Rezension

Unschöne neue Welt

Rezension

Unschöne neue Welt

Autokraten handeln vernetzt. Das macht sie umso gefährlicher, befindet Anne Applebaum in ihrem neuen Buch

von Ralf Balke  02.12.2024 17:23 Uhr

»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«, lautete einst der Schlachtruf von Karl Marx. Doch das Gespenst des Kommunismus ist längst Geschichte. Dafür hat sich, folgt man der These von Anne Applebaum in ihrem neuen Buch, eine andere Gruppe erfolgreich zusammengetan und den Kampf gegen die freie Welt aufgenommen, und zwar die »Achse der Autokraten«. Gemeint sind damit Potentaten wie Wladimir Putin, aber auch die Mullahs in Teheran, Chinas Staatspräsident Xi Jinping und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan oder ihre Versionen im Westentaschenformat, allen voran die Potentaten von Simbabwe und Venezuela, Emmerson Mnangagwa und Nicolás Maduro.

Die Historikerin und Journalistin, 1964 in Washington als Tochter jüdischer Eltern geboren und mit dem polnischen Außenminister Radosław Sikorski verheiratet, attestiert dieser Clique nicht nur einen ausgesprochenen Hang zur maßlosen Selbstbereicherung, sondern – und das ist viel wichtiger – Ähnlichkeiten in ihren Interessen, weshalb sie auf globaler Ebene oftmals gemeinsam handeln.

Konkret bedeutet dies, dass auf den ersten Blick ideologisch wenige homogene Akteure wie der schiitische Iran, Russland mit seinen Oligarchen, das turbokapitalistische China oder das pseudosozialistische Venezuela einander mit Waffen, Investitionen oder Technologien zur totalen Kontrolle ihrer Bürger unterstützen und alles unternehmen, um den Westen zu destabilisieren. »Moderne Autokraten unterscheiden sich in vieler Hinsicht von ihren Vorbildern des 20. Jahrhunderts. Doch auch sie haben einen gemeinsamen Feind. Dieser Feind sind wir.«

In Deutschland gebe es eine nostalgische Verklärung der sozialdemokratischen Ostpolitik aus den 70er-Jahren.

Genau diese Botschaft haben viele Verantwortliche im Westen ihrer Meinung nach aber noch nicht verinnerlicht. »Der Einmarsch Russlands in die Ukraine am 24. Februar 2022 war die erste militärische Schlacht im Konflikt zwischen der Achse der Autokraten und der demokratischen Welt«, schreibt Applebaum. Die internationale Ordnung, wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennen, sei damit obsolet geworden – nun aber sei die Verwirrung groß, wie man auf diese Tatsache adäquat reagieren sollte.

Manche würden immer noch auf Konzepte von gestern setzen. Gerade in Deutschland, so betont sie, gebe es eine nostalgische Verklärung der sozialdemokratischen Ostpolitik aus den 70er-Jahren, mit der man den Herausforderungen der Gegenwart begegnen möchte. Das mache aber blind vor den ganz realen Gefahren.

Genau solche Analysen sind die Stärken ihres Buches, das ein eindrückliches Plädoyer dafür ist, die Internationale der Autokraten endlich als das wahrzunehmen, was sie sind: Global agierende Hightech-Mafiabanden, die mit Scheinfirmen, Millionen von Bots in den sozialen Medien oder – wieder wird in diesem Kontext Deutschland als ein Negativbeispiel hervorgehoben – dem »Kauf« von Politikern wie Gerhard Schröder mehr oder weniger subtil Einfluss auf die Politik nehmen und die freien Gesellschaften so von innen heraus schwächen. In diesem Zusammenhang nennt Applebaum auch den Antisemitismus, der ein Instrument der Destabilisierung sein kann.

»Man ging wie selbstverständlich davon aus, dass sich Demokratie und freiheitliches Gedankengut in einer offeneren und vernetzten Welt einfach in den autokratischen Staaten verbreiten würden. Niemand konnte sich vorstellen, dass stattdessen die Autokratie und ihr Gedankengut in die demokratische Welt vordringen könnten.« Für Applebaum kann es nur eine Strategie geben, wie man den Autokraten Grenzen setzt: Die Demokratien müssen sich gleichfalls besser vernetzen und ihr Handeln synchronisieren.

Anne Applebaum: »Die Achse der Autokraten«. Siedler, München 2024,
208 S., 26 €

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Der schöngefärbte Sozialist

So framt »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Medien

Stephan-Andreas Casdorff ist wieder für den »Tagesspiegel« tätig

Die KI-generierten Meinungstexte von Stephan-Andreas Casdorff im »Tagesspiegel« hatten in der Branche für viel Aufruhr gesorgt. Seit Juni hatte der Ex-Chefredakteur seine Tätigkeit ruhen lassen. Nun kehrt er zurück

von Jana Ballweber  03.09.2026

Literatur

Die perfekte Paranoia

»Howl« ist eine romangewordene Angstattacke, die Hoffnung macht. So etwas kann nur der britische Schriftsteller Howard Jacobson

von Sophie Albers Ben Chamo  03.09.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  03.09.2026

Jubiläum

50 Jahre Muppets: »Applaus, Applaus, Applaus!«

Am 5. September 1976, vor 50 Jahren, strahlte der britische Sender ITV die erste Folge der »Muppet Show« aus. Das geplant chaotische Format wurde ein weltweiter Erfolg

von Alexander Brüggemann  03.09.2026

Kunst

Mehr als heiße Luft

Ausgerechnet ein jüdisches Rhinozeros liefert in Sachsen-Anhalt einen prägnanten Kommentar zur Landtagswahl. Ein Treffen mit dem israelischen Künstler Itamar Gov

von Sophie Albers Ben Chamo  03.09.2026

Kino

»Die Realität, in der wir leben«

Das israelische Filmfestival »Seret« zeigt atemberaubend dramatische wie komische Filme und Dokumentationen

von Helmut Kuhn  03.09.2026