Meinung

Tilo Jung und seine Jünger

»Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte« heißt die Internetsendung von Tilo Jung, die seit 2013 ausgestrahlt wird. Foto: dpa

Meinung

Tilo Jung und seine Jünger

Der Blogger meldet sich mit Interviews aus Israel zurück – und macht dem Titel seiner Sendung »Jung & Naiv« alle Ehre

von Jennifer Nathalie Pyka  17.09.2018 10:36 Uhr

Es gibt viele gute Gründe, nach Israel zu reisen. Die einen zieht es zu den heiligen Stätten Jerusalems oder zur Schlammkur am Toten Meer, die anderen an die Bars und Strände Tel Avivs.

Wieder andere haben dagegen eine Mission. Kultur, Nachtleben und Entspannung sind ihre Sache nicht. Sie wollen mehr, viel mehr: vornehmlich Frieden in Nahost, natürlich, mindestens jedoch den unterdrückten Palästinensern persönlich ihre Solidarität bekunden.

Nicht das Vergnügen lockt sie, sondern die sagenumwobene »Apartheid«, der einst schon Ex-Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Hebron-Besuch auf die Spur gekommen war. Einmal im Leben den Einwohnern des Judenstaates Demokratie und Menschenrechte zu erklären, das ist definitiv eine Reise wert.

model So oder so ähnlich scheint es auch Tilo Jung, Erfinder sowie Protagonist des Videoformats Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte, zu empfinden. Auch er hat sich auf Rundreise durchs Heilige Land begeben. Wobei Jung natürlich kein Tourist, sondern ein Journalist zu sein pflegt. Ein kritischer noch dazu. Schon seit einigen Jahren ist das ehemalige Model damit befasst, den Online-Journalismus zu reformieren oder wahlweise zu retten.

Eine noble Aufgabe, die ihm den Grimme-Preis einbrachte und der er unter anderem in der Bundespressekonferenz nachgeht. Wenn er dort nicht gerade Steffen Seibert zum wiederholten Mal über Asyl für Edward Snowden befragt, zaubert er aus jedem »Weiß ich nicht« eines Regierungssprechers pfiffige YouTube-Videos, die manche Menschen sogar witzig finden. Denn Jung und seine Jünger wissen: »Die da oben« sind nicht nur zwielichtige Kantonisten, sondern auch noch ganz schön unfähig.

Während herkömmliche Journalisten auf kritische Fragen und hartnäckiges Hinterfragen schwören, um Erkenntnis zu fördern, ist Tilo Jung schon einige Schritte weiter. Seine Interviewpartner bekommen keine unbequemen, sondern »naive« Fragen gestellt. Und wenn Tilo Jung gut drauf ist, müssen sie dabei nicht einmal mit Rückfragen rechnen.

Jebsen Ein schöner Erfolg für den YouTuber, ein noch schönerer Erfolg für seine Interviewpartner, zu denen neben Persönlichkeiten aus der Politik auch Geistesgrößen wie Ken Jebsen und Friedensbotschafter wie Saed Bana von der Hamas zählen. Beim Frage-Wellness mit Tilo Jung finden sie zuvörderst eine hübsche Bühne, daneben aber auch jede Menge Entspannung vor.

Doch zurück nach Israel, wo der juvenile Jung sich die letzten zwei Wochen video-interviewend des Nahostkonflikts annahm. Schon 2014 suchte er in dieser Mission das Heilige Land heim und kehrte mit wertvollen Erkenntnissen wieder zurück.

Von einem Hamas-Sprecher ließ sich Jung etwa berichten, die Terrorgruppe würde nie Gewalt anwenden, höchstens Widerstand leisten, zumal im Rahmen des internationalen Rechts, und sonst zu »Frieden und Gerechtigkeit« aufrufen. Beim Gespräch mit dem Fatah-Sprecher Husam Zomlot brachte der 32-Jährige in Erfahrung, dass die PLO im Grunde wie die SPD sei, die Hamas wiederum den Christdemokraten ähnele und die Israelis die Nazis von heute seien.

»Friedensaktivistin« Nun wollte es Tilo Jung offenbar noch genauer wissen. Eine, die ihm dahingehend sicher weiterhelfen konnte, ist Ahed Tamimi, Expertin für Hass und Gewalt, die Terrorattentate auf Juden für eine gute Sache hält und jüngst wegen eines tätlichen Angriffs auf israelisches Sicherheitspersonal eine Haftstrafe verbüßte. Grund genug für Tilo Jung, sie seinem Twitter-Publikum flugs als »Friedensaktivistin« vorzustellen.

Überhaupt scheint Tilo Jung der Frieden durchaus am Herzen zu liegen. Zumindest der Frieden nach palästinensischer Art, der mit Kleinigkeiten wie dem Existenzrecht Israels und dem Recht auf Selbstverteidigung eher weniger harmoniert. »Merke: Deutsche, hochrangige Politiker haben in Israel die Apartheid noch nicht einmal ansatzweise anzusprechen«, ließ er schon 2014 ein wenig beleidigt auf Twitter verlauten.

Und so ging Jungs kritische Pilgerfahrt dort weiter, wo sie 2014 endete. Nachdem er mit Ahed Tamimi fertig war, erkundigte er sich unter anderem bei einem PLO-Vertreter, beim UNRWA-Direktor in Gaza, bei der anti-israelischen Journalistin Amira Hass und bei Moshe Zimmermann (»Die israelische Regierung ist rechtsradikal«) nach dem Stand der israelkritischen Dinge.

perspektiven Gewöhnliche Reporter fangen verschiedene Perspektiven ein, um so der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Tilo Jung hingegen hat das glücklicherweise nicht nötig. Denn er befindet sich ja schon im Besitz der Wahrheit und muss daher nur noch Stimmen einholen, die ihm seine Sicht bestätigen.

Fürs Protokoll dürfen dann aber immerhin noch ein Siedler und Dan Schueftan (O-Ton Jung: »der Sicherheitseinflüsterer des israelischen Ministerpräsidenten« – »140 Minuten geballte Radikalität«) auftreten.

Und auch ein Besuch in Hebron ließ sich einrichten, wenngleich Tilo Jung dort offenbar nicht so freundlich wie in Gaza empfangen wurde. Da war es für ihn auf dem Felsendom schon deutlich schöner. Gelassen klärt Jung seine Follower darüber auf, dass Juden sich dort nicht aufhalten dürfen. Problematisch scheint das für ihn – wie zuvor schon die Aussagen der Hamas und der palästinensischen »Jeanne d’Arc« Ahed Tamimi – nicht zu sein.

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  25.06.2026

Essay

Licht und Schatten

Unser Autor hat vor 38 Jahren die Videoskulptur »Menora/Inventur« geschaffen. Warum sein Kunstwerk demnächst in Prag zu sehen ist – nicht aber in einer Ausstellung in Karlsruhe

von Michael Bielický  25.06.2026

Kulturkolumne

Jenseits der Schlagzeilen – mit Davidstern in der U8

Wie mein Anhänger und ich in der berüchtigten Berliner U-Bahn-Linie auf dem Weg zur Arbeit ignoriert wurden

von Ayala Goldmann  25.06.2026

Welttournee

Ein Jahr nach seinem Tod: Lalo Schifrins letztes Werk geht auf Welttournee

In Erfüllung von Schifrins letztem Wunsch bringt der Komponist und Pianist Rod Schejtman eine Welttournee auf den Weg. Auch im deutschsprachigen Raum soll die Sinfonie »Long Live Freedom« live erklingen

 25.06.2026

Zwickau

Ausstellung zu jüdischen Lebensgeschichten

Im Jahr 2022 ist in Zwickau eine alte Torarolle wiederentdeckt worden. Die Schrift der früheren jüdischen Ortsgemeinde bildet nun das Herzstück einer Ausstellung

 24.06.2026

Programm

Erinnerung, Entwurzelung, Erläuterung: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 25. Juni bis zum 2. Juli

 24.06.2026

Abschied

Musiker betrauern Clive Davis

Von Barbra Streisand über Carole King bis hin zu Billy Joel und von Earth, Wind & Fire bis Santana: Alle verabschieden sich von dem legendären Produzenten in Trauer und Dankbarkeit

von Imanuel Marcus  24.06.2026

Länger leben

Forscher drehen die biologische Uhr zurück

Israelischen Wissenschaftlern gelingt es, Alterungsprozesse in Lebern alter Mäuse umzukehren. Der Traum von der Verjüngung erscheint damit zumindest auf molekularer Ebene denkbar

von Sabine Brandes  23.06.2026

Social Media

Von Saftpäckchen und Zahlencodes

Auf der Online-Plattform TikTok versteckt sich Judenhass häufig hinter Zahlencodes, Emojis und Hashtags. Eine neue Studie untersucht die Besonderheiten des digitalen Antisemitismus

von Leon Stork  23.06.2026