Tipp

Träume, Theater, Tagebuch

Kennys Fenster
Im richtigen Moment aufgeschlagen – siehst du den Mondstaub auf dem Umschlag? – , könnte Kennys Fenster von Maurice Sendak deinen Tag perfekt machen. Du hast Zeit. Alles ist ruhig. Und du glaubst an dich. In diesem Moment bist du klug genug zu wissen, dass Sätze wie »Aber hallo, Bilderbücher sind nun wirklich nichts mehr für mich!« vielleicht cool klingen, aber nicht unbedingt cool sind. Kennys Fenster gehört zu jenen Büchern, die einen verwundert zurücklassen, aber auch irgendwie inspiriert. Die Geschichte ist zauberhaft, die Bilder sind es auch (manche sagen, Maurice Sendak, der leider vor zwei Jahren in Connecticut gestorben ist, sei der bedeutendste Kinderbuchillustrator des 20. Jahrhunderts gewesen!). Kenny, ein Junge ohne Alter, sucht einen Weg zurück in seinen Traum. Dafür muss er sieben ungewöhnliche Fragen beantworten (»Darf man ein Bild auf eine Tafel malen, wenn jemand das nicht will?«). Und so wächst Kenny an seinen Aufgaben: Er findet eigenwillige Antworten mit eigenwilliger Logik.

Maurice Sendak: »Kennys Fenster«, Aladin, Hamburg 2013, 14,90 €

Fräulein Esther
Es ist überhaupt nicht schlimm, mal etwas Trauriges zu lesen. Denn auch ein trauriges Buch kann ein schönes Buch sein. Fräulein Esthers letzte Vorstellung ist so eines. Es berührt das Herz. Es ist traurig, weil es aus dem jüdischen Waisenhaus im Warschauer Ghetto berichtet, das von dem Arzt Janusz Korczak geleitet wurde. Nichts war ihm wichtiger, als jedem Kind die Freiheit zu geben, mit der es geboren wurde (und es ist ja wohl erlaubt, darüber nachzudenken, mit welchem Recht Erwachsene über Kinder bestimmen!). Während des Zweiten Weltkriegs versuchten in Korczaks Waisenhaus Kinder wie Erwachsene, dem harten Leben im Ghetto zu trotzen. Eines Tages brachte ein Fräulein Esther ein Theaterstück mit ins Haus und den Vorschlag, es mit den Kindern einzuüben. Davon erzählt das Buch. Traurig und schön. Und so sind auch seine Bilder, in die man versinkt.

Adam Jaromir, Gabriela Cichowska: »Fräulein Esthers letzte Vorstellung. Eine Geschichte aus dem Warschauer Ghetto«, Gimpel, Langenhagen 2013, 29,90 €

Tagebuch
Viele Schachteln hüten heute keine Zigarren, sondern Geheimnis- se – oder Geschichten. Und hebt ihr den Deckel, was findet ihr? Wieder Schachteln! Dieses Mal Streichholzschachteln. In jeder Schachtel ist eine Geschichte, aber nicht auf Papier geschrieben: Denn der Junge, der vor fast 100 Jahren mit seiner Familie aus dem bitterarmen Italien nach Amerika ausgewandert ist, »wo auf der Straße Geld liegt«, konnte gar nicht schreiben. Dieser Junge hat kleine Dinge in Schachteln aufbewahrt. Daraus wurde ein »Streichholzschachtel-Tagebuch«, das er fast 100 Jahre später seiner Urenkelin zeigen wird (und dir auf wunderbaren Bildern!). Der Urgroßvater verwandelt die Dinge zurück in Geschichten, sagt gar nicht viel dazu, aber das Richtige. Und das ist eine Kunst, die Paul Fleischman beherrscht. Über den Sprachschnitzer auf der letzten Seite wird er sich ärgern. Falls du ihn findest, packe ihn in eine Schachtel und beginne dein Streichholzschachtel-Tagebuch.

Paul Fleischman, Bagram Ibatoulline: »Das Streichholzschachtel-Tagebuch«. Jacoby Stuart, Berlin 2013, 14,95 €

Zwillinge
Das ist vielleicht das unverschämteste Buch, das du jemals gelesen hast. Es beginnt nämlich mit seinem »Ende«, weil sein Autor, Ellis Weiner, hofft, dass der Leser – das bist in diesem Fall du – tatsächlich meint, das Buch sei schon zu Ende. Ellis Weiner hat nämlich keine Lust zu schreiben. Er tut es dann doch, weil du auf seinen Trick nicht hereingefallen bist, und das ist unser großes Glück. Die Zwick-Zwillinge lösen ein verzwicktes Problem ist nämlich ein unglaublich witziges Buch (spannend ist es außerdem, immerhin werden die Zwillinge entführt! Dahinter steckt ein ehemaliger Student, dem der Vater der Zwillinge, ein Uniprofessor, mal die Note 6 verpasst hat, und das übrigens zu Recht). Du wirst an diesem Buch kleben, auch wenn dich der Autor mit echt unverschämten »Fragen zum Text« nervt, dir beim Lesen ständig über die Schulter schaut und überflüssige Bemerkungen macht, bis es dann wirklich zu Ende ist. Schade!!! Und noch eine schlechte Nachricht: Das Buch erscheint erst Mitte März.

Ellis Weiner, Jeremy Holmes: »Die Zwick-Zwillinge lösen ein verzwicktes Problem«, Hanser, München 2014, 12,90 €

Heinrich Heine
Heinrich Heine kennt nun wirklich jeder. Wenn nicht, dann wird es höchste Zeit. Mit »Der arme Peter« (ein Gedicht aus Heines Buch der Lieder) bietet sich eine glänzende Gelegenheit. Peter Schössow, der Illustrator des Buches, lädt ein – und zwar ins Theater. »Der arme Peter« wird gegeben. Die Sache hat nur einen Haken: Sie endet nämlich schlecht. Schlecht für den Peter. Der leidet, bis er tot ist, und das ist eigentlich nicht, was man lesen will, wenn man doch eigentlich ein fröhliches Kind sein soll. Wenn sich dann aber herausstellt, dass der Peter erschöpft, aber glücklich den Applaus für seine Vorstellung entgegennimmt, dann wird die Sache (und Heinrich Heine) interessant. Man kann das Publikum beobachten, die Kinder und Jugendlichen, wie sie sich auf den Weg ins Theater machen. Wie ein paar von ihnen hinter dem Bühneneingang verschwinden. Man blättert hin und her: Wer ist wer? Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Und dazwischen das Theater – und das alles macht Lust, mehr von Heinrich Heine zu lesen.

Heinrich Heine, Peter Schössow: »Der arme Peter«. Hanser, München 2013, 14.90 €

Die Kinderbücher hat Katrin Diehl besprochen.

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