Erinnerung

Servus Moidi

Jahrhundertfrau: Anna Maria Jokl 1911 – 2001 Foto: Atelier Jacobi (1930)

Erinnerung

Servus Moidi

Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Anna Maria Jokl

von Carsten Hueck  20.01.2011 11:28 Uhr

Fährt man von Tel Aviv nach Jerusalem, grüßen stumm am Ortseingang die Toten. Oberhalb der Straße erstreckt sich ein riesiger Friedhof, der ebenso unaufhörlich wächst wie die Siedlungen an anderen Rändern der Stadt. Seit 2001 nicke ich hinauf und sage »Servus Moidi«. »Moidi«, das war der Kosename der Schriftstellerin Anna Maria Jokl, eingeschrieben auch in ihren Grabstein am Hang des Har ha Menuhot. Das Kindermädchen in Wien, wo Anna Maria Jokl am 23. Januar 1911 geboren wurde, hatte sie so gerufen. Wien, Berlin, Prag, London, Zürich, Ostberlin, Westberlin, Jerusalem. Das waren die Stationen eines Weges, der geprägt war von Abbrüchen und Neuanfängen. Gewähltes Ziel war allein Israel, »in historischer Konsequenz«. Und wie Jehoshua Bin Nun, über den sie einen erhellenden Essay schrieb, erreichte sie das Land tatsächlich – als letzte Station ihres bewegten Lebens.

jahrhundertzeugin »Sechs Leben an jeweiligen Brennpunkten unserer Epoche« hat Anna Maria Jokl geführt. Begonnen unter der Regentschaft des Kaisers Franz Joseph und beendet unter der Regierung Ariel Scharon. Man kann sich vorstellen, was dazwischen an Erfahrungen liegt. »In mir sind ja die ganzen geologischen Schichten der europäischen Geschichte«, sagte sie mir einmal, »die ganzen Veränderungen, wo Völker und Länder zugrunde gingen und völlig neue Gruppierungen entstanden. Ich bin geboren noch knapp vor Beginn des Ersten Weltkrieges. Ich erinnere mich genau an den Erker in unserer Wiener Wohnung, wo ich als halbes Kind stand und aus dem ersten Radioapparat hörte, dass Lindbergh über den Ozean geflogen ist … Ich habe miterlebt das Kommen von Hitler in Deutschland, ich habe miterlebt Prag, das Zugrundegehen des wunderbaren Prag, den Einmarsch der Deutschen 1939, das Ende der Republik. Miterlebt den Zweiten Weltkrieg mit zum Schluss fliegenden Bomben.«

Und auch die Tücken des Kalten Krieges danach, Ausweisung, Verleumdungen. Die »Bosheit« eines C.G. Jung, an dessen Institut sie sich zur Psychoanalytikerin ausbildet und der sie, die Jüdin, durch die Prüfung rasseln lässt. Miterlebt hat sie den Sechs-Tage-Krieg in Jerusalem, die Vereinigung der Stadt, den Besuch Sadats, die Ermordung Rabins, Bibi, den sie nicht mochte, der ihr Nachbar war in der Balfourstraße. Sein Wachpersonal bezog oft Posten auf dem Dach des Hauses, in dem sie am Rand von Rehavia wohnte.

Obwohl es eine »ungewöhnliche Anhäufung krasser Veränderungen – kometenhafte Verwirklichungen wie blitzartige Vereitelungen, unterbrochen von unbeweglichen Einöden«– in ihrem Leben gegeben hatte, war Anna Maria Jokl nicht ängstlich. Ihre mehrfach erlittene Entwurzelung empfand sie schließlich als Freiheit. Sie begann von vorne, war immer kreativ, den Blick auf Zukünftiges gerichtet. Stets dabei, als »ständiger, angenehmer Begleiter«, die Zigarette. Jokl rauchte leidenschaftlich und graziös. »Eine Packung passt immer in eine Tasche.« In Phasen der der Erschöpfung oder Depression, war sie sich selbst der stärkste Halt. Verletzlich, doch nie verbittert. Sie legte Wert auf Umgangsformen, ohne steif zu sein. War diskret, doch den Menschen zugewandt. Unerbittlich im ethisch-moralischen Anspruch – und konnte sich gleichzeitig begeistert über Sumo-Ringen, Wrestling und Talk-Shows auslassen.

perlmutterfarbe Nach ihrer Wiederentdeckung als Autorin in den 90er-Jahren, ist schnell klar, wie viel sie in Gang gesetzt, wie eigenständig sie gedacht und gearbeitet hat: Als junges Mädchen Schauspielausbildung an der Piscatorschule in Berlin. Experimente mit Sprache, freies Sprechen vor dem Mikrofon, Lesungen in Gefängnissen, Hörspiele, Aufsätze, Drehbücher. Nach 1933, im Prager Exil, schreibt sie Kinderbücher. 1938 Die Perlmutterfarbe – ein Kinderroman für fast alle Leute, jenes Buch, das ihren Ruhm bis heute begründet. Entstanden aus den Erfahrungen des deutschen Totalitarismus, gültig überall, nimmt es Erkenntnisse der Sozialwissenschaften und Psychologie vorweg.

Als die Wehrmacht in Prag einmarschiert, flieht sie nach London, leitet ein Kinderheim, schreibt Revuen für das Exil-Kabarett. 1950 zurück in Berlin arbeitet sie als Psychotherapeutin und erkennt, Jahrzehnte vor dem israelischen Psychologen Dan Bar-On, als erste die parallele Schädigung von Opfer-und Täterkindern durch den Nationalsozialismus. Sie entdeckt den legendären Schoa-Text Jossel Rackower spricht zu Gott, übersetzt ihn, macht ihn öffentlich. Sie freundet sich mit Martin Buber an, der sie bewegt, nach Israel zu kommen. Im Alter von vierundfünfzig macht sie Alija und lernt Hebräisch, was ihr, der Sprachbegabten, Herausforderung ist und schließlich glückliches Gelingen wird. Ein Jahrhundertmensch war sie. Servus Moidi!

Zum 100. Geburtstag von Anna Maria Jokl sind vor wenigen Wochen Schriften aus ihren Nachlass erscheinen: »Aus sechs Leben«, Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2010, 368 S., 22,90 €

Heidelberg

»Bitte zieht euch nicht zurück!«

Nach ihrer Hochschulrede stellte sich Bundesbildungsministerin Karin Prien Fragen aus der jüdischen Gemeinschaft und den Universitäten

von Ayala Goldmann  23.01.2026

"Imanuels Interpreten" (17)

Carole King: Die lebende Legende

Von einem schüchternen Mädchen mit absolutem Gehör entwickelt sich die jüdische Künstlerin zu einer der einflussreichsten Songschreiberinnen und Sängerinnen

von Imanuel Marcus  23.01.2026

Jerusalem

Dem Vergessen entrissen

In der neuen Yad-Vashem-Ausstellung »Living Memory« werden ausgewählte Gegenstände aus dem Archiv der Schoa-Gedenkstätte gezeigt. Das Schicksal ihrer ehemaligen Besitzer wird dadurch greifbar

von Joshua Schultheis  23.01.2026

Streaming

Jerry Lewis: »From Darkness To Light« jetzt abrufbar

Der SWR zeigt einen Dokumentarfilm über die Entstehung einer nie gezeigten Holocaust-Komödie von und mit dem jüdischen Komiker Jerry Lewis

 23.01.2026

TV-Kritik

3sat-Komödie über einen konvertierenden Juden: Star-Comedian Gad Elmaleh spielt sich selbst

Ein Jude möchte wegen seiner Verehrung der Jungfrau Maria zum Katholizismus übertreten, ohne seine jüdische Familie zu verprellen. 3sat zeigt die autobiografisch gefärbte Komödie des französischen Komikers Gad Elmaleh

von Kira Taszman  23.01.2026

Dokumentation

»Grund zur Sorge und Grund für Hoffnung«

Auszüge aus der Heidelberger Hochschulrede von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) über antisemitismuskritische Bildungsarbeit

von Karin Prien  23.01.2026

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  23.01.2026 Aktualisiert

Toronto

Israelischer Comedian wird stundenlang am Flughafen festgehalten

Guy Hochman braucht Hilfe von Israels Außenminister Gideon Sa’ar, um nach Kanada einreisen zu können. In New York verhindern Israelhasser einen Auftritt

von Imanuel Marcus  23.01.2026 Aktualisiert

"Dschungelcamp"

»Mir tut es leid«: Gil Ofarim überrascht mit Entschuldigung 

Der Sänge steht unmittelbar vor dem Start der Staffel erneut im Mittelpunkt der Debatte

 23.01.2026