Literatur

Stimme der Genauigkeit

Die Autorin Nadine Gordimer (1923–2014) Foto: picture alliance / Reuters

Im Frühjahr 2008 erhielt die Schriftstellerin Nadine Gordimer in ihrem Haus in Johannesburg eine Art offenen Erpresserbrief. Absender war ein gewisser Haidar Eid, seines Zeichens Englisch-Professor an der Al-Aqsa-Universität in Gaza. Nach einigen honigsüßen Lobesworten für die »antikolonialen« Romane der Autorin wurde diese umso harscher vor der geplanten Teilnahme an einem Literaturfestival in Israel gewarnt – andernfalls, so der Professor, könne er seine Studenten nicht mehr von der Überzeugung abhalten, dass sie auf »die Seite der Unterdrücker« gewechselt sei und damit jedes ihrer bisherigen Worte negiere.

Nadine Gordimer, geboren am 20. November 1923 im südafrikanischen Transvaal, hatte zeitlebens gegen Zumutungen, Unterstellungen, Missverständnisse und natürlich auch mit offenem Hass zu kämpfen. Dass sie es auf ihre Weise tat – in einem bis heute eminent lesbaren und umfangreichen Roman- und Erzählwerk voller Eleganz und schmerzlicher Schönheit, doch ohne pamphletartiges Eifern – ist ein großes Geschenk, das noch immer fortwirkt.

Geboren als die Tochter einer jüdischen Engländerin und eines eingewanderten Juden aus Litauen hatte sie schon früh erfahren, dass ein wirkliches Außenseitersein sich zumeist im Plural manifestiert: Als einziges, wenn auch nicht religiöses jüdisches Mädchen auf einer katholischen Konventsschule, als dort katholisch erzogene Anglophone in einem Afrikaans sprechenden burisch-calvinistischen Umfeld, als Anti-Apartheid-Weiße innerhalb einer repressiv-hartherzigen Mehrheitsgesellschaft – und nicht zuletzt als skeptische Liberale innerhalb ihres Zirkels schwarzer Freunde und Aktivisten, die sich oftmals als Marxisten verstanden.

Wo sich andere im Labyrinth der Ideologien verirrt hätten, schrieb Nadine Gordimer Literatur.

Wo sich andere im Labyrinth der Ideologien verirrt hätten, schrieb Nadine Gordimer jedoch Literatur, und zwar in einem Stil, in dem sich eine unaufdringliche Empathie und ein feiner Sinn für (Selbst-)Ironie auf das Wunderbarste begegnen – von einer ganz frühen, bereits 1951 im renommierten »New Yorker« abgedruckten Erzählung bis zu ihrem letzten großen Roman Keine Zeit wie diese, erschienen 2012, zwei Jahre vor ihrem Tod. Was hatte dieser grazilen und verletzlich wirkenden Frau, die bei Begegnungen eine immense Freundlichkeit ausstrahlte, solche Kraft gegeben?

Da war zum einen ihre große Lebensliebe, die glückliche zweite Ehe mit dem 1935 aus Deutschland geflüchteten Galeristen Reinhold Cassirer, einem Neffen des berühmten Philosophen Ernst Cassirer. Sodann das Umfeld jüdischer Anti-Apartheid-Aktivisten, die für ihre Unterstützung des African National Congress (ANC) und Nelson Mandelas langjährige Haft oder Flucht aus Südafrika hatten auf sich nehmen müssen – Menschen wie Arthur Goldreich, Harold Wolpe, Lionel »Rusty« Bernstein, Joe »Jossel« Slovo, Denis Goldberg oder Harry Schwarz.

Nelson Mandela, dessen Shakehands mit Jassir Arafat nach 1994 durchaus für Irritation sorgte, hatte es seinen jüdischen Freunden zeitlebens nie vergessen, dass sie in den Jahrzehnten größter Bedrängnis an seiner Seite gewesen waren. Und was die schändliche und in der israelischen Öffentlichkeit bereits damals kontrovers diskutierte militärische Zusammenarbeit Israels mit dem einstigen Apartheid-Regime betrifft: Es ist das Jüdische Museum in Kapstadt, das ebendiesen Skandal thematisiert, in der besten Tradition jüdischer Ethik und Machtkritik.

Wobei sich »Macht« auf mannigfache Weise manifestieren kann: in südafrikanischen Polizeizellen während der Apartheid, bei ethnisch homogenen Grillpartys sogenannter »aufgeschlossener Weißer«, in »gemischten« Partnerschaften voller Schieflagen und Fallstricke.
Und Nadine Gordimer war die unbestechliche, psychologisch geradezu beängstigend präzise Chronistin all dessen.

Auf den Erpresserbrief aus Gaza von 2008 hatte sie nicht geantwortet, sondern war selbstverständlich nach Israel gefahren.

Als 1979 ihr regimekritischer Roman Burgers Tochter von den südafrikanischen Kommunisten ob vermeintlich »defätistischer Tendenzen« angegriffen wurde, schmuggelte sie ein Exemplar zu Nelson Mandela auf die Gefangeneninsel Robben Island. Kurz darauf erreichte sie klandestin ein handgeschriebener Zettel des Freundes: »Well done, Nadine.« Was sie späterhin, schließlich Nobelpreisträgerin des Jahres 1991, auch dazu ermutigte, die ANC-Korruptionsstruktur der Nach-Mandela-Zeit in ihren Romanen zu demaskieren – und das heuchlerische Hecheln der ehemals dominierenden Weißen gleich mit.

Auf den Erpresserbrief aus Gaza hatte sie nicht geantwortet, sondern war selbstverständlich nach Israel gefahren – und kam mit einem sensiblen, wenn auch ganz und gar nicht unkritischen Text nach Johannesburg zurück. Besagter Professor aber hat sich im vergangenen Monat noch einmal öffentlich zurückgemeldet – mit einem atemberaubend infamen Vergleich des Hamas-Massakers mit dem Warschauer Aufstand von 1944.
Wie tröstlich deshalb, ja offensiv ermutigend, dass es inmitten all dieser bösartigen Verdrehungen und Umwertungen die klare Stimme Nadine Gordimers gegeben hat. Und dass es sie noch immer gibt in ihren zahlreichen Büchern.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Ehrung ohne Preisträgerin

Nach Knieverletzung: Barbra Streisand sagt Cannes-Besuch ab

In Frankreich wollte sie die Ehrenpalme entgegennehmen. Nun hört die Sängerin und Schauspielerin aber auf ihre Ärzte. Das Filmfestival will die Ikone trotzdem ehren

 18.05.2026

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  18.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026

Sachbuch

Pageturner zum Nahostkonflikt

Hamza Abu Howidys Erstlingswerk »Muscheln am Strand von Gaza« erzählt von einer Jugend unter der Terrorherrschaft der Hamas

von Sabine Brandes  17.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  17.05.2026

Das hebräische Alphabet übersetzt in Magnetbuchstaben.

Glosse

Der Rest der Welt

Urlaub in Italien oder Warum ich überall Hebräisch höre

von Nicole Dreyfus  17.05.2026

Kulturkolumne

Meine halbierte Bibliothek

Ein Umzug steht an. Warum Uwe Johnson bleibt und Günter Grass rausfliegt

von Maria Ossowski  17.05.2026

Wien

14 Aktivisten bei Anti-Israel-Demo festgenommen

Vor Beginn des ESC-Finales gab es mehrere Demonstrationen gegen Israels Teilnahme

 17.05.2026