8. März

Unbeschreiblich weiblich

Wenn Emma McFerran am Freitagabend bei der »Night of the Jumps« in Berlin mit ihrer zwei Zentner schweren Maschine einen »Backflip«, einen Rückwärts‐Salto, springt, dann wird die 23‐jährige Australierin nicht nur die erste Frau sein, der das gelingt, sondern auch die erste, die am legendären Freestyle‐Motocross‐Wettbewerb teilgenommen hat. Am Internationalen Frauentag ist das wohl das Sahnehäubchen.

Dabei haben die Frauen, die sich 1910 für die Einführung eines solchen Tages eingesetzt hatten, weder von Backflips noch von anderen Stunts geträumt. Ihr Ziel war die Durchsetzung des Wahlrechts für Frauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Mehr als 100 Jahre später ist ein großer Schritt auf dem Weg dorthin getan.

Erlaubnis Unglaublich weit weg, ja fast irreal klingen Dinge wie: Frauen mussten ihre Männer um Erlaubnis bitten, arbeiten gehen zu dürfen (abgeschafft 1977) oder Männer durften den Arbeitsvertag ihrer Ehefrauen ohne deren Wissen kündigen (abgeschafft 1958). Auch, dass Frauen seit 1962 eigenständig ein Konto eröffnen können oder seit 33 Jahren als geschäftsfähig gelten, sind Errungenschaften der Frauenbewegung.

Alles für sich betrachtet kleine »Backflips«, die heute wohl niemand mehr infrage stellen würde. Dennoch: Die Situation von Frauen in der heutigen Zeit weltweit ist alles andere als perfekt. Das weiß man spätestens dann, wenn man über Begriffe wie Zwangsverheiratung, Gewalt oder Ünterdrückung nachdenkt. Gibt es in unserer Zeit einen Anlass, den Internationalen Frauentag zu begehen?

Wir haben fünf Frauen gefragt, wie sie über den 8. März denken.

Viola Roggenkamp, Autorin, Hamburg:
Frau Roggenkamp, gibt es einen Anlass, den 8. März zu feiern?
War der 8. März je ein Grund zum Feiern?

Wo stehen Frauen heute?
Wenn ich auf diese Generation blicke, finde ich, es gibt viele Möglichkeiten und Chancen, die Frauen wahrnehmen können. Und das tun sie auch. Die Grundlage dafür hat die Frauenbewegung des vergangenen Jahrhunderts geschaffen. Allerdings gibt es noch viel zu tun.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Ich bin für die Quote. Bei Frauen, die dagegen sind, vermute ich eine Art Selbsthass. Sie genieren sich, bevorzugt behandelt zu werden. Männer haben auch Quoten. Sie nennen es nur nicht so, und sie haben keine Schwierigkeiten damit, Privilegien für sich in Anspruch zu nehmen.

Wie stellen Sie sich die Frau von morgen vor?
Keine Ahnung.

Sharon Brauner, Sängerin, Berlin:

Frau Brauner, gibt es einen Anlass, den 8. März zu feiern?
Zumindest sollte es für Frauen immer einen Anlass zum Feiern geben. Nicht nur am 8. März. Wobei »feiern« vielleicht der falsche Begriff ist.

Wo stehen Frauen heute?
Das kann man nicht verallgemeinern. Generell habe ich nicht das Gefühl, dass es uns Frauen in Deutschland anders geht als den Männern. Aber das ist sicher von Frau zu Frau unterschiedlich.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Ich halte generell nicht viel von Quoten. Es sollte keine Rolle spielen, ob jemand weiblich oder männlich ist. Alleine die Kompetenz einer Person sollte entscheidend sein.

Wie stellen Sie sich die Frau von morgen vor?
Ich wünsche mir, dass es ihr nicht schlechter geht als heute.

Alina Treiger, Rabbinerin, Oldenburg:

Frau Treiger, gibt es einen Anlass, den 8. März zu feiern?
Auf jeden Fall sollte der Tag in Deutschland an Bedeutung gewinnen. Man sollte sich bewusst sein, was man schon erreicht hat, und den Tag zum Anlass nehmen, in einer von Männern dominierten Gesellschaft gehört zu werden.

Wo stehen Frauen heute?
Der Geschlechterkampf hat jede Menge Früchte getragen. Frauen sind unabhängig, haben sich viele Rechte erkämpft, und sie sind gleichberechtigt.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Frauen und ihre Stimme sind wichtig. Sie müssen sich einbringen können. Darauf sollte man achten.

Wie stellen Sie sich die Frau von morgen vor?
Dass sie die Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, noch besser meistert. Frauen sollten sich gegenseitig unterstützen, dann wäre ihnen sehr geholfen.

Sharon Adler, Chefredakteurin von AVIVA, Berlin:

Frau Adler, gibt es einen Anlass, den 8. März zu feiern?
Teils, teils. Wir haben schon viel erreicht. Allerdings ist Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung.

Wo stehen Frauen heute?
Auf dem Papier haben Frauen alle Möglichkeiten, Berufe zu ergreifen. Das alles aber steht und fällt mit der Organisation von Familie und Elternzeit. Ein anderes Thema ist Armut. Frauen sind besonders im Alter ärmer als Männer.

Was halten Sie von der Frauenquote?
Ich bin absolute Quotenverfechterin. Ohne sie wird sich nichts bewegen. Sie ist kein Rückschritt, sondern Fortschritt.

Wie stellen Sie sich die Frau von morgen vor?
Die Frau von morgen ist natürlich eine »Superwoman«. Eine selbstbewusste Frau, die auch mal nein sagt, die delegieren kann und delegiert. Sie soll unabhängig sein und sich in alle Debatten einbringen.

Gesa Ederberg, Rabbinerin, Berlin:

Frau Ederberg, gibt es einen Anlass, den 8. März zu feiern?
Ja, auf jeden Fall – Feiern ist immer gut. Und sich dabei an die Kämpfe und Erfolge früherer Generationen zu erinnern, ist wichtig, sonst meint jede Frauengeneration, sie müsse das Rad neu erfinden.

Wo stehen Frauen heute?
Über das komplette gesellschaftliche Spektrum verteilt, ganz oben, ganz unten und überall dazwischen. Zu häufig in einem Dilemma, angeblich zwischen Kindern und Beruf wählen zu müssen.

Was wünschen Sie sich für die Frau von morgen?
Dass es endlich keine Schlagzeilen mehr gibt, die mit »erste Frau« in einem neuen Amt oder Ähnlichem arbeiten können; dass es einfach normal wird, dass Frauen auf allen Ebenen von Beruf, Politik, Gesellschaft und Kunst tun, was sie tun möchten, gut oder schlecht; dass das Frausein nur dann ein Thema ist, wenn frau es selbst zum Thema machen möchte; und dass Frausein irgendwann kein erhöhtes Risiko mehr darstellt, Armut oder Gewalt zu erleben.

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