NS-Zeit

Täter, Mitläufer, Zuschauer

Für die Gegner des Nationalsozialismus war die Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin der am meisten gefürchtete Ort des Deutschen Reiches. Mit den Zentralen der Geheimen Staatspolizei, der SS und des Reichssicherheitshauptamts konzentrierten sich an dieser Stelle die wichtigsten Schaltstellen Hitlerdeutschlands. Zahlreiche Opfer der NS-Diktatur wurden hier festgehalten, gefoltert und verhört. An ebendiesem Ort, unmittelbar vor den noch erhaltenen Fundamenten der einstigen Gestapo-Zentrale und längs des 180 Meter langen Mauerstreifens, zeigt das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors seit Mittwoch die Dauerausstellung »Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror«.

Tafeln und Filme Dem Besucher drängt sich beim Blick von der Böschung hinab in den Ausstellungsgraben fast unweigerlich das Gefühl auf, nicht nur zur Ausstellung hinabzusteigen, sondern auch in die Abgründe der deutschen Geschichte. Insgesamt 72 Glastafeln mit Reproduktionen von Fotografien, Plakaten, Zeitschriften und anderen Dokumenten geben hier die Geschichte Berlins im Nationalsozialismus wieder. Auf weiteren 18 quer zur Mauer gehängten schmalen Tafeln finden sich ergänzende Übersichten wie zum Beispiel eine Karte Berlins, auf der die 150 Konzentrationslager und Haftstätten eingezeichnet sind. Komplettiert - und aufgelockert - wird die Schau durch elf Medienstationen, an denen Tondokumente und kurze Filme abgerufen werden können.

Die Schau beginnt mit der Weimarer Republik und dem durch die Wirtschaftskrise im Jahr 1929 begünstigten Aufstieg der Nationalsozialisten. Fortgeschrieben wird die Ausstellung mit dem 1933 erlassenen »Ermächtigungsgesetz« sowie mit den Themenblöcken politische Verfolgung, Volksgerichtshof und Diktatur. Die Schau kulminiert in der Darstellung der »Volksgemeinschafts«-Idee und ihren Folgen für Juden, Sinti und Roma, Kommunisten sowie Homosexuelle. Es folgen Informationen zum »totalen Krieg« und zum Holocaust. Schlusspunkt bildet die Teilung der Stadt Berlin in einen Ost- und drei Westsektoren. Am Ende des Ausstellungsgrabens findet sich der Besucher, nachdem er durch mehr als sieben Jahrzehnten deutscher Geschichte gegangen ist, an der Wilhelmstraße und in der Gegenwart wieder.

Opfer Es ist eine große Stärke der Ausstellung, dass sie die Geschichte Berlins zu Zeiten des Nationalsozialismus plastisch und stets sehr nah am Menschen darstellt. Sie begeht zudem nicht den Fehler, das Augenmerk ausschließlich auf die Täter zu richten und dabei die Opfer aus dem Blick zu verlieren. Besonders eindrucksvoll sind jene Glastafeln, auf denen deutlich wird, wie verschieden sich Menschen in einer Diktatur verhalten. Während sich im Dezember 1943 etwa mehrere Laubenbesitzer über eine Sinti-Familie in ihrer Nachbarschaft bei den Behörden anzeigen, nehmen 30 Schrebergärtner diese in einem Brief an die Kriminalpolizei in Schutz. Daraufhin sieht die Behörde keine Veranlassung mehr, die Familie in ein Konzentrationslager deportieren zu lassen.

Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist die Einheit von Präsentationsinhalt und -form, die durch die Transparenz der hinter den Exponaten liegenden Kellerwandreste erzeugt wird. Es ist der Kuratorin Claudia Steur und der Architektin Ursula Wilms eindrucksvoll gelungen, die Inhalte auf den Tafeln mit den Spuren des Ortes zu verbinden.

Leerstelle »Auch 65 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft fehlt noch immer eine Gesamtdarstellung über das Berlin der NS-Zeit«, schreibt Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, in seinem Vorwort im Ausstellungskatalog. Es ist ein großes Verdienst seiner Stiftung, diese Leerstelle –zumindest in weiten Teilen – mit der Ausstellung und dem im Mai eröffneten Dokumentationszentrum zu füllen.

Wer sich die Frage stellt, wie es den Nationalsozialisten im kommunistisch und sozialdemokratisch geprägten Berlin gelang, Fuß zu fassen und die Stadt zum Mittelpunkt ihrer Macht auszubauen, dem sei die Dauerausstellung uneingeschränkt empfohlen. Sie gibt eine ausführliche Antwort auf diese simple und zugleich hochkomplexe Frage.

Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror: Topographie der Terrors, Niederkirchnerstraße 8, Berlin-Kreuzberg, Montag bis Sonntag 10-20 Uhr. Eintritt frei. Der Katalog zur Ausstellung kostet 10 €. Während der Wintermonate bleibt die Ausstellung geschlossen.

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