9. November

Umstrittene Podiumsdiskussion in Tel Aviv verschoben

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung erkannte an, dass das ursprüngliche Datum 9. November für die Diskussion ein Fehler war. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Eine ursprünglich für den 9. November geplante Veranstaltung des Goethe-Instituts in Israel und der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv wird nach Protesten verschoben. Die Podiumsdiskussion, bei der unter anderem die Publizistin Charlotte Wiedemann sprechen sollte, werde auf den 13. November verschoben, teilte das Goethe-Institut in am Nachmittag auf seiner Webseite mit. Auch der Titel werde geändert.

»Die Erinnerung an die Schoa und das Gedenken der Opfer ist dem Goethe-Institut ein großes Anliegen, dem wir uns in zahlreichen Projekten widmen. Wir bedauern, dass die Wahl des Datums einer Panel-Diskussion aktuell zu Irritationen geführt hat«, so das Statement.

DIALOG Das Goethe-Institut stehe für Verständigung und Dialog. Darum gehe es in der geplanten Diskussion, so die Institution. Die beiden zusätzlich aus Israel eingeladenen Referenten seien »anerkannte Experten auf dem Feld der Erinnerungskultur und der Versöhnungspolitik. Gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben wir sie eingeladen, um anlässlich einer aktuellen Publikation der Journalistin Charlotte Wiedemann dieses Thema differenziert zu beleuchten«. Ursprünglich sollten sich die drei Experten am Mittwoch, dem 9. November um 19 Uhr zur Frage austauschen, wie die Erfahrungen des Holocaust und die der »Nakba« der Palästinenser vergleichbar sind.

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Israels Botschafter in Berlin, Ron Prosor, hatte am Dienstagvormittag getwittert: »Am Gedenktag an die Novemberpogrome 1938 haben das @goetheinstitut und die @rosaluxstiftung beschlossen, die Erinnerung an den Holocaust zu verharmlosen. Und das ausgerechnet in Israel. Das ist inakzeptabel und respektlos!«

Mit der Verschiebung war Prosor nicht zufrieden. In einem weiteren Tweet schrieb er am Dienstagabend: »Sie haben es noch nicht verstanden @goetheinstitut. Die Verlegung der Veranstaltung ändert nichts daran, dass Sie entweder blind für den Schmerz der Überlebenden sind oder die Erinnerung an den Holocaust absichtlich relativieren. Diese Veranstaltung sollte gar nicht stattfinden.«

AUSSENMINISTERIUM Auch das israelische Außenministerium in Jerusalem äußerte in der Angelegenheit »Erschütterung und Abscheu angesichts der dreisten Trivialisierung des Holocaust und der zynischen und manipulativen Absicht, eine Verbindung herzustellen, deren ganzes Ziel die Diffamierung Israels ist«. In einer weiteren Mitteilung nach der Verschiebung der Veranstaltung schrieb das Ministerium, die Veranstaltung sei allgemein eine »Schande« und dürfe »an keinem Datum« stattfinden.

Jüdische Organisationen wie das Simon Wiesenthal Center und das American Jewish Committee hatten die Veranstaltung kritisiert und ebenfalls ihre Absage gefordert. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt schrieb auf Twitter: »Wir dürfen nicht zulassen, dass im Rahmen der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik Versuche unterstützt werden, das Gedenken an den Holocaust und die Nakba in Beziehung zu setzen.«

VORANKKÜNDIGUNG Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Volker Beck, hatte das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt angeschrieben und für eine Absage oder zumindest Verschiebung der Podiumsdiskussion plädiert. Deren Terminierung auf den 9. November nannte er eine »Relativierung der Novemberpogrome« von 1938.

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Laut Vorankündigung der ursprünglich auf 19 Uhr am Mittwoch terminierten Veranstaltung hieß es: »Fast 75 Jahre nach seiner Gründung bleibt Erinnern in Israel ein politisch umkämpftes Terrain. Jüdinnen und Juden richten den Fokus auf den Holocaust, Palästinenser:innen hingegen auf das Schicksalsjahr 1948, als Hunderttausende Opfer von Flucht und Vertreibung durch jüdische Kämpfer wurden – arabisch als Nakba (Katastrophe) bezeichnet.«

Der Berliner Historiker Jörg Gehrke kritisierte, mit einer solchen Einleitung werde ein »verkürzte Nakba-Narrativ bedient, das den arabischen Angriffskrieg (1948) auf Israel ausblendet«.

Aus dem Auswärtigen Amt war zuvor verlautet, »die Singularität des Holocausts« dürfe »zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt werden.« Das sei eine »Selbstverständlichkeit für die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und eine elementare Grundlage der Zusammenarbeit mit allen Mittlerorganisationen«.

Auch der »Freundeskreis Yad Vashem« verurteilt die geplante Veranstaltung. Der Vorsitzende des Freundeskreises, Kai Diekmann, erklärte: »Dass ausgerechnet ein deutsches Kulturinstitut eine solche Veranstaltung durchführen will, ist unerträglich und muss als Angriff auf das Gedenken und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus gewertet werden.« Der Umgang des Goethe-Instituts mit Kritik mache ebenfalls fassungslos, so Diekmann: »Statt die Veranstaltung komplett abzusagen, wird sie lediglich verschoben.«

LINKE Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen sagte Jan Korte, parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion Die Linke im Bundestag und Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung, man erkenne an, als Stiftung einen Fehler gemacht zu haben. »In der politischen Bildungsarbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung spielen der Holocaust und das Gedenken an die Opfer eine große Bedeutung. Das spiegelt sich auch in den Aktivitäten des Büros Israel wider.«

Bei der geplanten Veranstaltung gehe es, so Korte weiter, um eine Podiumsdiskussion zu deutscher Erinnerungskultur auf Grundlage des jüngst erschienenen Buches von Charlotte Wiedemann. »Sie plädiert für ein neues empathisches Erinnern, das verschiedenen Seiten gerecht wird und Solidarität statt Opferkonkurrenz fördert. Diesen Ansatz mit anerkannten Experten auf dem Feld der Erinnerungskultur und Versöhnungspolitik aus Israel kritisch und differenziert zu diskutieren ist Anliegen der gemeinsam mit dem Goethe-Institut geplanten Veranstaltung«, erklärte Korte.

»Wir versuchen eine Debatte zwischen unterschiedlichen demokratischen und emanzipatorischen Positionen zu ermöglichen, wie es den Aufgaben einer Einrichtung der Gesellschaftsanalyse und politischen Bildung entspricht. Dabei ist für uns als einer linken Einrichtung in und aus Deutschland die Befassung mit den zahlreichen NS-Massenverbrechen und dabei insbesondere dem Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden zentral. Mit der Untertitelung der Veranstaltung sollte eine Zusammenfassung der dort thematisierten Ereignisse vermittelt, keinesfalls aber deren Gleichsetzung betrieben werden. Wir erkennen diesen Fehler und bitten, ihn zu entschuldigen. Eine Relativierung der Schoa ist für die Rosa-Luxemburg-Stiftung inakzeptabel. Wir bedauern, dass dies in Verbindung mit dem Termin der Veranstaltung zu Irritationen geführt hat«, so Jan Korte. (mit dpa)

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