Nationalsozialismus

Ski Heil und Zwangsarbeit

Bergsteiger ist Matthias Breit nicht. Auch ein Studium der Geschichtswissenschaft fehlt in seinem Lebenslauf. Doch der 46-jährige Österreicher leistet mit seiner Frau Irm und seinem Sohn Johannes seit einigen Jahren sehr wichtige Forschung, um die NS-Zwangsarbeit im hochalpinen Gebiet, auf 2.900 Metern Höhe, aufzuklären – im Molybdänbergwerk Vals-Alpeinerscharte in Tirol, nicht weit vom Zillertal. Breit verfügt über eine große Fotosammlung, die die Geschichte des Bergwerks auf einzigartige Weise dokumentiert.

Die etwa 800 Fotos hat er teils »auf detektivische Weise« gefunden, sagt er. Sie stammen vor allem aus zwei Quellen: Der Lagerleiter des Bergwerks hatte oft eine Kamera dabei, und die Frau des Architekten, die ihren Mann oft bei der monatlichen Baustellenbegehung begleitete, war Fotografin. »Wir haben fast nur Gutwetterfotos«, sagt Breit, »denn bei schlechtem Wetter fielen die Begehungen meist aus.« Das verfälsche den Eindruck, schließlich gehöre zu den besonderen Härten der hochalpinen Zwangsarbeit, dass sie auch in schneereichen Wintern stattfand. Etliche alpine Großprojekte wie etwa der Silvretta-Stausee wurden von Zwangsarbeitern errichtet. Viele starben dort.

Molybdän Was die NS-Führung unterhalb der Alpeiner Scharte suchte, war Molybdän – ein Rohstoff, der für die Legierung von Panzerrohren eingesetzt wird und sehr selten ist. Im Deutschen Reich fand sich kein Molybdän, das größte europäische Vorkommen war in Norwegen, zur Kriegsvorbereitung hatte Deutschland über 32 Prozent der Weltmolybdänerzeugung aufgekauft. Die Aussicht, in den Alpen diesen wertvollen Stoff zutage zu fördern, ließ die Wehrmachts- und NS-Führung alle finanziellen Beschränkungen vergessen. Das Oberkommando der Wehrmacht forderte 1941 »den sofortigen Ausbau der Lagerstätte zur Förderung«.

Die anfänglich erforderliche Infrastruktur kam von den Bergsteigern: Nahe des zu errichtenden Werks stand die Geraer Hütte des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins. Im Sommer 1941 wurden zunächst leicht verwundete Wehrmachtssoldaten abkommandiert, die mit Hilfe von Mauleseln Baustoffe hochtrugen. Die Geraer Hütte war Quartier und Materiallager. Anfang 1942 kamen italienische Zivilarbeiter dazu, und kurz darauf wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. »Mit primitivsten Mitteln wie Schubkarre, Hacke und Schaufel wurden hochtechnische Anlagen gebaut«, sagt Matthias Breit.

Auf einem Foto sieht man eine endlose Kolonne von Männern. »Das sind 900 Zwangsarbeiter, die ein 400 Meter langes Starkstromkabel transportieren«, erläutert Breit. »Um das Tempo zu halten, wurden auch Knüppel eingesetzt.« Solche Bilder offenbaren, dass sehr viele Zwangsarbeiter im Einsatz gewesen sein müssen. Wie viele, konnte Breit bislang nicht ermitteln. »Sie waren bei unterschiedlichen Firmen beschäftigt, und ihre Akten liegen heute noch bei der Tiroler Gebietskrankenkasse, die aus Datenschutzgründen die Herausgabe verweigert.« Das Gros kam aus der Ukraine und Weißrussland, ob auch jüdische Arbeiter eingesetzt waren, weiß Breit nicht.

bergwanderer Die Fotos zeigen manchmal auch Bergwanderer. Mit leichtem Gepäck schreiten sie an den Zwangsarbeitern vorbei. »Wir haben drei Berichte von Bergtouristen gefunden«, erzählt Breit. »Einer war zum Skifahren dort.« 1942 wurde das Areal um die Alpeiner Scharte zum Naturschutzgebiet erklärt. Die Kriegsgefangenen mussten Häuser im »alpenländischen Baustil« errichten.

Aus den Berichten der Wanderer und Skifahrer geht hervor, dass oft kranke und verletzte Zwangsarbeiter ins Tal gebracht werden mussten. Schließlich hausten sie in schlecht isolierten und feuchten Holzbaracken. Die deutschen und österreichischen Ingenieure sowie die zivilen Arbeitskräfte waren in beheizbaren Steinhäusern untergebracht. »Die Holzbaracken standen in lawinengefährdetem Gebiet«, sagt Breit. 1944 kam es zu einer Katastrophe. »Eine Staublawine begrub 22 Menschen unter sich, davon 20 ukrainische und weißrussische Zwangsarbeiter.«

Der Aufwand, den die Nazis auf dem Rücken der Zwangsarbeiter betrieben, führte übrigens zu nichts. Sechs Millionen Reichsmark flossen in das Projekt, ursprünglich wurden dort 750 Tonnen Molybdän vermutet, 1945 betrug die Schätzung nur noch 24 Tonnen. Gefördert wurde nie etwas. »Kein einziges Gramm«, sagt Breit. Offiziell stillgelegt wurde das Bergwerk nie. »Offiziell wurde es ja auch nie eröffnet.«

Was man in den Stollen bis heute findet, sind Sohlen von Holzschuhen, Keramikteller, Dosen, Münzen – auch ein selbst hergestelltes Schachspiel hat Breit gefunden. 2013 wird, unter Mithilfe Breits, im Technischen Museum Wien eine Ausstellung zur Zwangsarbeit gezeigt. »Zahlreiche technische Großprojekte in Österreich waren nur mit Hilfe von Zwangsarbeitern möglich«, sagt er. »Aber der Zusammenhang wurde nie thematisiert.« Was Breit und seine Familie machen, war vielen Historikern keine größere Beschäftigung wert. Doch sie kümmern sich um das, was Bergsteigern in der Alpeiner Scharte noch nie auffiel. Seit 1940 nicht.

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