Echo-Debatte

Und jetzt?

Viele Künstler geben ihre Auzeichnung aus Protest gegen den umstrittenen Rapper Kollegah zurück. Gut so. Aber das reicht nicht

von Axel Brüggemann  23.04.2018 19:33 Uhr

Der Rapper Kollegah mit dem Echo auf der After-Show-Party Foto: dpa

Viele Künstler geben ihre Auzeichnung aus Protest gegen den umstrittenen Rapper Kollegah zurück. Gut so. Aber das reicht nicht

von Axel Brüggemann  23.04.2018 19:33 Uhr

Das wirklich Knifflige an der aktuellen Debatte um den antisemitischen Auftritt der Rapper Kollegah und Farid Bang bei der Echo‐Verleihung ist für mich nicht die Frage, ob man gegen derartige Ausfälle protestieren soll (natürlich! was denn sonst?), sondern wie man einen Protest organisieren kann, der selbst nicht populistisch, sondern nachhaltig ist.

Um dieses vorweg zu sagen: Es gab keinen einzigen Grund, dass die Phono‐Akademie einen Song auszeichnet und ihm eine Plattform gibt (ausgerechnet am Jom Haschoa), in der Zeilen wie diese vorkommen: »Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm an mit dem Molotow.« Erst recht nicht, wenn diese von einem Rapper wie Kollegah stammen, der immer wieder mit eindeutigen Zeilen wie »Mache Asche wie’n KZ‐Ofen« provoziert oder in einem Musikvideo eine postapokalyptische Welt ohne Juden herbeisehnt.

Dass Farid Bang und Kollegah mit derartigen Texten und Botschaften viele Fans erreichen, ist unerträglich; dass ein öffentliches Gremium, das so ziemlich alle Musik‐Labels in Deutschland vertritt, derartig widerwärtigen Texten nun auch noch ein öffentliches Forum verleiht, ist schlichtweg unverständlich.

Backstage Ich persönlich bin dem Echo lange verbunden. Seit Jahren schreibe ich das Echo‐Klassik‐Magazin, habe zunächst im Auftrag der Phono‐Akademie, in den letzten Jahren für die Klassik‐Zeitschrift Crescendo Backstage‐Interviews mit den Preisträgern geführt. Und, um ehrlich zu sein, mir hat all das immer großen Spaß gemacht, ich habe mich immer frei gefühlt. Und noch bevor ich all das gemacht habe, wurde die von mir konzipierte und produzierte CD‐Reihe Der Kleine Hörsaal mit dem Echo Klassik ausgezeichnet – und damals habe ich mich durchaus gefreut.

Natürlich ist es Quatsch, zu glauben, dass der Echo so etwas wie der Nobelpreis der Musik sei. Das ist auch gar nicht sein Auftrag. Der Echo wird von der Phono‐Akademie verliehen – also vom Interessenverband der Tonträgerindustrie. Das allein ist auch nicht schlimm. Gegen einen Preis, der jene feiert, die ihn verleihen, ist zunächst einmal nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Der Echo und der Echo Klassik sind auch deshalb wichtig, weil sie eine Art Branchenfest sind, weil sich hier jedes Jahr Künstler, Major‐ und Independent‐Labels treffen, gemeinsam Strategien entwickeln und sich austauschen. Und all das wird ausführlich vom Fernsehen begleitet – als Fest der Musikbranche.

Heute mag man es als Strukturfehler sehen, dass nie wirklich wichtig war, was auf der Bühne aufgeführt wurde – es ging nicht um Inhalte, sondern um die Feier an sich. Der Echo hat sich nie als Veranstaltung verstanden, in der es um Inhalte ging, sondern als ein Ort, an dem die Branche lustvoll um sich selbst kreiste. Seit jeher sieht der Echo so aus, wie die Musikindustrie sich gern sehen wollte. Und vielleicht ist es dieser Ansatz, der dieser Veranstaltung nun auf die Füße fällt. Denn in diesem Selbstbild hat schon der kleinste Hauch von Antisemitismus nichts verloren.

fragen Das wirklich Erschreckende ist ja, dass die Auszeichnung von Farid Bang und Kollegah ausgerechnet von einem Gremium verliehen wurde, das für die gesamte Plattenindustrie steht. Durch seine Wahl hat der Echo den Mitgliedern der Phonoindustrie einen Bärendienst erwiesen. Er hat die Branche an sich auf ein Terrain gestellt, auf dem wohl nur die wenigsten Künstler und Produzenten stehen wollen: rechtsaußen, im rassistischen Abseits. Natürlich verwundert es, dass keines der Mitglieder der Phono‐Akademie wirklich im Vorfeld gegen diese Entscheidung protestiert hat. Auch die Versuche der Phono‐Akademie, die eigene Entscheidung zu verteidigen, wirken bislang eher hilflos und – mit Verlaub – dumm. Zunächst versuchte man es damit, dem Ethikrat die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Später damit, dass man die künstlerische Freiheit – auch rechter Musik – als Industrieverband verteidigen müsse.

Nein, das muss man nicht. Zeilen wie »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen« können mit bestem Willen nicht als Kunst durchgehen, sondern sind und bleiben purer, blanker Antisemitismus. Mit anderen Worten: Die Phono‐Akademie hat es bis heute verpasst, sich konkret zu positionieren, einen Fehler einzugestehen und damit nicht nur das eigene Lernen zu dokumentieren, sondern auch das Vertrauen jener Künstler zurückzugewinnen, die sich dem Echo bislang durchaus verbunden gefühlt haben.

barenboim Inzwischen haben verschiedene Künstler ihren Echo aus Protest zurückgegeben: Marius Müller‐Westernhagen und Klaus Voormann etwa. Außerdem auffällig viele Klassik‐Künstler wie Daniel Barenboim, Igor Levit, Enoch zu Guttenberg oder das Notos Quartett – das erste Ensemble, das den Mut zu diesem konsequenten Schritt hatte.

Ich verstehe die Argumentation all dieser Künstler und schätze ihr Zeichen des Protestes. Gleichzeitig bleibt es am Ende aber auch eine Geste, wenn man einen Preis zurückgibt, der ohnehin im Studioregal verstaubt. Mir persönlich imponiert die Haltung eines Sängers wie Campino mehr: Er war der einzige Künstler, der noch am Abend der Aufführung auf offener Bühne seinen Protest angemeldet hat – und gleichzeitig seinen Echo entgegengenommen hat.

Campino hat gezeigt, dass die Anklage nicht die Vernichtung braucht, sondern dass eine wirkliche Debatte nur dann geführt werden kann, wenn man das Gegenüber auch als solches akzeptiert – nicht Farid Bang und Kollegah, wohl aber die Phono‐Akademie.

Umso erstaunlicher die Strategie der Phono‐Akademie, die darin zu bestehen scheint, den aktuellen Aufstand auszusitzen. Eine Strategie, die leider aufgehen könnte, da unzählige »A‐Promis« und Echo‐Preisträger noch immer schweigen. Dass Künstler, die sonst gern mit ihrer Nähe zu Klezmer, zu Musik aus Konzentrationslagern und sogenannter entarteter Musik auftreten, die als Popstars für Völkerverständigung eintreten und die Musik als Kitt einer Gesellschaft verstehen, dass diese Künstler nun schweigen, das ist für mich der wahre, latente Antisemitismus, vor dem ich mich fürchte.

zeichen Was also tun: Die verstaubte Trophäe zurückgeben, okay – aber reicht das? Schafft man Nachhaltigkeit, indem man einer Institution wie der Phono‐Akademie publikumswirksam jenen Preis vor die Füße wirft, über den man sich vor zehn Jahren noch gefreut hat? Es mag ein Anfang sein. Aber ich befürchte, es könnte auch nur ein allzu billiges Zeichen sein, das schnell vergessen ist: Echo zurückgeben. Problem abgeben. Das ist mir zu leicht.

Das Gefährliche am Judenhass ist ja nicht nur der antisemitische Song, sondern der kollektive Umgang mit ihm und mit seiner Sogwirkung. Antisemitismus in der Kunst per se als Kunst zu legitimieren – so wie die Phono‐Akademie es tut –, ist, als würde man einen realen Mord im Theater ungesühnt lassen, weil er ja auf der Bühne, also im Raum der Kunst, stattgefunden hat. Diese Argumentation ist nicht nur dumm und blöde, sondern auch feige.

Den Echo zurückzugeben, ist ein nachvollziehbarer Protest, und würde er kollektiv stattfinden, wäre er auch ein vernünftiges Mittel, um Druck auf die Akademie auszuüben. Allein, mir fehlt der Glaube, dass dieser Aktionismus langfristig von Bedeutung ist. Im Gegenteil, meine Angst ist, dass dieses Zeichen auch die Selbstgefälligkeit der Akteure fördern könnte.

fronten Der Streit um den Preis ist ein Momentum unserer Zeit, in dem wir zeigen können, wie ernst wir es wirklich mit dem Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland meinen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Zeichen nur langfristig gesetzt werden kann. Dass wir gut beraten wären, keine Fronten aufzumachen, sondern Türen aufzustoßen, um auch jene wieder in das Boot des mitmenschlichen, vernünftigen und humanistischen Handelns zu holen, die einen Fehler gemacht haben – und dazu gehört auch die Phono‐Akademie.

Es wird sich in den nächsten Tagen und Jahren entscheiden, wie ernst sie es damit meint, den aktuellen Fall als Auftakt einer Debatte zu verstehen. Es muss allerdings eine Debatte sein, die von allen Musikern, von der Phono‐Akademie und von den Labels gemeinsam, aktiv und langfristig geführt wird. Wenn das der Fall wäre, hätte die unsägliche Echo‐Verleihung 2018 am Ende vielleicht sogar einen Sinn.

Ich für mich habe beschlossen, auch weiterhin an den Möglichkeiten teilzuhaben, die eine Veranstaltung wie der Echo bietet, auch weiterhin hinter die Kulissen zu blicken – in aller Freiheit. Und die besteht gerade jetzt darin, die nächste Echo‐Veranstaltung, den Echo Klassik im Oktober, dazu zu nutzen, um über Antisemitismus in der Musik zu debattieren.

Darin, gerade auf einer Veranstaltung der Phono‐Akademie, den Künstlern eine Möglichkeit zu geben, sich zu positionieren. Nicht nur jenen, die schon jetzt protestieren, sondern auch all den anderen, von denen viele ebenfalls eine Standortbestimmung erhoffen. Gerade jetzt sollte man nicht zulassen, dass sich jemand wegduckt. Gerade jetzt ist es entscheidend, Fragen zu stellen, an das Politische und Gesellschaftliche in der Kunst, aber auch an die Strukturen von Konstrukten wie dem Echo Klassik.

Strukturen Ich bleibe bei Campino und würde selbst gern den Spagat zwischen andauernder und unmissverständlicher Kritik an jeder Form des Antisemitismus mit einer Umarmung jener verbinden, die aus Dummheit, aus mangelnder Inhaltlichkeit oder einfach aus den Strukturen des Marktes heraus eine unüberschreitbare Grenze überschritten haben. Deshalb komme ich auch im Oktober 2018 gern zum nächsten Echo Klassik – und zwar mit vielen Fragen.

Weil der Preis gerade dann ein öffentlicher Gradmesser dafür sein wird, wie frei und wie inhaltlich die Musikszene debattieren will, kann und darf.

Wenn der Echo den Kopf nicht in den Sand steckt, sondern ihn erhebt und die eigene Erfahrung und die eigenen Fehler zum Thema macht, könnte die »Echo‐Schande« mit ihrer unerträglichen, antisemitischen Aufführung wenigstens einen Sinn gehabt haben: nicht zu vergessen, sondern zu erinnern. Sowohl die eigene Geschichte als auch den immer wieder gegenwärtigen Umgang mit ihr. Vorgestern. Gestern. Und heute.

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