Comic

Tel Aviv — Berlin

Flink ziehen sich die Bleistiftstriche von rechts nach links. Sie werden zu Haaren, die vor einem Gesicht wedeln. Es ist windig an der Tel Aviver Strandpromenade, die Palmen biegen sich, und Wolken ziehen über das Papier. Anke Feuchtenberger zeichnet einen Liebesbrief an ihre Freunde. An Itzik, an Pinkus, an Rutu, an Miri und Batia. Und ihnen allen stellt sie Fragen: »Rutu … Woher kommt der Wüstensand, wenn der Wind von Westen weht?«, »Yirmi, ist das der berühmte Bül-Bül-Vogel?« Die Berliner Comic-Künstlerin hat einen ihrer Spaziergänge durch Tel Aviv in zwölf Bildern gezeichnet. So, wie sie die Stadt kennengelernt hat und so, wie ihre Kollegen ihr die Stadt gezeigt haben.

perspektivenwechsel »Brief an die Freunde« ist einer von 16 Comics, die in Tel Aviv Berlin – Ein Reisebuch zu sehen sind. Die Idee hinter diesem ungewöhnlichen Stadtführer, der von der Stiftung Deutsch-israelisches Zukunftsforum Atid gefördert wurde: Fünf Tel Aviver Künstler zeigen drei Berlinern ihre Stadt und umgekehrt. Anschließend zeichnen die Künstler jeweils zwei Comics der beiden Städte. Unter ihnen sind Ikonen der israelischen Comic-Szene, wie Itzik Rennert, Pinkus oder Rutu Modan von der Gruppe Actus. Auch die Deutschen, die in die Mittelmeermetropole gekommen sind, haben sich in der hiesigen Comiclandschaft einen Namen gemacht. Henning Wagenbreth, Jan Feindt oder eben Anke Feuchtenberger. Für die 47 Jahre alte Berlinerin war die Reise nach Tel Aviv nicht die erste: »Hier hat sich viel verändert. Die Stadt wächst, die Häuser werden höher.« Das sei nicht immer schön. Ein Grund, warum Feuchtenberger in ihrer Sicht auf Tel Aviv eher die stillen Ecken betont. Den Hundepark oder ein Haus, das sich hinter einer großen grünen Hecke versteckt.

raketen Henning Wagenbreth, Professor an der Universität der Künste Berlin, hat seinem Tel Aviv größtenteils grüne, orange, weiße und blaue Töne verpasst – und zeigt doch ein auffallend düsteres Bild der Stadt. Kleine dunkle Flugzeuge fliegen zwischen russischen Läden und den typischen Lottoannahmestellen umher. Wagenbreth rückt die 390.000-Einwohnerstadt auch direkt an die Sperranlage zu den Palästinensergebieten und stellt neben einem Hotel ein weiteres Gebäude in den Mittelpunkt: das Haus Eretz Israel, durch dessen Fenster eine Rakete fliegt. »Die Politik ist hier allgegenwärtig«, sagt Wagenbreth nüchtern. Die Geschichte sei es sowieso, ergänzt sein israelischer Kollege Itzik Rennert. Wie in einer Collage stapelt Rennert in seinem Comic blau-orangefarbene Bilder des Brandenburger Tors, eine weiß-blaue Siegessäule, Altbauten und Hochhäuser übereinander. »In Berlin gibt es an fast jeder Ecke Geschichte, man kann ihr einfach nicht entfliehen«, sagt Rennert. Sogar die Stimme seines Großvaters, der in der Schoa ermordet wurde, ruft ihn nach Israel zurück. »Wenn Leute sagen, dass Tel Aviv und Berlin vieles gemeinsam haben, dann sage ich, nein. Zwischen ihnen liegen Welten.«

Porträts Während viele der Künstler die Historie in den Mittelpunkt rücken, wirft der Illustrator Yirmi Pinkus einen Blick in die Gegenwart. Er traf sich in Berlin unter anderem mit dem Designer Michael Michalsky in dessen Atelier. Während Michalsky etwas unsicher in den großen Räumen zwischen neuen Kollektionen umherlief, beobachtete ihn Pinkus, machte später Fotos von ihm. Eine Arbeitstechnik, auf die viele der Comic-Künstler zurückgegriffen haben. Pinkus zeichnete so sechs bunte, grelle Porträts von in Berlin lebenden Deutschen und Israelis, unter ihnen Einav Berman, eine Küchenchefin, die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff und der Schauspieler Michael Moshonov.

Während der Arbeit an diesem Stadtführer der anderen Art nahmen die Künstler auch an Workshops in Universitäten und Kunsthochschulen teil, gaben Kurse und versuchten, ein anderes Gesicht der beiden Städte kennenzulernen als das, welches in herkömmlichen Touristenführern steht. Darüber ist ein Film entstanden, der dem Comic beiliegt. Zusätzlich gibt es auch einen Audio Guide, der dem Leser mit O-Tönen der Künstler ihre Perspektive näherbringt. Damit das Berlin Tel Aviv-Gefühl so richtig vermittelt wird, ist auch ein Comic-Bus geplant, der spannende Orte in Berlin anfahren soll. Ganz sicher kommt er dann auch am Lieblingsort von Anke Feuchtenberger vorbei: dem Mont Klamott – einem Hügel im Bezirk Friedrichshain.

»Tel Aviv Berlin – Ein Reisebuch« von Rutu Modan, Jan Feindt/Shelly Duvilanski, Yirmi Pinkus, Anke Feuchtenberger, Mira Friedmann, Itzik Rennert, Batia Kolton und Henning Wagenbreth. Avant, Berlin 2010, 34 S., 29,95 €

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