Potsdam

»Sühnezeichen statt Wiederaufbau«

Am 21. März 1933 begaben sich die Mitglieder des Kabinetts zur Potsdamer Garnisonkirche, vorne Reichskanzler Adolf Hitler, rechts neben ihm Vizekanzler Franz von Papen Foto: dpa

Herr Gailus, welche Rolle hat die Garnisonkirche in der NS‐Zeit beim »Tag von Potsdam« vor genau 85 Jahren am 21. März und danach gespielt?
Eine fatale Rolle! Die Verantwortlichen in der Garnisonkirchengemeinde stellten ihr Haus als politische Bühne zur Verfügung, um die »Vermählung«, so der Originalton Hitlers, zwischen den traditionellen preußisch‐deutschen Eliten und der zur Macht gelangten NSDAP als feierlich‐symbolischen Staatsakt zu vollziehen. Die Zeremonie in der Garnisonkirche und die übrigen Aktivitäten am »Tag von Potsdam« markierten einen bedeutenden Schritt auf dem Weg in die Diktatur.

Gibt es für diesen Eindruck noch weitere Beispiele?
Soweit bislang bekannt, war die Potsdamer Garnisonkirche die einzige Kirche im »Dritten Reich«, in der Hitler eine Rede hielt. Prominente kirchliche Persönlichkeiten wie der damalige Generalsuperintendent Otto Dibelius, selbst stark beteiligt an den Zeremonien, waren als Augenzeugen tief beeindruckt vom Geschehen in der Garnisonkirche. Danach diente die Garnisonkirche nicht nur den Militärpfarrern der Potsdamer Garnison, sondern auch der NSDAP und ihren angeschlossenen Verbänden vielfach zu nationalsozialistischen Kundgebungen und Kulthandlungen wie zum Beispiel NS‐Fahnenweihen. Die christliche Militärkirche war damit zugleich zu einem Ort geworden, an dem die »politische Religion« des Nationalsozialismus in Reinkultur praktiziert wurde. Es dürfte kaum eine andere Kirche im »Dritten Reich« gegeben haben, wo diese Dinge sich so uneingeschränkt ausbreiten konnten wie in der Potsdamer Garnisonkirche.

Was bedeutet das für die Gegenwart?
Für die Gegenwart kann man aus diesen historischen Sachverhalten natürlich unterschiedliche Schlüsse ziehen. Gute historische Argumente für einen Wiederaufbau der Garnisonkirche kann ich nicht erkennen. Schon vor 1933 war die Garnisonkirche eine politische Bühne für extrem nationale und völkische Gesinnungen, für antidemokratische Bestrebungen.

Inwiefern?
Die Weimarer Republik, die erste deutsche Demokratie, wurde in und aus diesem Gotteshaus heraus entschieden bekämpft. Der einstige bedeutende Erinnerungsort als Grablege der Preußenkönige des 18. Jahrhunderts ging durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit verloren, die Aura ist fort und kann nicht künstlich wieder erzeugt werden. Angemessen wäre an dieser Stelle, nach allem, was dort geschah und von dort ausging, ein architektonisches Sühnezeichen der heutigen Kirche, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Evangelischen Kirche Berlin‐Brandenburg‐schlesische Oberlausitz. Und das müsste in jedem Fall anders aussehen als eine Kopie der alten Kirche.

Kann man die Garnisonkirche auch als Ort des Widerstands gegen Hitler sehen, weil dort Militärangehörige verkehrten, die an der Vorbereitung des Attentats vom 20. Juli 1944 beteiligt waren?
Von den Initiatoren des Wiederaufbaus wird das so gesehen. Es fehlen allerdings Belege für eine solche Zuschreibung. Bedenkt man die kirchenpolitische Rolle und die tatsächliche Praxis in der Garnisonkirche im »Dritten Reich«, so erscheint es eher als ein aktuelles Wunschbild, diese Kirche zum Ort von Widerstand gegen den NS zu deklarieren. Bis 1945 verkehrten dort Militärangehörige sehr unterschiedlicher Gesinnung, auch viele Nationalsozialisten. Sofern Potsdamer am weit gefächerten Netzwerk der Widerständler des 20. Juli 1944 partizipierten, trafen sie sich an anderen Orten in Potsdam. Der Widerstandsgeist der Verschwörer gegen Hitler passt ganz und gar nicht zum Geist, der in der Garnisonkirche seit 1933 kultiviert wurde und von dort in die Gesellschaft des »Dritten Reiches« ausstrahlte.

Geht die Stiftung für den Wiederaufbau angemessen mit der NS‐Geschichte der Garnisonkirche um?
Nein, sie geht nicht angemessen mit der Geschichte der Garnisonkirche im Nationalsozialismus um. Die Stiftung rezipiert nicht den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte der Garnisonkirche im 20. Jahrhundert. In ihren Publikationen, Vorträgen und so weiter und denen von ihr nahestehenden Personen werden mancherlei Legenden und Wunschbilder verbreitet, teils wider besseres Wissen. Und vor allem übt man sich in der Kunst der Auslassung, des absichtsvollen Weglassens.

Woran zeigt sich das?
Die Wiederaufbauer konstruieren ein sympathisches Geschichtsbild von der Garnisonkirche, denn das brauchen sie, um den Wiederaufbau zu legitimieren. Allerdings gibt die reale Geschichte der Garnisonkirche wenig für ein solches Begehren her. Seit einem Jahr liegt die historisch‐empirisch sorgfältig gearbeitete Untersuchung von Mathias Grünzig zur Garnisonkirche im 20. Jahrhundert vor. Die Potsdamer und Berliner Stiftungskreise haben zu den dort ausgebreiteten und gut belegten historischen Fakten ein Jahr lang geschwiegen.

Warum?
Offenbar haben die Forschungsresultate ihnen, so scheint es, die Sprache verschlagen. Nicht einmal eine kritische Rezension haben sie zustande gebracht. Mit anderen Worten, die historischen Fakten zur Garnisonkirchen‐Geschichte im 20. Jahrhundert liegen auf dem Tisch. Sie sind nicht günstig für eine Begründung des Wiederaufbaus. Eher verhält es sich doch so, dass die Stiftung die faktengesättigte Geschichte ihres »Objekts der Begierde« fürchtet, und dies zweifellos mit gutem Grund.

Was wären aus Ihrer Sicht die Voraussetzungen, um die Garnisonkirche ohne Vorbehalte wieder aufbauen zu können?
Ohne Vorbehalte kann man die Garnisonkirche überhaupt nicht wieder aufbauen. An die Stelle, wo sie einst stand und wo lange Zeit eine Stadtbrache war, muss etwas hinkommen. Architektonisch kann das selbstverständlich auch etwas sein, was auf die Geschichte des einstigen Erinnerungsortes Bezug nimmt. Aber das Neue muss anders aussehen als das Alte. Die historischen Entgleisungen, Irrwege und Fehlleistungen, die mit dieser Kirche vor allem im 20. Jahrhundert verbunden waren, können nicht auf diese Weise belohnt werden, dass man das alte Haus wieder hinstellt.

Sondern?
Es müssen die Probleme, die Brüche und auch das vielfache historische Versagen der einstigen Akteure, besonders im 20. Jahrhundert, in der neuen Baugestalt sofort erkennbar sein. Hier muss etwas Neues, Leichtes und Transparentes hin, nicht die architektonische Replik einer preußischen Militärkirche. Und das neue Gebilde, wie immer das später aussehen mag, sollte auf keinen Fall den martialisch‐kriegerischen Namen Garnisonkirche führen. Hierhin gehört ein kirchliches Friedenszentrum, das nicht zuletzt der historischen Aufklärung dient und in Gegenwart und Zukunft sich solchen Zielen verpflichtet weiß, also Zielen, die völlig konträr zum historisch‐politischen Geist stehen, den das alte Gebäude verkörperte. Mein Vorschlag lautet: Friedrich‐Weißler‐Friedenszentrum.

Benannt nach dem Juristen Friedrich Weißler …

Ja, Weißler war jüdischer Herkunft, arbeitete in der Bekennenden Kirche mit und wurde 1937 im KZ Sachsenhausen ermordet. Er gilt weithin als »erster Märtyrer der Bekennenden Kirche«. Mit einer solchen Namensgebung würden die Wiedererbauer ein angemessenes Zeichen für heute und morgen setzen.

Mit dem Professor im Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin sprach Yvonne Jennerjahn.

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