»Die amerikanischen Juden und israel«

Sündenfall Siedlungsbau

Ausgebremst: Barack Obama gelang es nicht, seine Vorstellungen von Frieden in Nahost gegen Benjamin Netanjahu durchzusetzen. Foto: ddp

Dieses Buch sollte für all jene, die sich mit dem Israel‐/Palästinakonflikt befassen, eine absolute Pflichtlektüre sein! Es ist ein Buch für hier lebende Juden, die das Schicksal von Verwandten und Glaubensgenossen in Israel umtreibt, für alle Journalisten und Politiker, die sich seit Jahren mit dem Nahostkonflikt befassen und – last but not least – für jüdische Verbandspolitiker, die sich immer wieder zu Israel äußern müssen.

abrechnung Peter Beinarts im renommierten, für seriöse historische Arbeiten bekannten C. H. Beck Verlag erschienene Studie hat in den USA für Diskussionen und Aufregung gesorgt und wird dies auch hier tun. Stellt doch seine Abhandlung nicht nur eine massive Abrechnung mit der bestens belegten völker‐ und menschenrechtswidrigen Siedlungs‐ und Außenpolitik der von Benjamin Netanjahu geführten israelischen Regierungen dar, sondern auch eine in allen Details stimmige Kritik der botmäßigen Gefolgschaftstreue, mit der die großen jüdisch‐amerikanischen Organisationen, vor allem die ehemals liberalen Gruppen Anti‐Defamation League und das American Jewish Committee, von der den Republikanern nahestehenden Lobbyorganisation AIPAC ganz zu schweigen, diese Politik unterstützen.

Wie schon im Fall von Gershom Gorenberg, dessen vor einiger Zeit erschienenes Buch Israel schafft sich ab Furore machte, lässt sich auch Beinart auf keinen Fall der Vorwurf machen, ein selbsthassender Jude oder jüdischer Antisemit zu sein. Der orthodoxe, an der City University of New York lehrende Politikwissenschaftler ist bekennender Zionist, weiß seine Quellen zu lesen und versucht eben deshalb, die amerikanischen Juden von der seiner Meinung nach zu unkritischen Unterstützung jeder israelischen Politik abzubringen.

scheitern Beinart weist penibel nach, dass Benjamin Netanjahu, Spross und Schüler seines Vaters, eines radikalen Anhängers von Wladimir Jabotinsky, einen lebensfähigen palästinensischen Staat mit allen Mitteln verhindern will, und dass Barack Obamas Nahostpolitik wesentlich von Gedanken des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Jehoschua Heschel und dessen Schülern inspiriert ist. Aus diesen gegensätzlichen Konzeptionen heraus erklärt sich dann das Scheitern des Friedensprozesses, ein Scheitern, das Beinart in einer politikwissenschaftlichen Feldstudie Schritt für Schritt, ohne je einen Beweis oder eine Quelle schuldig zu bleiben, rekonstruiert. Am Ende freilich musste auch der amerikanische Präsident zurückstecken und übernahm in öffentlichen Ansprachen die Sichtweise Netanjahus. Auf einem Ende des Siedlungsbaus bestand Obama schließlich ebenso wenig wie auf Israels Grenzen von 1967.

Beinart zitiert eine 2007 von Obama gehaltene Rede, die eine verklausulierte Bitte an die amerikanischen Juden war, ihn zu drängen, Frieden zwischen Israel und den Palästinensern zu stiften. Dieser Aussage entnimmt Beinart die Botschaft, dass nur eine entschlossene Haltung des amerikanischen Judentums wider den Siedlungsbau auch dem Präsidenten erneute Handlungsfähigkeit verleihen könnte. Beinart analysiert, dass die Herrschaft Israels über die Palästinenser des Westjordanlandes die zionistische Utopie ebenso zerstört hat, wie sie die Moral des jüdischen Volkes verdirbt.

Er zeigt zudem, dass die Zeit der etwa 60 Jahre alten Führer der großen amerikanisch‐jüdischen Organisationen mit ihrem strikten Kurs der Unterstützung Netanjahus und seiner Politik abgelaufen ist, weil sie sich den Realitäten der Gegenwart verschließen: »Je mehr«, so Beinart, »das jüdische Establishment versucht, die heutige Realität in das Bedrohungsschema von 1939 oder 1967 zu zwängen, desto mehr wenden sich die liberalen jungen Juden von Israel ab.« So unterscheiden sich die Einstellungen von 40‐ und 60‐jährigen amerikanischen Juden über die Gefährlichkeit des Antisemitismus erheblich.

demographie Gleichwohl gewinnt das modern‐orthodoxe Judentum allein aus demographischen Gründen in allen jüdischen Organisationen an Einfluss; ein Judentum, das schon aus biblizistischen Motiven (»Jakob und Esau«) gegen einen palästinensischen Staat ist. In den jüdischen Organisationen der USA werden daher in den kommenden Jahren die – wie Beinart sie nennt – Anhänger eines »antiliberalen Zionismus« an Boden gewinnen, während der Staat Israel den meisten nicht‐orthodoxen amerikanischen Juden zunehmend gleichgültiger wird. Umgekehrt wächst die im engeren Sinn religiöse Orientierung dieser Gruppe auf Kosten ihrer ethnischen Identifikation.

Mit alledem will sich Peter Beinart, der entschieden für eine Zwei‐StaatenLösung und einen Zionismus in der liberalen Tradition von Stephen Wise und Abba Hillel Silver streitet, nicht abfinden. »Ein liberal denkender Jude, dem es gleichgültig ist, ob der jüdische Staat eine Demokratie bleibt«, so Beinarts abschließendes Bekenntnis, »versündigt sich ebenso sehr gegen sein Volk wie ein Jude, dem es gleichgültig ist, ob dieser Staat überhaupt überlebt. Die progressiven engagierten Juden in den Vereinigten Staaten dürfen Israel nicht seinem Niedergang überlassen und sich damit begnügen, ihre religiösen und ethischen Ideale zu verwirklichen.«

propheten Aus dieser Perspektive heraus gelingt es Beinart, der auch unter jüngeren amerikanischen Juden Anklang findenden Kampagne, Israel durch Boykott zu delegitimieren, eine überzeugende Alternative entgegenzusetzen. Worauf es ankomme, sei, »die israelische Besatzung der Palästinensergebiete zu delegitimieren und gleichzeitig Israel selbst zu legitimieren«. Dabei geht Beinart so weit, die amerikanische Regierung aufzufordern, die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden für die Siedlungen aufzuheben und Produkte aus den besetzten Gebieten vom Freihandelsabkommen mit den USA auszunehmen.

Es ist letztlich das prophetische Erbe, das aus Beinarts Buch spricht: »Wir entstanden als Volk, um eine bestimmte Mission in der Welt zu erfüllen …« Indem Juden ihre Nachbarn als minderwertig behandeln, nur weil sie Palästinenser sind, »begehen sie Verrat an der heiligen Mission, zu der wir am Jom Kippur vom Propheten Jesaja aufgerufen werden: Wir sollen die Fesseln des Unrechts lösen, die Stricke des Jochs entfernen und die Versklavten freilassen.«

Es war der revolutionäre deutsche Dichter Georg Büchner, der den Ruf: »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« artikulierte; als Botschaft von Beinarts Buch ließe sich entsprechend formulieren: »Boykott den Siedlungen, Legitimität für das Israel von 1967!« Der Frage, ob es für eine Zwei‐Staaten‐Lösung nicht längst zu spät ist, hat sich Beinart allerdings nicht gestellt.

Peter Beinart: »Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft«. C.H. Beck, München 2013, 320 S., 24,95 €

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