TV-Tipp

Sky zeigt Doku über die Familie von Auschwitz-Kommandant Höß

Hans-Jürgen Höss mit Sohn Kai und Maya Lasker-Wallfisch in Auschwitz Foto: picture alliance / COLLECTION CHRISTOPHEL

»Mein Vater war Rudolf Höß, Lagerkommandant in Auschwitz«. Ein unvorstellbarer Satz. Was ist das für ein Mensch, der diesen Satz wahrheitsgemäß ausspricht? Viel ist über ihn nicht bekannt. Nach der Hinrichtung seines Vaters, der 1947 an der Stätte seines grauenvollen Wirkens erhängt worden war, bemühte sich die Familie von Höß jr. offenbar erfolgreich, seine Identität zu verbergen. In ihrem britisch-amerikanischen Dokumentarfilm von 2024 porträtiert Daniela Völker nun den 1937 geborenen Hans-Jürgen Höss, der sich bewusst anders schreibt als der Vater.

»Der Schatten des Kommandanten« ist eine dokumentarische Ergänzung zu Jonathan Glazers Kinofilm über das gleiche Thema. Dessen Titel »The Zone of Interest« ist die englische Übersetzung jener bürokratischen Nazi-Sprache »Interessengebiet des KL Auschwitz«, mit der Rudolf Höß seinerzeit das gesamte Gebiet samt angrenzenden Arealen bezeichnete, die von der SS auch für wirtschaftliche Zwecke genutzt wurden. In Begleitung der Kamera kehrt sein Sohn erstmals hierhin zurück.

Gemütlich und mit Blick auf den Schornstein

Im Garten der ehemaligen Dienstvilla wird ihm ein Foto gereicht. Zu sehen ist darauf, wie er als Kind an genau jenem Ort in einem Spielzeug-Flieger sitzt - eigens für ihn gebastelt von jüdischen KZ-Insassen, die danach womöglich vergast wurden. Noch einmal durchschreitet der Sohn das Haus, in dem seine Familie seinerzeit lebte. Er beschreibt, wie gemütlich es war und wie sein Vater im Wohnzimmer stets ohne Uniform erschien.

Beim Blick aus dem Fenster konnte man von hier aus den Schornstein des Krematoriums sehen. An Rauch könne er sich aber nicht erinnern, so Höss. Nur einmal habe er mitbekommen, wie ein Häftling auf der Flucht erschossen wurde. Beiläufig, aber doch mit Bestimmtheit erwähnt Höss, er habe hier eine harmonische Kindheit verbracht. Kein böses Wort über seinen Vater kommt diesem trotz seines hohen Alters kindlich anmutenden Mann über die Lippen.

Schwer erträgliche »Banalität des Bösen«

Gewiss, dieser Höß Junior ist unschuldig an jenem industriellen Massenmord, den sein Vater vor 80 Jahren wesentlich mit zu verantworten hatte. Die buchstäbliche Banalität des Bösen, in die der Film Einblicke gibt, ist dennoch schwer erträglich. Und so erweitert sich die Perspektive kontinuierlich. Ausführlicher zu Wort kommt Hans-Jürgen Höss‘ Sohn Kai, Jahrgang 1962, der sich als Pastor einer Freikirche konkreter mit dem Holocaust auseinandersetzt als sein Vater.

Da auch diese beiden Protagonisten den Film nicht alleine tragen, fügt die Regisseurin als dramaturgischen Höhepunkt eine tatsächlich außergewöhnliche Begegnung hinzu. Daniela Völker erinnert nämlich auch an die bewegende Geschichte von Anita Lasker-Wallfisch, einer überaus beeindruckenden heute 99-Jährigen. Sie hat Auschwitz überlebt, weil sie als einzige Cellistin im Lager gebraucht wurde. Zu Wort kommt auch deren Tochter Maya, die sich grämt, weil Anita Lasker-Wallfisch ihr aufgrund des Auschwitz-Traumas keine gute Mutter sein konnte.

Die Begegnung zwischen Lasker-Wallfisch und dem Sohn des Lagerkommandanten beobachtet man mit gemischten Gefühlen. Sie hat zwar durchaus etwas Versöhnliches. Doch als Hans-Jürgen Höss die Holocaust-Überlebende um Verzeihung bittet, scheint dies eher für die Kamera arrangiert zu sein. Eine weitere dramaturgisch bedeutsame Begegnung verschiebt den Fokus auf Hans-Jürgen Höss und seine in die USA ausgewanderte Schwester Brigitte. Beide haben sich seit 50 Jahren nicht mehr gesehen und besuchen jetzt das Grab ihrer Mutter Hedwig, die 1989 in den USA beigesetzt wurde - anonym.

Gespenstischer Auftritt

Der Film reißt viele, vielleicht sogar zu viele Geschichten an. In einigen Aha-Momenten eröffnet er dennoch neue Perspektiven. Der Auftritt dieses alten Mannes, der sich mit seiner Vergangenheit bislang wenig auseinandersetzte - und auch die Autobiografie seines Vaters »Kommandant in Auschwitz« nie gelesen hat - wirkt schon etwas gespenstisch.

Lesen Sie auch

In ihren stärksten Momenten wirft die Dokumentation die Frage auf, wie Rudolf Höß für die fabrikmäßige Tötung von über einer Million Juden maßgeblich mitverantwortlich war - und als Massenmörder trotzdem in der Erinnerung seines Sohnes ein liebevoller Vater geblieben zu sein scheint. Aber für dieses Rätsel gibt es wohl keine Lösung. Der im Titel genannte »Schatten des Kommandanten« ist wahrhaft dunkel.

»Der Schatten des Kommandanten«, Regie: Daniela Völker, ab 14. Februar auf Sky.

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Heidelberg

Hüter des Gedächtnisses

Im Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden liegt alles, was jüdische Gemeinden seit 1945 in Deutschland an Dokumenten produziert haben. Jens Hoppe, der Leiter der Einrichtung, sichert die Zukunft der Bestände

von Eugen El  19.08.2026

Programm

Ein Moped-Gottesdienst, Kaffee, Kuchen und ein Zirkus-Koffer in Frankfurt: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 20. August bis zum 27. August

 19.08.2026

Orlando (Florida)

Harrison Ford wird erneut zu Indiana Jones

Diesmal wird der jüdische Darsteller kein Abenteuer auf der Leinwand erleben. Aber worum geht es dann?

 19.08.2026

Film

25 Jahre »A.I.«: Odyssee eines Roboter-Jungen

Ein Vierteljahrhundert ist Spielbergs Film »A.I. – Künstliche Intelligenz« jetzt alt. Das Werk ist extrem rührselig, aber dennoch sehenswert. Und es wirft Fragen auf, die auch 2026 sehr relevant sind

von Gregor Tholl  19.08.2026

Film

Überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham

In der Slasher-Satire »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« von Jane Schoenbrun spritzt Blut, Gillian Anderson flirtet und eine junge Regisseurin versucht, ihre eigene Lust zu verstehen

von Shireen Broszies  19.08.2026

Frankfurt am Main

Friedenspreis: Mirjam Zadoff hält Laudatio auf Philipp Sands

Der Menschenrechtsanwalt Philippe Sands erhält eine der angesehensten Auszeichnungen Deutschlands. Nun wurde die Laudatorin bekanntgegeben

 19.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026

Kino

»Hiddensee« - Ein Inselparadies, nicht frei von Widersprüchen

Punk am Strand, Kunst und Politik im Laufe der Zeit - eine Doku über die Ostseeinsel Hiddensee und ihre wechselvolle Geschichte

von Kira Taszman  18.08.2026