Jom Haazmaut

Stolz, Freude, Genugtuung

Prominente, ihre Beziehung zu Israel und die Staatsgründung vor 67 Jahren

von Philipp Peyman Engel  20.04.2015 18:46 Uhr

»Die Unabhängigkeitserklärung war der erste Schritt, um dem Kreislauf von Verfolgung und Demütigung zu entkommen«: Jom-Haazmaut-Feier in Israel Foto: Flash 90

Prominente, ihre Beziehung zu Israel und die Staatsgründung vor 67 Jahren

von Philipp Peyman Engel  20.04.2015 18:46 Uhr

Henryk M. Broder, Publizist
Israels Staatsgründung ist das einzige positive Ereignis in der neueren jüdischen Geschichte – alles andere war von Terror und Unterdrückung bestimmt. Die Unabhängigkeitserklärung war der erste Schritt, um diesem Kreislauf von Verfolgung und Demütigung zu entkommen.

Dass unser kleines Volk entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt hat und einen eigenen Staat besitzt, erfüllt mich mit Genugtuung. Wenn ich gläubig wäre, was ich nicht bin, würde ich sagen, dass wir tatsächlich das auserwählte Volk sind. Als 68er habe ich früher ganz anders gedacht. Seit einigen Jahrzehnten ist mir Israel extrem wichtig.

Lena Gorelik, Schriftstellerin
Was ich an Israel am meisten mag, werde ich oft gefragt. »Falafel«, antworte ich dann, weil ich lieber dem Klischee entspreche, Israel mit Falafel gleichzusetzen als dem, Israel lieben zu müssen, nur weil ich zufällig Jüdin bin.

Ja, ich liebe es, Falafel, israelischen Salat, Hummus wie Tahina ins Pitabrot zu stopfen. Noch großartiger als Falafel ist aber die Tatsache, dass in Israel alle sind wie ich. Und damit ist nicht das Jüdische gemeint, das ist mir egal. Aber sie sehen aus wie ich, sie verhalten sich wie ich, sie sind wie ich. Ein Freund, der vor Kurzem durch Israel reiste, schrieb als Statusmeldung bei Facebook: »Sitze gerade in einem Café und am Nebentisch eine Frau, die aussieht wie Lena. Wobei die hier alle wie Lena aussehen. Oder wie Anne Frank.«

Liegt es daran, dass in Israel dunkle Locken und grüne Augen viel verbreiteter sind als hier im Land der großen blonden Blauäugigen? Daran, dass die Israelis ein wenig tollpatschig wie ich sind und noch lauter sprechen als ich? Hier bin ich immer diejenige, die zu laut spricht, zu begeistert, zu aufgeregt, zu emotional. Die beim Sprechen auf ihre Hände ebenso angewiesen ist wie auf ihre Zunge. Das Gefühl, mal nicht die Einzige zu sein, läuft dem Falafel manchmal sogar den ersten Rang ab.

Daniel Josefsohn, Fotograf
Israel ist für mich Heimat. Freude. Vitalität. Ein Gefühl der Geborgenheit. Und auch der Genugtuung, es den Antisemiten dieser Welt gezeigt zu haben. Ich bin 1961 in Hamburg geboren worden. Meinen Eltern habe ich nie verziehen, nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. In jedes andere Land, meinetwegen. USA, Kanada oder Großbritannien, warum nicht?

Aber warum ausgerechnet Deutschland? Begegnete einem damals ein älterer Mann, war es mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit ein Alt-Nazi. Umso schöner war es für mich als Junge, in Israel in den Ferien aus dieser Welt auszubrechen. Wir haben immer in einem Moschaw Urlaub gemacht. Das war das absolute Gegenprogramm zum kalten dunklen Hamburg.

Manchmal frage ich mich, wie sich mein Leben entwickelt hätte, wenn ich Israeli wäre. Wäre ich dann der, der ich heute bin? Oder eher der, der ich sein könnte?

Susan Neiman, Philosophin
Der Schriftsteller Isaac Deutscher hat die Staatsgründung Israels einmal mit dem Schicksal eines Mannes verglichen, der aus einem Haus springt, um sein Leben zu retten, und dabei auf jemanden fällt, der mit dem Brand nichts zu tun hatte.

Niemand würde dem Mann seinen Sprung vorwerfen, doch wäre zu hoffen, dass er sich um den Passanten kümmerte. Dies ist nicht geschehen. Solange nicht jeder Einwohner Israels und jeder Einwohner Palästinas die gleichen Bürgerrechte genießt, wird es zeitweilige Ruhe, niemals aber Frieden geben.

Was mich dabei besonders ärgert: Juden, die Israel in der Öffentlichkeit kritisieren, wird oft vorgeworfen, sie wollten sich ja nur einschmeicheln, lieb Kind bei den Gojim machen. Doch schmutzige Wäsche vor Fremden zu waschen, ist nicht einfach nur peinlich, es tut auch verdammt weh – vor allem, weil man weiß, dass Israel tagtäglich von Feinden bedroht ist, die nichts als seine Auslöschung wünschen.

Daniel Kehlmann, Schriftsteller
Bis vor Kurzem war ich seltsamerweise noch nie in Israel. Das erstaunt mich, zumindest rückblickend. Denn ich reise viel und wollte das Land immer schon einmal sehen. Womöglich habe ich den Identitätskonflikt gescheut, der aus einer Israelreise entstehen würde.

Mein Vater war Jude – auch wenn er getauft wurde. Er hatte viel Glück und überlebte die Schoa. Außer Eltern und Schwester wurde seine gesamte Familie deportiert, alle sind gestorben. Entfernte Verwandte, von denen ich erst spät erfahren habe, dass es sie noch gibt, leben in Israel.

Warum also habe ich den jüdischen Staat erst so spät kennengelernt? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer werde ich: Vermutlich habe ich so lange gezögert, weil ich nicht genau weiß, wie jüdisch ich mich fühlen soll, wie nahe ich dem Land Israel überhaupt bin.

Jessica Durlacher, Schriftstellerin
Es ist salonfähig geworden, Israel an den Pranger zu stellen. Das ist unerträglich. Natürlich begeht die Regierung auch Fehler, aber ich wäre immer bereit, den jüdischen Staat zu verteidigen.

Josef Joffe, Journalist
Im Leben eines Menschen markiert der 67. Geburtstag reifes Mittelalter, den Tag, an dem seine Leistungen gefeiert werden. Im Falle Israels aber ist an ein Wunder zu erinnern: dass dieser Staat, den die Araber schon in der Wiege auslöschen wollten, überhaupt existiert. Dass er die nächsten Kriege überlebt hat. Dass er 650.000 Flüchtlinge aus der arabischen Welt aufgenommen hat – und dann eine Million aus Russland. Dass er trotz Terror eine Demokratie geblieben ist – die einzige in Nahost.

Und dass die Nachfahren der »Geldjuden« heute (pro Kopf und weltweit) die meisten Ingenieure ausbilden. Wünschen wir Israel zum 67. »viel Glück und viel Segen«. Und den Palästinensern im Vorhinein das Gleiche zum ersten Geburtstag ihres Staates, der kommen muss und kommen wird.

Adriana Altaras, Schauspielerin und Autorin
Vor Kurzem war ich seit fast zehn Jahren Pause wieder einmal in Israel, auch ein Statement. Inzwischen sind die meisten meiner nach Israel ausgewanderten Verwandten tot, und es versprach, eine heitere Reise zu werden. Ist es im Gelobten Land allgemein etwas friedlicher geworden, fragte ich mich. Entspannter? Souveräner?

So sprach ich mir Mut zu – tonlos, denn im Fond des EL-AL-Fliegers, also unmittelbar hinter mir, beteten 15 Orthodoxe für den ewigen Frieden. Ich hoffte, dass sie dazu keinen konkreten Anlass hatten. Sie schockelten hin und her, das Flugzeug schaukelte leicht. Auch ich begann zu beten, nicht so sehr für den ewigen Frieden als für eine sichere Landung. Gott erhörte mich, wir landeten wohlbehalten auf dem überhitzten, chaotischen, laut-meschuggenen Flughafen Ben Gurion.

Schon die ersten Momente auf israelischem Boden sind so intensiv wie drei Jahre Deutschland. Israel polarisiert, fordert eine Haltung heraus. Einen Hauch Israel kann es genauso wenig geben wie ein bisschen schwanger, aber wem sage ich das, ich neige selbst zu Extremen.

Tuvia Tenenbom, Autor und Theaterleiter
Ich habe Israel vor mehr als 30 Jahren verlassen. Ich wurde in eine extrem antizionistische, ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaft hineingeboren, deren Mitglieder sich Hazon-Ish’niks nennen. Vor Kurzem bin ich in meine Heimat zurückgekehrt, um darüber ein Buch zu schreiben: Allein unter Juden.

Hat sich dieses Land verändert während all der Jahre? Ja, die Israelis haben sich sehr verändert. Es gibt heute Rabbis, die eher wie bronzezeitliche Heiden die merkwürdigsten »Wunder« vollbringen. Oder nehmen wir die modern-orthodoxen Juden von heute, die eine nahezu exakte Kopie der Ultraorthodoxen meiner Jugend sind, nur ein bisschen extremer. Die Linken von heute – die nicht selten schwer reich sind – verfolgen dagegen meiner Ansicht nach nur ein Ziel: die jüdische Identität dieses Landes total zu zerstören und seine Juden zu vertreiben.

Das Einzige, das gleich geblieben ist? Die Scharen Freiwilliger aus Deutschland, die nach Israel kommen, um zu helfen, weil sie sich schuldig fühlen, was ihre Großeltern den Juden angetan hatten. Ach, Israel! Schwer tsu saijn a jiddischer Staat ...

Zusammengestellt von Philipp Peyman Engel

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020

Glosse

Der Rest der Welt

Szenen einer Ehe oder Tscholent ist besser als Frauenfußball

von Beni Frenkel  23.01.2020