Coco Schumann

Swing statt Gleichschritt

»Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich war«: Coco Schumann (1924–2018) Foto: imago

Coco Schumann

Swing statt Gleichschritt

Zum Tod des Berliner Jazz-Gitarristen und Schoa-Überlebenden

von Christine Schmitt, Judith Kessler  29.01.2018 16:08 Uhr

Die erste Liebe vergisst man nicht. So war es auch bei Coco Schumann. »An meine erste Gitarre kann ich mich immer noch sehr gut erinnern«, sagte er vor zwei Jahren im Interview mit dieser Zeitung – und schwärmte minutenlang von seinem ersten Instrument, eine Wanderklampfe, die sein Cousin ihm geschenkt hatte, als er 13 Jahre alt war. Zuvor hatte er bereits leidenschaftlich gern Klavier gespielt. »Wenn ich als Kind ein Klavier sah«, so Schumann, »war ich nicht mehr zu halten – ich musste spielen.«

Zu Hause gab es ein Grammofon, auf dem Schlager und Operettenmusik erklangen. Und natürlich die Songs der amerikanischen Musikfilme – »die kannte damals jedes Kind«. Der Ur-Berliner Jazzgitarrist war »Mampe«, halb und halb, wie man in Berlin sagt – die Mutter jüdisch, der Vater nicht. Dieser konvertierte seiner Frau zuliebe zum reformierten Judentum. Sein Sohn Coco besuchte die Schule in der Joachimsthaler Straße und ging mit den Eltern in die Synagoge Pestalozzistraße.

schule Doch bei Heinz Jakob Schumann, wie Coco bürgerlich hieß, drehte sich alles ausschließlich um die Musik; die Schule interessierte ihn erst ab dem Moment, als der Musiklehrer seine Gitarre mitbrachte, um mit den Schülern Lieder zu singen. Der Lehrer wurde auch sein erster Gitarrenlehrer. Vor dem Unterricht passte der kleine Heinz ihn ab, um ihn zu bitten, einige Akkorde auf der Gitarre zu zeigen. Neben der Musik begeisterte er sich fürs Boxen und war Mitglied des jüdischen Sportvereins »Bar Kochba«.

Als Jugendlicher lernte Schumann beim Eisessen zufällig eine Gruppe Jugendlicher kennen, die ihm Swing vorspielten. Musik von Duke Ellington, Chick Webb, Horst Winter, Teddy Stauffer und Ella Fitzgerald. »Wer den Swing in sich hat«, wusste Schumann, »kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren.« Von diesem Zeitpunkt an schlich er sich nachts heimlich mit anderen Swing Kids zum Delphi-Palast, um die »Negermusik« zu hören, wie er einmal sagte. Er war Autodidakt, lernte weiterhin Gitarre auf dem Ins­trument seines Cousins und spielte bald – und nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 noch – die verbotene Musik in Bars und Klubs: Pomade im Haar, Gangsterhut, zweireihiges Sakko.

Schon bald darauf spielte Schumann seine ersten Gigs und lernte in Nachtklubs fast alles über Swing und Jazz. Bei einem Auftritt im »Groschenkeller« entdeckte der damalige »Gitarrenkönig« Hans Korseck den Schüler. Während einer Pause sprach er ihn an, ob Schumann nicht bei ihm Unterricht nehmen wolle. »Ich wäre beinahe umgefallen«, erinnerte sich der 1924 geborene Musiker.

nazis Von diesem Moment an nahm er den gelben Stern, den er als Jude tragen musste, regelmäßig ab und ging in die Fasanenstraße, um dort zu lernen. »Das war ja für mich strengstens verboten.« Doch solche Verbote störten ihn nicht. Er spielte in den Bars heimlich »undeutsche« Jazz- und Swingmusik. »Einmal kam die Gestapo zur Kontrolle«, erzählte er. »Sie müssen mich jetzt verhaften«, erklärte er ihnen. »Erstens bin ich minderjährig, zweitens Jude, und drittens spiele ich Jazz.« Allerdings glaubten die Nazis ihm kein Wort.

1943 wurde Schumann »verpfiffen«, wie er sagte, und nach Theresienstadt de­portiert, wo die Nazis für die internationale Öffentlichkeit eine Idylle inszenierten und sich zu Propagandazwecken auch ei­ne Lagerkapelle, die »Ghetto Swingers«, gönnten. Da die keinen Gitarristen brauchte, wurde Schumann der Schlagzeuger der Band. »I Got Rhythm« von Gershwin ist ihre Erkennungsmelodie. »Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich war«, sagte er einmal.

Die SS drehte ihren Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt und versprach den Mitwirkenden dafür die Freiheit. »Doch unser Lohn für den Film war die Deportation nach Auschwitz-Birkenau.« Hier musste der Musiker bei den Besäufnissen der Wachmannschaft spielen, das Tätowieren der Häftlinge und den Zug der Todgeweihten in die Gaskammern mit Musik begleiten. »Wir mussten alles draufhaben. Wer einen bestimmten Song nicht spielen konnte, kam zur Selektion.« Schumann gehörte zu den Musikern, die an der Todesrampe spielen mussten. »Die SS-Männer wollten immer ›La Paloma‹ hören«, so Schumann. Die Musik rettete ihm das Leben.

Kurz vor Kriegsende wurde Schumann nach Kaufering in ein Nebenlager von Dachau deportiert und im April 1945 auf den Todesmarsch nach Innsbruck geschickt, bis ihn die Amerikaner befreiten.

liebe Er begann sein neues Leben wieder in Berlin. Seine Eltern hatten mit seinem 18 Jahre jüngeren Bruder in einem Wald in Oberschlesien überlebt. Auf dem Ku’damm sprach ihn eine Frau an, Gertraud Goldschmidt. »Bist du nicht der Schlagzeuger von den Ghetto-Swingers?«, fragte sie ihn.

Auch sie war nach Theresienstadt deportiert worden. Sie wurde seine große Liebe, sie heirateten und obwohl er Erfolg hatte – er war einer der ersten deutschen Musiker, die eine E-Gitarre einsetzten –, ging er mit ihr für ein paar Jahre nach Australien – Berlin und die Deutschen waren ihm fremd geworden.

Nach ein paar Jahren packte Schumann das Heimweh. Nach seiner Rückkehr tingelte er in der Unterhaltungsmusikbranche – Gute-Laune-Musik mit Heinz Erhardt und Roberto Blanco. Deren Musik sagte dem Liebhaber von Jazz und Swing jedoch immer weniger zu. In den 90er-Jahren gründete er das »Coco Schumann Quartett«, mit dem er wieder »seine« Musik spielen konnte und bis vor zwei Jahren noch aktiv war.

credo Über seine Vergangenheit sprach Schumann erst sehr spät. Jahrzehntelang hat er über sein Schicksal in den Lagern geschwiegen. Mit Erscheinen seines Buches Der Ghetto-Swinger 1997 wurde seine Geschichte auch über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus bekannt. »Ich habe Angst vor der Betroffenheit gehabt. Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der auch ein bisschen Musik macht«, lautete sein Credo. Diese Unterscheidung war ihm sehr wichtig – und jeder, der Schumann einmal live gehört hat, kann bestätigen, dass sie richtiger nicht sein könnte.

Am Sonntag ist Coco Schumann, einer der besten und prägendsten deutschen Jazz-Gitarristen, im Alter von 93 Jahren in Berlin gestorben.

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