Georg Stefan Troller

»Spezialist für Heimweh«

Georg Stefan Troller Foto: Chris Hartung

Georg Stefan Troller

»Spezialist für Heimweh«

Der Schriftsteller, Fernsehjournalist und Dokumentarfilmer wird 95

von Christian Buckard  05.12.2016 18:57 Uhr

Das Telegramm, das der junge Georg Stefan Troller in Guatemala auf dem Postamt vorfand, war von seinem Vater: »Wie lang gedenkst du dich noch herumzutreiben?« Was sollte der Sohn darauf antworten? Eine Heimat besaß der 1938 aus Wien vertriebene Troller ja nicht mehr.

Einige Wochen lebte er in einem Indiodorf, dessen Medizinmann ihn adoptiert hatte. Den staunenden Kindern erzählte Troller von den großen Städten. Unter den Indios hätte der Wiener Ex-GI ein anderer Mensch werden, sich »häuten«, vielleicht sogar ein Zuhause finden können. Doch Troller widerstand der Versuchung, auch den schüchternen Avancen der Tochter seines Gastgebers.

»Im Gegensatz zu den von mir so bewunderten Abenteuerheroen«, erinnert sich Troller, »fehlte mir der Mut zum Unbedingten.« So zog er Ende der 40er-Jahre in eine Stadt, die ihm einzigartig vertraut, doch nie ein Zuhause werden sollte: Paris. Hier arbeitete er zunächst für den RIAS und erhielt 1962 das Angebot, für das WDR-Fernsehen das »Pariser Journal« zu machen.

ZDF Trollers eigenwilliges und revolutionär subjektiv gestaltetes Journal schlug ein, die Einschaltquoten erreichten die 50-Prozent-Marke. Knapp zehn Jahre später wurde Troller Sonderkorrespondent des ZDF in Paris, drehte überall auf der Welt Dokumentarfilme und rund 70 Porträts seiner Reihe Personenbeschreibung. Damit erhob Troller das Fernseh-Interview zu einer bis heute unerreichten Kunstform. Ob er mit französischen Gangstern, Zeitungsverkäufern oder Prostituierten sprach, ob er Piaf, Gabin, Belmondo oder Juliette Greco interviewte, immer setzte Troller alles daran, so zurückhaltend wie nachbohrend zum »Beichtvater« der Unbekannten und Berühmten zu werden.

Und gleichzeitig wurde er in diesen gefilmten Interviews auch sein eigener Dokumentarist. »Jetzt hatte ich die Möglichkeit, über andere Menschen zu mir selbst zu kommen. Das war es. Dass ich über andere Leute erfahren wollte, wer ich bin. Es ging um Selbstrettung!« Leider haben sich bis jetzt weder WDR noch ZDF dazu entschließen können, eine Werkausgabe Trollers auf DVD herauszubringen. Aber da gibt es ja Trollers Bücher, vor allem seine 1988 veröffentlichte Autobiografie Selbstbeschreibung, eines der faszinierendsten deutschsprachigen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts.

Archiv Zwischen 1981 und 1986 entstand Trollers autobiografische Film-Trilogie Wohin und zurück, Regie führte Axel Corti. Als Troller 90 Jahre alt wurde, entdeckte Paris diesen für das österreichische Fernsehen gedrehten Dreiteiler neu, wochenlang wurde er in den Programmkinos gezeigt, vor rund 200.000 Besuchern. Trollers Archiv wird in der Deutschen Kinemathek in Berlin aufbewahrt, noch bis zum 18. Dezember zeigen zwei Berliner Kinos eine kleine Werkschau des Filmemachers, der am 10. Dezember 95 Jahre alt wird.

Und wer sich einige von Trollers TV-Dokumentationen ansieht, wird sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass die besten Zeiten des deutschen Fernsehens in der Vergangenheit liegen. Immerhin erschien im September Trollers neues Buch mit dem passenden Titel Unterwegs auf vielen Straßen. Die von seinem Vater beklagte »Herumtreiberei« hat Troller, »als Emigrant Spezialist für Heimweh«, nie aufgegeben.

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026