Lektüre

Täubchens Nachbarn

In Israel kennt es jeder: Das Haus, ein Turm, aus dem unten das dicke Huhn, dann links Herr Kuckuck, rechts die Katze und darüber das Eichhörnchen herausschauen. »Dira LeHaskir« steht auf einem Schild: »Zimmer zu vermieten« – ganz oben scheint noch ein Stübchen frei zu sein, denn die Maus ist ausgezogen, »keiner weiß, wohin und weshalb«. Dira LeHaskir ist ein israelischer Bilderbuchklassiker aus dem Jahr 1959. Geschrieben hat ihn die große Leah Goldberg, die Illustrationen sind von Shemuel Katz.

Der Berliner Ariella Verlag bringt das Buch in diesen Tage auf Deutsch heraus. Aus dem »Wohnung zu vermieten« wurde Zimmer frei im Haus der Tiere. Die erfolgreiche Jugendbuchautorin und preisgekrönte Übersetzerin Mirjam Pressler hat es ins Deutsche übertragen. Illustriert hat es die amerikanische Künstlerin Nancy Cote. »Man hat uns in Israel natürlich genau auf die Finger gesehen, was wir da aus dem Bilderbuchklassiker machen. Dann aber waren sie von dem Ergebnis begeistert«, erzählt Verlegerin Myriam Halberstam auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse, wo sie das Buch diese Woche präsentiert.

Noch keines von Leah Goldbergs Kinderbüchern ist bisher ins Deutsche übersetzt worden. Die Schriftstellerin wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden – eine gute Gelegenheit, an sie zu erinnern, auch außerhalb Israels. Dort hat man sich dazu entschlossen, »eine der bekanntesten Autorinnen des Landes« auf dem neuen 100‐Schekel‐Schein abzubilden, der in ein paar Jahren in Umlauf sein wird.

Sprache Leah Goldberg wurde in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren. 1935 kam sie nach Palästina und schrieb sich, mit der hebräischen Sprache schon seit ihrer Kindheit vertraut, fleißig und klug in sämtliche Sparten hinein. Sie übersetzte, lehrte, beriet und schrieb Bücher für Erwachsene und Kinder. Mehr als 20 Kinderbücher sind es geworden, lyrisch im Ton, unkompliziert im Stil, mit einer klaren, doch nicht simplen Aussage.

Generationen von israelischen Kindern sind mit Goldbergs Texten groß geworden, mit ihrer literarischen Sprache, die sie bewusst gewählt hat, um sie dem kindlichen Alltagswortschatz gegenüberzustellen. Für die Kleinen hat sie gern rhythmisch und in Reimen geschrieben. In Israel hatten Gedichte für Jüngere viel früher als in Deutschland ihren festen Platz in der Kinderliteratur. 1970 ist Leah Goldberg in Jerusalem gestorben.

Reim Auch Mirjam Pressler reimt. Inhaltlich kommt es dabei kaum zu Veränderungen: Vier Tiere schauen sich die frei gewordene Wohnung an, sind mit den Räumlichkeiten ganz einverstanden, aber »die Nachbarn«, an denen haben sie etwas auszusetzen. Huhn, Eichhörnchen, Katze und Frau Kuckuck werden von den Bewerbern beleidigt, aber spürbarer Zusammenhalt und gelebte Toleranz, die bei solchen Angriffen von außen erst so richtig zum Tragen kommen, schweißen sie zusammen. Zuletzt steigt schüchtern ein Täubchen die Treppen nach oben, das die Wohnung so lala findet, aber die Nachbarn, die liebt es.

Die Geschichte regt zum Weiterreden an und hat überall dort, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, ihren Platz. Nancy Cotes Linien schwingen rhythmisch mit. Ihre Bilder in zarten, versöhnlichen Tönen ergänzen den Text mit eigener Aussage. So wurden die Tiere bei ihr zu Künstlern, zu Intellektuellen. Das Treppengeländer, das auf vielen Seiten immer wieder irgendwo auftaucht, lässt uns im Turm mit der Geschichte zusammen nach oben steigen, höher und höher im wackeligen Backsteinhaus. Das Buch ist für Kinder von drei bis sieben Jahren empfohlen. Unsere Empfehlung lautet: von drei bis 120!

Leah Goldberg: Zimmer frei im Haus der Tiere. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Illustriert von Nancy Cote. Ariella, Berlin 2011, 32 S., 14,90 €

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