsse: »Wir werden den schwierigen, schmerzlichen, aufwendigen Streit führen müssen.« Dass junge Jüdinnen und Juden derzeit keinen Raum für notwendige Debatten hätten, beklagte Hanna Veiler. Seit dem 7. Oktober 2023 bleibe nur noch Selbstverteidigung, sagte die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Als »Ort einer starken jüdischen Stimme« beschrieb Doron Kiesel die künftige Jüdische Akademie

Als einen »Ort einer starken jüdischen Stimme« beschrieb Doron Kiesel die künftige Jüdische Akademie. Zugleich wies der Direktor der Bildungsabteilung im Zentralrat auf die große Pluralität innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hin. In der Akademie werde man »Begegnungen, Gespräche und auch Kontroversen« erleben können, so Kiesel. Der kürzlich mit der Goethe-Universität abgeschlossene Kooperationsvertrag werde zudem die Möglichkeit eröffnen, »im akademischen Raum präsent zu sein und Präsenz zu zeigen«.

Welche Perspektiven hat jüdisches Leben in Deutschland? Kann es in der Gesamtgesellschaft aufgehen, ohne seinen Eigensinn einzubüßen? Um solche Fragen kreiste diese hochkarätige, konzentrierte Tagung. Für Doron Kiesel war sie auch ein Vorgeschmack auf das in Laufweite zum Tagungsort entstehende Haus: »Was Sie hier erlebt haben, ist ein Einblick in die Praxis der Jüdischen Akademie.«

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