Kino

Srulik in den Wäldern

Auf der Flucht: Kamil Tkacz als Srulik Foto: NFP

Winter 1942/43 im besetzten Polen. Der neunjährige Srulik ist aus dem Warschauer Ghetto geflohen und irrt durch die verschneiten, kalten Wälder. Hunger und Kälte treiben ihn immer wieder in die Dörfer. Essen zu stehlen ist riskant, es drohen Schläge oder Denunziation. Für eine Weile schließt Srulik sich im Wald anderen Kindern an und kann für kurze Zeit wieder aufatmen.

kinderperspektive Es sind die ersten, etwas lichten Momente in dem Film Lauf, Junge, lauf, einem dichten Kinodrama, das Regisseur Pepe Danquart ganz bewusst aus der Kinderperspektive zeigt. Der Filmemacher, der 1994 für seinen Kurzfilm Schwarzfahrer um eine rassistische ältere Dame und einen jungen Schwarzen einen Oscar erhielt, erzählt in seiner neuen Produktion, die kommende Woche in die deutschen Kinos kommt, eine Abenteuergeschichte à la Tom Sawyer oder Huckleberry Finn.

Dabei beschönigt er nicht die historische Wirklichkeit, nimmt von dem Schrecken des Krieges und der tödlichen Gefahr für polnische Juden nichts zurück. Doch Danquart setzt gleichzeitig auf Vielschichtigkeit in der Figurenzeichnung und zeigt Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit, Güte und Verblendung

Bei seiner drei Jahre währenden Odyssee trifft Srulik immer wieder Menschen, die ihm helfen. So begegnet Srulik in einem Dorf Magda, deren Mann und Söhne zu den Partisanen in die Wälder gegangen sind. Sie bringt ihm die katholischen Gebete bei und rät ihm, sich in Zukunft nur noch als Jurek und braver Christ auszugeben. Eine Weile überlebt der Junge auch bei einer weiteren polnischen Familie, die ihn nur schweren Herzens ziehen lässt, als herauskommt, dass er Jude ist. Lange darf Srulik/Jurek nie an einem Ort bleiben. Ständig muss er um sein Leben laufen, gehetzt von der SS, deutschen Soldaten, polnischen Antisemiten, die ihn denunzieren, um von den Besatzern Belohnungsgeld zu kassieren.

mut Pepe Danquart feiert den Mut eines Kindes, das immer wieder fliehen muss, traumatische Trennungen zu verkraften hat, dabei jedoch nie den Glauben an die Menschen und das Leben verliert. In diesem Sinn ist für den Regisseur sein Film eine »Hommage an alle Kinder«.

Das junge polnische Zwillingspaar Andy und Kamil Tkacz als Jurek/Srulik ist eine Entdeckung. In Nebenrollen sieht man Jeanette Hain als deutsche Gutsbesitzerin, die Jurek hilft, und mit Zbigniew Zamachowski und Grazyna Szapalowska bekannte polnische Darsteller. Der populäre israelische Schauspieler Itay Tiran spielt den Aktivisten Moshe Franklin, der Jurek nach Kriegsende wieder mit seiner jüdischen Identität als Srulik konfrontiert. Die hatte der überlebensstarke Junge im Schoß einer polnischen Gastfamilie im Osten des Landes schon fast völlig verdrängt. Und so ist auch der Wiederbeginn nach dem Überleben ein ganz neues Abenteuer.

originalsprache
Ursprünglich war Lauf, Junge, lauf als deutsch-französisch-polnische Koproduktion geplant. Dann stieg die polnische Filmförderung urplötzlich aus. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Das polnische Kino hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit ganz unterschiedlichen Werken dem schwierigen polnisch-jüdischen Verhältnis gewidmet. Das Thema selbst ist kein Tabu mehr. Doch die Sicht eines deutschen Regisseurs war wohl doch nicht allen willkommen. Dennoch wurde Lauf, Junge, lauf, als er im Januar in Warschau Premiere hatte, gefeiert und lief anschließend mit über 100.000 Zuschauern in den polnischen Kinos sehr erfolgreich.

Zuvor hatte Danquart nach dem Wegfall der polnischen Gelder für seine jetzt deutsch-französische Koproduktion in Frankreich nach dort lebenden polnischen Schauspielern suchen müssen, um die französischen Fördergelder nicht zu verlieren. Polen deshalb, weil der Film auf Polnisch und Deutsch gedreht wurde. Die Originalfassung lebt von der Sprachenviel- falt. Auch gestandene deutsche Darsteller wie Rainer Bock oder Jeanette Hain sprechen in dem Film (gebrochen) Polnisch. Der von Bock gespielte zynische SS- Offizier verhört Srulik auf Polnisch und Deutsch, was der der Figur größere Komplexität verleiht. Der SS-Mann jagt und bewundert gleichzeitig diesen Jungen, der sich traut, vor ihm zu fliehen.

Leider hat sich der deutsche Verleih entschlossen, eine völlig durchsynchronisierte deutsche Fassung in die hiesigen Kinos zu bringen. Das schadet dem wirklich gelungenen Werk und nimmt ihm einiges seiner Authentizität. Man kann nur hoffen, dass wenigstens in den Großstädten auch die zweisprachige Originalfassung angeboten wird.

lebensgeschichte
Lauf, Junge, lauf basiert auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Uri Orlev, das wiederum auf den wahren Erlebnissen von Yoram Friedman beruht. Der 78-jährige Friedman lebt heute in Israel und kam während der Verfilmung seiner Lebensgeschichte erstmals nach Deutschland. Am Ende des Films sieht man ihn im Kreis seiner Familie, seiner Kinder und Enkel. Es erfüllt ihn mit Genugtuung, dass nun ein deutscher Regisseur seine Geschichte verfilmte. Und Pepe Danquart, der mit Joschka und Herr Fischer ein wohlwollendes Porträt des Grünen-Politikers drehte und mit Höllentour einen spannenden Dokumentarfilm über die Tour de France, kann nun endlich auch einmal mit einem Spielfilm überzeugen.

Medizin

Mit mRNA-Impfstoff gegen die Lungenpest

In Israel ist der weltweit erste mRNA-basierte Impfstoff gegen ein tödliches antibiotika-resistentes Bakterium entwickelt worden

von Sabine Brandes  03.01.2026

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 02.01.2026 Aktualisiert

Theater

Zwischen Witz und Wut

Avishai Milstein erinnert in seinem neuen Stück in den Münchner Kammerspielen an Philipp Auerbach – mit Samuel Finzi in der Hauptrolle

von Michael Schleicher  02.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

Der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin wird 100 Jahre alt. Er floh 1939 nach Shanghai und ging 1947 in die USA. Heute fragt er sich, ob wir aus der Geschichte gelernt haben

von Axel Brüggemann  02.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025

Kulturkolumne

Der »Seinfeld«-Effekt oder: Curb your Antisemitism!

2026 kann ja heiter werden

von Sophie Albers Ben Chamo  31.12.2025

Sprachgeschichte

Rutsch, Rosch und Rausch

Hat der deutsche Neujahrsglückwunsch wirklich hebräische Wurzeln?

von Christoph Gutknecht  31.12.2025 Aktualisiert