»Berlin Station«

Spionage in der Pestalozzistraße

Dass die Amerikaner Gefallen an Berlin und Brandenburg gefunden haben, ist nichts Neues, weder in Sachen Tourismus noch bei Film- und Fernsehproduktionen. Letztere werden nicht mehr nur in Babelsberg gedreht, sondern spielen auch immer häufiger in der Hauptstadt, ob nun Jason Bourne oder Inside Wikileaks oder Homeland. Insofern ist die US-Serie Berlin Station, die vergangenes Jahr im amerikanischen Fernsehen Premiere hatte und deren erste Staffel seit Kurzem bei uns auf Netflix zu sehen ist, zunächst einmal eigentlich nichts Besonderes.

Auch das Setting der Serie ist kein ganz Neues. Von jeher ist Berlin im internationalen Krimi-Kontext die Stadt der Geheimdienste, und so spielt Berlin Station – der Titel macht es deutlich – in der hiesigen CIA-Abteilung, zu finden hinter verschlossenen Türen der US-Botschaft am Brandenburger Tor. Dort herrscht große Aufregung, weil jemand aus den eigenen Reihen Interna an die Öffentlichkeit weitergibt und niemand im Team von Stations-Chef Steven Frost (Richard Jenkins) mehr seinen Mitstreitern über den Weg traut.

Verfassungsschutz Neuankömmling Daniel Miller (Richard Armitage) soll undercover ermitteln, was natürlich leichter gesagt als getan ist. Bald liegt eine Informantin tot auf der Straße, während die vermeintlichen Verbündeten vom deutschen Verfassungsschutz eine ganz eigene Agenda haben; potenzielle islamistische Terroristen gilt es auch noch zu beobachten.

So erwartbar sich eine solche Kurzbeschreibung der ersten zehn Folgen (eine zweite Staffel wird zurzeit gedreht) liest, so überzeugend ist Berlin Station anzusehen. Das Erzähltempo ist zwar vergleichsweise ruhig, was aber nicht heißt, dass die Serie keine Spannung entwickelt.

Ihre eigentlichen Stärken, die sie nicht zuletzt von Homeland unterscheiden, hat sie allerdings anderswo. Das bemerkenswert authentische Berlin-Bild etwa ist ein Alleinstellungsmerkmal: Gedreht wurde ausgesprochen viel an Originalschauplätzen (unter anderem in der Synagoge Pestalozzistraße; der Berliner Gemeinderabbiner Jonah Sievers ist in mehreren Einstellungen zu sehen), und niemand ist hier in fünf Fußminuten vom Ku’damm am Gendarmenmarkt.

mossad Ein anderes Alleinstellungsmerkmal sind die grandiosen Darsteller und die facettenreichen Konflikte, mit denen sie ringen. Heimlicher Star des Ensembles ist Leland Orser als jüdischer Deputy Chief Robert Kirsch, der nicht nur sein Judentum und Privatleben ausloten muss, sondern sich auch auf ein undurchsichtiges Spiel mit dem Mossad einlässt.

Dass dessen Agentin Golda Friedman von Daniela Ziegler und nicht von einer israelischen Schauspielerin gespielt wird, ist der einzige unauthentische Moment in Berlin Station. Doch weil auch sie ihre Sache ausgesprochen gut macht, sieht man ihn dieser überzeugenden Serie gerne nach.

Die erste Staffel »Berlin Station« ist beim Streaming-Dienst Netflix zu sehen.

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026